Wie kommt ein Ziegenbock in den Ratssaal? Kuriositäten wie diese verrät Wolfgang Wiedenhöfer bei seiner neuen Stadtführung durch Waiblingen. Foto: dpa (links)/Gottfried Stoppel (rechts)

Wolfgang Wiedenhöfer ist Stadtrat und Stadtführer in Waiblingen. Nun feiert seine neue Tour Premiere: Der Spaziergang durch 500 Jahre Kommunalpolitik bietet Witziges und Kurioses.

Nichtschwaben dürften mit der Aussprache so ihre Schwierigkeiten haben. „Erschd emmr a Gschroi“ hat Wolfgang Wiedenhöfer seine neue Stadtführung durch Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) betitelt. Eine Anspielung auf das Getöse, das bisweilen im Gemeinderat gemacht wird – und am Ende sind sich dann doch wieder „faschd älle einig“. Am kommenden Samstag, 20. September, feiert der zweieinhalbstündige Spaziergang durch Waiblingen und seine Kommunalpolitik Premiere. Einige Probeläufe habe es aber schon gegeben, erzählt Wolfgang Wiedenhöfer, der seit vielen Jahren Rundgänge mit diversen Themenschwerpunkten durch seine Heimatstadt anbietet.

„Der Rundgang war ein Projekt, das ich mir für den Wahlkampf ausgedacht habe, als interessanten Zugang zur Kommunalpolitik und zum Thema Demokratie“, sagt Wiedenhöfer. Die Idee zündete: Wiedenhöfer hat bei den Wahlen den Sprung ins Stadtparlament geschafft und gehört nun zur Grünen-Fraktion. Und der Spaziergang „wurde quasi zum Selbstläufer“. Wenn bei der Premiere am Samstag alles so läuft wie geplant, dann wird die Tour ins offizielle Programm der städtischen WTM aufgenommen und regelmäßig angeboten.

Bei dem Rundgang durch die Waiblinger Altstadt stehe der Spaß im Vordergrund, erzählt Wolfgang Wiedenhöfer: Die Tour beleuchtet auf kurzweilige Weise, wie sich die Stadtgesellschaft über rund 500 Jahre entwickelt hat. So viel kann man vorab schon verraten: An „kommunalpolitischen Possenreißern“, „rebellischen Volksvertretern“ und „knitzen Remstalrebellen“ herrscht(e) kein Mangel. Eine frühe Episode geht bis ins 15. Jahrhundert zurück, Wolfgang Wiedenhöfer hat sie in der „Schwäbischen Chronik“ entdeckt.

Ärger über sturzbetrunkenen Nachtwächter

Wolfgang Wiedenhöfer am Modell von Waiblingen. In der Stadt bietet er regelmäßig Führungen an. Foto: Iris Förster/cf

Demnach war im Jahr 1476 ein pflichtvergessener Nachtwächter einigen Waiblinger Bürgern ein Dorn im Auge. Der Mann war nämlich im Dienst nicht nur sturzbetrunken, sondern auch noch eingenickt. Sprich: Er machte seinen Job nicht richtig und gefährdete so die ganze Stadt. Um das für aller Augen sichtbar zu machen, baute die Gruppe dem Bericht nach einen in einer Gasse abgestellten Mistwagen auseinander, trug die Einzelteile am selig schlummernden Wachmann vorbei und ins Dachgeschoss des Rathauses hinauf. Dort setzten sie den Wagen wieder zusammen – und zwar so, dass die Deichsel gut sichtbar aus dem Dachfenster hinausragte.

Ziegenbock im Waiblinger Ratssaal

Aber auch aus späteren Jahrhunderten gibt es Skurriles zu berichten. Man denke nur an den Ziegenbock, den die Vertreter der „So-nicht-Sanierer“-Fraktion in den 1980er Jahren trickreich in den Ratssaal schmuggelten, um im Gemeinderat gegen den Abriss der Fachwerkhäuser und den Verlust von bezahlbaren Wohnungen zu protestieren.

Oder an die Pläne, die bereits in den 1950er Jahren vorsahen, eine vierspurige Straße direkt am Waiblinger Hochwachtturm vorbei und hinunter zur Rems zu bauen. Dort sollte der Verkehr über eine ebenfalls vierspurige Brücke in Richtung eines geplanten Einkaufszentrums rauschen. Weder die Straße noch das Einkaufszentrum wurden letzten Endes wahr. Dadurch blieben rund 250 historische Häuser in der Altstadt vor der Abrissbirne verschont. „Ein Theater ist es immer in so einer schwäbischen Stadt mit der Kommunalpolitik“, lautet Wolfgang Wiedenhöfers Fazit.

Der Rundgang klingt im Lokal „Die Vorratskammer“ aus, wo die Teilnehmenden noch sitzen und schwätzen können. Eine schwäbische Leckerei und ein Glas Bier oder Wein sind im Preis von 27 Euro inbegriffen. Die Karten sind in der Touristinformation Waiblingen (0 71 51/50 01 83 21) oder im Internet auf der städtischen Homepage www.waiblingen.de, Stichwort „Veranstaltungen“, unter dem Datum 20. September erhältlich.