Dagmar Jansen zeigt das Plastikei, Horst Müller das Gelege. Im Taubenschlag im Dekanatsgebäude geht es aber nicht immer so ruhig zu. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Von Claudia Bitzer

Nein, Sorgen muss man sich keine machen, dass die Esslinger Altstadt zur taubenfreien Zone werden könnte. Aber die Population in der Stadtmitte ist in den vergangenen 17 Jahren von rund 900 Exemplaren auf 400 zurückgegangen. Fast noch bemerkenswerter: Esslingen gehört neben Augsburg und Tübingen zu den ersten Städten in Deutschland, die das tierschutzgerecht hinbekommen haben. Dagmar Jansen sei Dank. Denn die langjährige Mitarbeiterin im Technischen Rathaus war immer schon überzeugt davon, dass man der Plage anders Herr werden kann als mit roher Gewalt.

Taubenschlag und Eiertausch

Nach mehr als 40 Jahren hat sie sich im Juli aus den Diensten der Stadt verabschiedet – Zeit für eine Bilanz. Ihr Konzept mit Taubenschlägen und Eiertausch hat sie in den vergangenen Jahren zur begehrten Referentin im In- und Ausland gemacht, hat ihr gemeinsam mit ihrem ehrenamtlichen Helfer und Taubenexperten Horst Müller den Landestierschutzpreis eingebracht. Doch der Reihe nach. Mit Grauen erinnert sie sich an die Zeiten, als die Stadt die Tiere „einfangen, betäuben und vergasen oder vergiften ließ“. Sie hatte davon gehört, dass die Stadt Basel Taubenschläge baut und die Eier gegen Attrappen austauscht. Nach einem ersten vergeblichen Vorstoß beim damaligen Baubürgermeister Bonacker fand sie dann bei seinem Nachfolger Willi Wallbrecht und OB Jürgen Zieger offene Ohren. Sie ließen sie machen. Der Tierschutzverein und der Nabu wurden mit ins Boot geholt, weitere städtische Ämter mit einbezogen. Und mit Horst Müller, dem Vorsitzenden des Brieftaubenvereins Berkheim, fand Jansen einen kompetenten und engagierten Mitkämpfer, der als ehrenamtlicher Taubenwart bis zum heutigen Tag ihr Konzept im wahrsten Sinne des Wortes unterfüttert: Dreimal in der Woche steigt er unters Dach des Dekanatsgebäudes, der Stadtkasse und des Technischen Rathauses und auf das oberste Stockwerk des Parkhauses am Bahnhof. Überall dort ist es den beiden gelungen, Taubenschläge einzurichten. Müller füttert die Vögel, mistet ihre Hinterlassenschaften aus und tauscht ihre Eier gegen Plastikattrappen aus.

Jansen erinnert sich noch gut daran, wie Anwohner, Gastronomie und Geschäftswelt aufschrien, als sie im Dekanatsgebäude 2001 den ersten Taubenschlag einrichteten – nach einem langen Weg durch viele Häuser, in denen sie keiner haben wollte. Alle hatten die Sorge, dass geregeltes Futter in einem trauten Heim noch mehr gefiederte Gäste anziehen würde. Doch nach einem Jahr hätten ihnen Zeitungsausträger und Wirte berichtet, dass die Tauben deutlich weniger bettelten, erzählt Jansen. Das artgerechte Füttern binde die Tiere nicht nur an den Standort, sondern sorge auch für ihre Gesundheit und für mehr Hygiene.

Flatterhafte Gäste

„Wir waren auch sehr, sehr erleichtert, als wir in dem ebenfalls 2001 eröffneten zweiten Taubenschlag unter dem Dach der Stadtkasse das erste Gelege gefunden haben.“ Voraussetzung dafür, die Population in den Griff zu bekommen. Müller lässt den städtischen Gästen dabei auch schon einmal auch das eine oder andere Ei. Er weiß: „Wenn sie merken, dass wir ihnen alle wegnehmen, kommen sie nicht mehr.“ 2005 gelang es ihnen erstmals, auch auf einem Gebäude in privater Hand einen Taubenschlag zu bauen: Auf dem Parkhaus am Bahnhof mussten jedoch erst einmal 700 Löcher in den Querträgern beseitigt werden, um den Tauben keinen anderen Unterschlupf zu bieten, erinnert sich Müller. Als das Gebäude später den Besitzer wechselte, war es wieder sehr mühselig, den neuen Eigentümer für flatterhafte Mieter zu begeistern. Immerhin hat er sie mit einem Zaun darum herum dann akzeptiert.

Ebenfalls 2005 hat der damalige wie heutige Landwirtschaftsminister Peter Hauk Jansen und Müller mit dem Landestierschutzpreis Baden-Württemberg dekoriert. Das machte Jansen noch mehr zur gefragten Ansprechpartnerin und Referentin im In- und Ausland, auch Müller ist den eigenen Worten nach „nur noch herumgereicht worden.“

Jansen steht auch nach ihrem Ausscheiden aus dem Rathaus als freie Beraterin für Städte und Gemeinden zur Verfügung, könnte sich so eine Tätigkeit auch für die Stadt Esslingen vorstellen. Arbeit gibt es genug. Zumal sich das Taubenproblem in der Innenstadt zwar beruhigt hat, in der Pliensauvorstadt aber virulenter ist denn je Dort hatte die Stadt die Unterführung taubenfrei gemacht – mit dem Resultat, dass die Vögel ihre Hinterlassenschaften jetzt eben in der Nachbarschaft verstreuen. Jansen: „Hier suchen wir ganz dringend einen Standort für einen Taubenschlag.“

Eine Umfrage zum Thema Tauben in Esslingen gibt's hier.

Anerkannt nicht nur im Land

Das Esslinger Konzept, wie man der Taubenplage tierschutzgerecht Einhalt gebieten kann, ist auch in anderen Städten und Gemeinden auf große Resonanz gestoßen.

So hat Dagmar Jansen 2005 an den Empfehlungen des Landwirtschaftsministeriums zur Einführung und Umsetzung eines Stadttaubenregulierungsgesetzes mitgearbeitet.

2006 fand zudem eine große Veranstaltung des Landwirtschaftsministeriums in Esslingen zu diesem Thema statt.

Zwischen 2002 und 2016 ist die langjährige Mitarbeiterin im Stadtplanungsamt zu verschiedenen Veranstaltungen als Referentin eingeladen worden, etwa 2014 zur internationalen Stadttaubenkonferenz in Wien.

2015 kam eine Delegation aus Paris nach Esslingen, um sich über Problematik und Lösungsansätze auszutauschen. .

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