„Wir sind es wert“: 1000 Beschäftigte im öffentlichen Dienst folgten am Donnerstag Verdis Streikaufruf. Auf dem Rathausplatz bekräftigten sie ihre Forderung nach sechs Prozent mehr Lohn und mindestens 200 Euro Gehaltserhöhung. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Am Donnerstag gab Verdi in Esslingen den Ton an. Mit Trillerpfeifen bekräftigen circa 1000 Beschäftigte ihre Forderung nach mehr Lohn. Viele Busse fielen aus, doch die Fahrgäste waren vorbereitet.

EsslingenGrelles Gelb, knalliges Rot und ohrenbetäubender Lärm: Am Donnerstag gab Verdi in Esslingen den Ton an. Mehr als 1000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes versammelten sich nach Angaben der Dienstleistungsgewerkschaft zum Warnstreik zunächst auf dem Blarerplatz. Anschließend zogen die Demonstranten in neongelben Warnwesten mit Trillerpfeifen zum Rathausplatz. Dort fand bei Partylaune eine Kundgebung statt. Was forderte die Gewerkschaft? Wie reagierten die Arbeitgeber? Hatten Betroffene Verständnis? Die Eßlinger Zeitung hat nachgefragt.

Verdi fordert für die Beschäftigten sechs Prozent mehr Gehalt für eine Laufzeit von zwölf Monaten. „Denn die Kassen von Kommunen und Bund sind so voll wie nie“, argumentierte Benjamin Stein, Geschäftsführer vom Verdi-Bezirk Fils-Neckar-Alb. Steins Kritik: „Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst verdienen im Schnitt 25 Prozent weniger als in der Privatwirtschaft.“ Verdis Forderung unterstützten Beschäftigte des Städtischen Verkehrsbetriebs und zahlreicher Kitas, des Klinikums, der Müllabfuhr, der Stadtverwaltung, des Bürger- und Ausländeramts, der Arbeitsagentur, des Jobcenters, der Stadtwerke, des Bauhofs und des Landratsamtes. In den vorangegangenen beiden Verhandlungsrunden hatten die Arbeitgeber kein Angebot vorgelegt. Mit dem Warnstreik will Verdi vor der dritten Verhandlungsrunde am Wochenende in Potsdam den Druck auf die Arbeitgeber erhöhen. Falls kein akzeptables Angebot vorgelegt wird, plant Verdi, die Streiks vom 19. April an auszuweiten. „Im Wahlkampf versprechen Politiker bessere Lebensbedingungen“, beklagte Stein. „Wenn es aber um die Arbeit in der eigenen Stadt geht, sind sie knallharte Arbeitgeber.“

Zusätzlich zu den sechs Prozent mehr Lohn verlangt Verdi ein Plus von mindestens 200 Euro pro Monat. Streikteilnehmerin Monika Reher von der Stadtverwaltung Esslingen unterstützt diese Forderung. „Egal ob Bürgermeister oder Hausmeister – beim Bäcker müssen alle dasselbe fürs Weckle bezahlen“, erklärte sie. Die Lebenshaltungskosten seien für alle gleich, aber der Hausmeister mit seinem niedrigen Grundgehalt profitiere kaum von der sechsprozentigen Gehaltserhöhung. Ihm helfe der Festbetrag mehr als die anteilige Steigerung. Reher ist überzeugt: „Ohne starke Gewerkschaft müssten wir unser Gehalt einzeln verhandeln.“

Hauptrednerin auf der Kundgebung war Irene Gölz. Die Verdi-Landesfachbereichsleiterin für Gesundheit, soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen forderte monatlich 100 Euro mehr Lohn für Praktikanten und Lehrlinge sowie eine Übernahmegarantie nach abgeschlossener Ausbildung. „Denn Ihr müsst genug Geld verdienen, um damit ohne Unterstützung Eurer Eltern leben zu können“, ruft Gölz den Jugendlichen auf dem Rathausplatz zu. Bund und Kommunen müssten konkurrenzfähige Löhne zahlen. „Damit junge Leute nicht zu Daimler gehen, anstatt sich für eine Ausbildung bei Kita, Krankenhaus oder Pflegeheim zu entscheiden.“

Auch die Stadt Esslingen will ein attraktiver Arbeitgeber sein. „Darum ist eine gute Entlohnung auch in unserem Interesse“, sagte Pressesprecher Roland Karpentier. „Gerade, um die leeren Stellen im Bereich Pflege und Erziehung zu besetzen.“

Von den 30 städtischen Kitas blieben am Donnerstag neun geschlossen. Der Kindergarten in der Plochinger Straße 24 hatte dagegen normal geöffnet – allerdings nur diesmal, um ein von langer Hand geplantes Projekt für die Kinder nicht absagen zu müssen. Beim letzten Streik waren fünf der sechs Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen dabei – auch die Leiterin Renate Seifert. Weil sie für die Wertschätzung ihres Berufs kämpft. „Wir haben einen Bildungsauftrag“, betonte sie. „Darum sollte die Arbeit entsprechend entlohnt werden.“ Von einer Gehaltserhöhung erhofft sich Seifert auch mehr Nachwuchs – gerade bei den Männern. „Denn die Kinder brauchen auch männliche Rollenvorbilder.“ Bei den Müttern ist Seifert auf breites Verständnis gestoßen. „Mich stört der Streik nicht“, sagte Natasa Murko, als sie ihren Sohn abholte. „Ich bin sowieso zu Hause. Für berufstätige Eltern wird es da schon schwieriger.“

Zum Beispiel für Claudia B.: Normalerweise fährt sie mit der Stadtbahn direkt von Ostfildern zur Arbeit nach Stuttgart. Am Donnerstag aber fielen die Stuttgarter Straßenbahnen und viele Buslinien des Stadtverkehrs Esslingen aus. Darum musste B. zuerst mit dem Bus nach Esslingen kommen und anschließend umsteigen in den Zug nach Stuttgart. Aus den 22 Minuten Fahrzeit wurden eine Stunde und 20 Minuten. Ihre beiden Kinder hatte sie bei der Oma abgegeben, weil die Kita bestreikt wurde. „Der Streik trifft die empfindlichsten Mitglieder der Gesellschaft“, kritisierte B. „Mütter mit Kindern und Menschen mit geringem Einkommen, die sich kein Auto leisten können.“ Zum Glück hatte sie zwei Tage vorab von dem Streik erfahren und konnte umplanen. Auch Pirmin Hirsching vom Liederkranz Wernau findet den Streik im öffentlichen Nahverkehr unnötig. „Bei Verhandlungen ist es üblich, dass sich die Tarifpartner knapp über der Hälfte der geforderten Lohnsteigerung treffen“, meinte er. „Das wissen alle bereits vorher.“ Er selbst ist dieses Mal vom Streik verschont geblieben. Die Linie 120 brachte ihn und 20 weitere Sänger zum Chortreffen nach Nellingen. „Sonst hätten wir absagen müssen.“

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