Hansi Flick im Höhenflug: In nicht einmal zehn Monaten formt er aus nicht mehr gefürchteten Bayern-Stars das beste Fußball-Ensemble Europas – und dankt anschließend bescheiden seinem Team. Foto: firo Sportphoto/Jürgen Fromme

Der FC Bayern München hat einen Superstar – Trainer Hansi Flick ist die Bescheidenheit in Person und prägt als Erfolgscoach den Champions-League-Sieger.

Stuttgart/Lissabon - Als es nach oben gehen sollte, da wollte Hansi Flick am Boden bleiben. Wie immer. Der Trainer des FC Bayern München kennt sich spätestens seit dem Gewinn der Champions League am Sonntagabend zwar aus mit Höhenflügen, das schon – allerdings hebt dieser Mann nur aus sportlicher Sicht in andere Sphären ab. Ansonsten ist der Erfolgscoach eher die gelebte Bodenständigkeit. Und so überrascht es zu später Stunde kaum, dass sich Flick in der Partynacht im Mannschaftshotel vor den Toren Lissabons etwas ziert, als ihn sein Chef auf die Feierbühne zitieren will.

Seine Spieler johlen von oben, und irgendwann kommt Flick dann doch aufs Podest – wo ihm der Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sagt: „Du bist immer ein so bescheidener Mensch, du hast einen Wahnsinnsjob gemacht, du kannst stolz darauf sein.“

Da Flick öffentliches Lob immer etwas unangenehm ist, schüttelt er etwas peinlich berührt den Kopf, was Rummenigge aber nicht stört. Denn der drückt Flick fest an sich. Und der eine oder andere Beobachter wollte sogar ein Küsschen gesehen haben.

Der neue Fußballkönig Europas

Der größte deutsche Fußballclub also liegt seinem Trainer zu Füßen, und man könnte vielleicht sagen, dass das gerade auch weite Teile Fußballdeutschlands tun – aus guten Gründen. Schließlich hat es noch nie einen Coach gegeben, der in nur zehn Monaten im Amt alles gewonnen hat, was es auf Club-Ebene zu gewinnen gibt. Der als Assistent in eine Saison startet und dann als Chefcoach gegen alle Widerstände wie Corona alles abräumt: Deutsche Meisterschaft, DFB-Pokal, Champions League. Flick holt das Triple. Mehr geht nicht.

Der 55-Jährige ist der neue Fußballkönig Europas – und dazu einer, der qua seines Wesens gar nicht so wahrgenommen werden will. Seine bescheidene Grundhaltung bringt Flick schon seit Wochen nur noch mehr Lob von allen Seiten ein.

Vor der Titelfeier im Hotel warfen ihn seine Spieler nach dem Schlusspfiff des Finals der Königsklasse gegen Paris Saint-Germain auf dem Rasen des Stadions in Lissabon in die Luft – ein gängiges Jubelbild nach großen Triumphen. Aber wohl selten war dieses Motiv ein besseres Sinnbild dafür, wie eng ein Trainer mit seiner Mannschaft verbunden sein kann. Denn Flick und seine Elf, das ist eine echte Einheit – so wie Flick auch mit seinem Mitarbeiterstab eine starke Einheit bildet.

Trost für Neymar

Wie von fast allen seiner Teamkollegen gab es vom Bayern-Nationalspieler Joshua Kimmich nach dem großen Triumph die ultimative Lobhudelei für Flick. „Die menschliche Seite ist top“, sagte Kimmich, „für ihn sind wir nicht nur Spieler, die er für sein System benutzt, sondern er sieht auch wirklich den Menschen dahinter. Das merken wir Spieler und auch die Mitarbeiter.“ Flicks Empathie ging am späten Sonntagabend so weit, dass er nach dem Final-Sieg erst einmal den heulenden Pariser Superstar Neymar tröstete, bevor er sich seinen Mitarbeitern und seinen Spielern widmete.

Auch Friedbert Ohlheiser hat diese Szenen daheim vor dem Fernseher gesehen, und sie überraschten ihn nicht. Ohlheiser lernte Flick vor 26 Jahren kennen, als der nach 148 Bundesligaspielen als Profi für den FC Bayern und den 1. FC Köln mit 29 Jahren in seine Heimat in die Kurpfalz zurückkehrte. Flick heuerte als Spieler beim damaligen Oberligisten FC Victoria Bammental an. Zehn Kilometer von seinem Geburtsort Heidelberg entfernt, ließ der oft durch Verletzungen geplagte Flick mit Ende 20 seine Laufbahn in der Provinz ausklingen – und setzte im Heimatort seiner Frau erste Duftmarken. Er eröffnete ein Sportgeschäft und übernahm nach zwei Jahren als Spieler seinen ersten Trainerjob im 6500-Einwohnerort Bammental.

„Der wird hier immer jeden grüßen.“

Friedbert Ohlheiser, heute Vizepräsident des FC Victoria, war schon damals in verantwortlicher Position beim heutigen Landesligisten tätig. Noch heute steht er mit Flick regelmäßig in Kontakt – und ist kaum verwundert darüber, wie Spieler und Verantwortliche des FC Bayern über seinen Ex-Coach reden. Die Worte Ohlheisers gegenüber unserer Zeitung ähneln jenen aus dem Tross des Rekordmeisters. „Hansi ist ein Menschenfänger“, sagt Ohlheiser, „er nimmt einfach alle im Verein komplett mit, und bei den Spielern interessiert er sich auch für private Belange und deren Familien, das alles war schon in Bammental zu beobachten.“

Vom Platzwart bis zum Stadionsprecher, für alle habe Flick ein offenes Ohr, ergänzt der Vizepräsident, der keine Sorgen hat, dass sich Flick bei all den Erfolgen in seinem Wesen ändert. Die beiden Töchter und die Enkelkinder Flicks leben in Bammental, und wenn Flick in der alten Heimat zu Besuch ist, dann ist er Bammentaler. So sagt es Friedbert Ohlheiser, der betont, dass er es für ausgeschlossen hält, „dass der Hansi sein Näschen mal oben trägt. Der wird hier immer jeden grüßen. Das ist ein hochanständiger und bodenständiger Charakter.“

„Ich erwarte Vertrauen und Loyalität“

Mit diesen Wesenszügen ging es für Flick nach seiner Trainerzeit in Bammental hinaus in die Fußballwelt. Im Jahr 2000 heuerte der Coach bei der TSG Hoffenheim an. Er schaffte den Sprung in die Regionalliga – und dann begann der stille Aufstieg in der zweiten Reihe. Nach einer Zwischenstation als Assistent unter Giovanni Trapattoni bei Red Bull Salzburg wurde Flick im Sommer 2006 Assistent des neuen Bundestrainers Joachim Löw, an dessen Seite er acht Jahre lang blieb. Der WM-Titel 2014 in Brasilien war der gemeinsame Höhepunkt. Flick war damals schon hoch anerkannt in den Spielerkreisen und punktete als loyaler Helfer mit Kompetenz und Empathie – und wurde, das am Rande, nach dem Titelgewinn zum Ehrenbürger Bammentals ernannt.

Danach wechselte Flick in die erste Reihe, das allerdings auf anderer Ebene. Er wurde im Herbst 2014 Sportdirektor beim DFB und steuerte etwas mehr als zwei Jahre das große Ganze beim größten Sportfachverband der Welt. Es ist eine Zeit, die Flick nachhaltig geprägt hat. „Da hatte ich schon viel mit Leitwölfen zu tun, die ich zusammenbringen musste“, sagt er heute im Rückblick. Flick also verfeinerte seinen Führungsstil im Kreise einiger Alphatiere weiter. Heute hat er sich als Trainer des FC Bayern München diese Leitplanken für sein Handeln gesetzt: „Ich erwarte Vertrauen und Loyalität, gebe beides aber auch selber. Zweitens ist die Qualität meiner Mitarbeiter ganz wichtig. Und der dritte Punkt, der das Ganze abrundet, ist der Spaß, den man gemeinsam hat.“

Demut die erste Pflicht

Dazu impft er seinen Spielern nahezu täglich ein, was ihm selbst mit am wichtigsten ist: Überheblichkeit ist ein Unding, Demut die erste Pflicht. Diese Haltung verfestigte sich bei Flick auch in seiner jüngeren Vergangenheit. So lief es nach der Zeit als DFB-Sportdirektor nicht immer rund, seine Zeit als Geschäftsführer der TSG Hoffenheim von Juli 2017 bis Februar 2018 war geprägt von Kompetenzgerangel und Streitereien. Flick wurde nie glücklich in den acht Monaten im Kraichgau. Er weiß also, was es heißt, zu scheitern – was seine Bescheidenheit noch größer werden lässt.

Flick nahm sich nach dem Ende bei der TSG eine fast eineinhalbjährige Auszeit und hatte viel Zeit für die Familie in Bammental, ehe im Sommer 2019 das Angebot des FC Bayern kam, unter dem damaligen Cheftrainer Niko Kovac als Assistent zu arbeiten. Flick war Feuer und Flamme – und im November des vergangenen Jahres nach der Kovac-Entlassung plötzlich Chefcoach.

Gefühl der Unschlagbarkeit

Er schrieb innerhalb von zehn Monaten eine so noch nie da gewesene Erfolgsstory – die Bayern-Führungsspieler Joshua Kimmich so umschreibt: „Der Trainer hat uns von Anfang an ein sehr gutes Gefühl und viel Vertrauen gegeben.“ Und weiter: „Wir hatten ein Gefühl der Unschlagbarkeit.“

Der Gepriesene selbst sprach bei der Titelfeier auf der Bühne im Mannschaftshotel in der Nacht auf Montag auch noch ins Mikrofon – und es überraschte wohl Niemanden im Festsaal, dass er das Lob an sein Team weitergab: „Genießt den Abend! Wirklich Männer, ich bin so was von stolz, dass wir euch begleiten dürfen. Tausend Dank, Männer! Ich habe noch nie so eine Mannschaft trainiert.“