Vor 60 Jahren kamen Stuttgarter Jugendliche beim Wandern in den Vogesen ums Leben. An ihren Gräbern erinnert jetzt eine Tafel an ein Bergunglück, das heute kaum noch denkbar wäre.
Am Rand des kleinen Friedhofs in Stuttgart-Birkach stehen zwei dunkle Stelen dicht beieinander. Grünes Moos bedeckt den Granit. Die beiden wenig beachteten Gräber gibt es schon seit fast 60 Jahren. Aber erst seit wenigen Wochen liegt vor den Stelen ein flacher Stein auf der Erde. Herbstlaub bedeckt ihn dieser Tage. Durch die Blätter schimmert eine silberne Tafel.
Die Inschrift darauf erzählt von einem tragischen Unglück, das sich 1965 in den Hochvogesen ereignet hat und in Stuttgart wie im Elsass damals großes Aufsehen erregte und Bestürzung auslöste. Den Stein und die Tafel hat kürzlich die Stadt Stuttgart auf Betreiben des ehemaligen Wirtschaftsbürgermeisters Rolf Lehmann anbringen lassen. Dem Engagement des 88-Jährigen ist es auch zu verdanken, dass die alten Gräber inzwischen als erhaltenswert gelten.
Der Gruppenleiter gilt als zuverlässig
Tödliche Bergunglücke sind aus den Alpen bekannt. In Mittelgebirgen wie den Vogesen oder dem Schwarzwald kommen sie heute nur noch selten vor, auch wenn sie nicht ausgeschlossen sind. Am 28. Dezember 1965 aber riss ein solches Unglück zwei junge Männer aus dem Leben.
Thomas Retter (16), Manfred Lenkner (17), Dietmar Klädtke (18) und Jürgen Kübler (20) sind zu dieser Zeit Mitglieder der Birkacher Jungenschaft der Evangelischen Jugend. Alles in allem besteht die Gruppe aus 15 Jungs, einige noch Schüler, manche schon Lehrlinge. Geleitet werden sie von Jürgen Kübler. In der Jugend-Organisation besitzt er den Ruf, ausgesprochen zuverlässig und überlegt zu sein. In kaum einem Zeitungsartikel wird dieser Hinweis später fehlen.
Die vier jungen Männer brechen am 26. Dezember nach dem Weihnachtsfest auf, um, wie bereits in den Jahren zuvor, eine Unterkunft für die kommende Sommerfreizeit der Jungenschaft auszukundschaften. Eigentlich wollten sie zu fünft sein, doch der 17-jährige Jürgen Benz muss wegen einer Erkältung daheim bleiben. Die Wahl ist in diesem Jahr auf die französischen Vogesen gefallen. Die letzte Freizeit hatte die Jugendgruppe nach Mellau im Bregenzer Wald geführt. Ein Farbfoto der vier Freunde ist davon erhalten und zeigt sie lachend Kühe über eine Weide treibend.
Mit Rucksäcken, Skiern und Proviant bepackt besteigen sie am zweiten Weihnachtsfeiertag in Stuttgart in den Zug. Er bringt sie über Straßburg und Colmar nach Metzeral, einem Dorf im französischen Münstertal, das wegen seines Käses berühmter ist als wegen der steilen Berge, die es säumt. Von hier wandern die vier weiter bis nach Mittlach am Fuß des 1315 Meter hohen Rothenbachkopfs. Dort oben, hinter dem Gipfel, verläuft die Passstraße, an der auch Hütten stehen sollen. Das eigentliche Ziel der Gruppe.
Die Erinnerungen schmerzen noch heute
Vom Tal aus betrachtet, ragt die dunkle Ostwand des Rothenbachkopfs jäh empor. Und tatsächlich gilt der Berg vor allem im Bereich seines Gipfels als einer der steilsten in den Vogesen. Ein gut 900 Höhenmeter langer, zum Teil alpiner Anstieg, den sie teils auf Skiern zurücklegen müssen, steht ihnen bevor. Doch zuerst wollen sie in Mittlach übernachten. Bei einem Bauern finden sie Quartier im Heu. „Der Schober lag über dem Kuhstall“, erinnert sich Manfred Lenkner. Dort sei es trotz der winterlichen Kälte in den Schlafsäcken warm gewesen. Der heute 77-Jährige hat sich bereit erklärt, über die Ereignisse zu sprechen. Zu erzählen, was genau zwischen dem 26. und 28. Dezember 1965 in den Vogesen geschah. Keine Selbstverständlichkeit, wie sich zeigen wird. Die Erinnerungen schmerzen noch heute.
Manfred Lenkner ist damals schon fast zehn Jahre in der Jugendgruppe der Kirche aktiv. „Auf Jürgen“, gemeint ist Jürgen Kübler, „konnten wir uns immer blind verlassen“, sagt er. Dennoch spricht Lenkner von zwei „fatalen Trugschlüssen“, denen die Jugendlichen damals aufgesessen seien. „Der erste Fehler war, dass wir glaubten, die Vogesen seien klimatisch mit dem Schwarzwald vergleichbar.“ Der zweite, dass die Route des Crêtes, die Kammstraße, die die Südvogesen durchzieht, im Winter geöffnet sei – und damit auch die Hütten entlang der Straße.
Beides habe der Leiter der Gruppe vorausgesetzt, und beide Einschätzungen erweisen sich in der Folge als katastrophal. Tatsächlich sind die Vogesen das erste große Hindernis für die feuchten Luftmassen, die vom Atlantik herübertreiben. In dem französischen Mittelgebirge sind deshalb die Niederschläge fast immer deutlich ergiebiger als im benachbarten Schwarzwald.
Der größte Fehler: nicht rechtzeitig umgekehrt zu sein
Auch von dem Unwetter, das am 27. Dezember aufziehen soll, wissen die vier nichts. „In Mittlach hat uns beim Aufbruch niemand gewarnt“, erinnert sich Manfred Lenkner, der damals gut französisch spricht. Bereits auf halbem Weg beginnt es zu schneien. Am Lac de L’Altenweiher, einem Stausee am Osthang des Rothenbachkopfs, versuchen sie, in einem Betriebsgebäude Unterschlupf zu finden. Doch das Haus ist verriegelt.
„Wir dachten, dass wir in fast gerader Linie zur Kammstraße kommen und dort auch Hütten sein müssten“, erzählt Manfred Lenkner. Die Entscheidung heißt deshalb: weitergehen. Nicht rechtzeitig umgekehrt zu sein, bezeichnet er im Rückblick als den größten Fehler der Gruppe – neben der Tatsache, dass ihr Gepäck zu schwer war.
Der steile Anstieg auf Skiern zehrt an den Kräften. Nur Schritt für Schritt und quer zum Hang kommen sie im Schnee voran. „Als wir endlich den Sattel zwischen Rothenbach- und Rainkopf erreichten, brach der Schneesturm los“, sagt Manfred Lenkner. In kürzester Zeit sind die Wegweiser bis zur Hälfte eingeschneit.
Von der Kammstraße, die von hier eigentlich schon zu sehen sein müsste, ist weit und breit nichts zu erkennen. Mittlerweile ist es auch dunkel geworden. Was die vier zu ihrem Unglück nicht wissen: Die nächste Schutzhütte liegt keine 200 Meter entfernt. „Die Orientierung zu behalten, war unter den gegebenen Umständen völlig unmöglich“, sagt Manfred Lenkner.
Minus acht Grad Celsius am Rothenbachkopf
Nichts von der nahen Hütte ahnend, hoffen sie, an der steilen Ostflanke des Rothenbachkopfs Schutz vor dem tobenden Schneesturm finden zu können. Völlig entkräftet tasten sie sich mit Taschenlampen voran, bis es im felsigen Steilabfall des Bergrückens nicht mehr weitergeht.
„Unterhalb des Gipfels haben wir uns eine Schneemulde gegraben“, erzählt Manfred Lenkner. Ihre Bretter rammen sie hinter der Mulde senkrecht in den Schnee und versuchen mit daran aufgespannten Regencapes einen Windschutz zu errichten. Kurz danach kriechen sie mit Skistiefeln an den Füßen, erschöpft und frierend in ihre längst durchnässten Schlafsäcke. Drei kauern nebeneinander. Kübler legt sich quer dahinter.
„Ich wusste, ich darf nicht einschlafen, wenn ich nicht erfrieren will“, erinnert sich Manfred Lenkner. Die deutschen und französischen Zeitungen werden später berichten, dass die Temperatur am Rothenbachkopf in dieser Nacht bei mindestens acht Grad unter Null lag. Thomas Retter, der Jüngste in der Gruppe, liegt links von Manfred Lenkner. Irgendwann rutscht er mehrere Meter den Hang hinunter. Jürgen Kübler sieht zwar nach dem 16-Jährigen, kommt aber kurz darauf zurück, um sich wieder hinzulegen. Es sei alles in Ordnung, habe Kübler gesagt. Doch in Ordnung war überhaupt nichts. Heute glaubt Manfred Lenkner, dass der Älteste die Gruppe zu diesem Zeitpunkt bereits aufgegeben hatte.
Irgendwann sei er dann doch eingeschlafen, erzählt Manfred Lenkner. Als er wieder hochschreckt, ist es völlig windstill und der Morgen beginnt zu grauen. Jetzt erst erkennen Lenkner und Klädtke, dass ihr Gruppenleiter nicht in, sondern auf seinem Schlafsack liegt. „Er hat sich nicht mehr gerührt.“ Und von Thomas Retter keine Spur. Der Schnee hat ihn in der Nacht begraben.
In Panik versuchen die beiden Überlebenden erneut, auf Skiern die Kammstraße zu erreichen. Inzwischen hat sich das Wetter beruhigt. Unten im Tal, auf der Westseite des Vogesenhauptkamms, ist der Wintersportort La Bresse zu erkennen. Von der zugeschneiten Kammstraße sehen sie immer noch nichts, doch wie durch ein Wunder treffen sie nach einigem Umherirren auf einen morgendlichen Skiläufer, der sich als Reserveoffizier des französischen Militärs zu erkennen gibt.
Trauerfeier für Thomas Retter und Jürgen Kübler
Er reagiert schnell, führt die halb erfrorenen Jugendlichen zu einem einige Kilometer entfernten Militärstützpunkt. Ein Bergungstrupp der französischen Armee entdeckt schließlich nach stundenlangem Suchen die beiden Toten im Schnee, bringt sie auf Schlitten nach La Bresse.
Französische und deutsche Zeitungen berichten in der Folge tagelang vom Bergunglück am Rothenbachkopf. Als die Leichname von Thomas Retter und Jürgen Kübler Tage später in Stuttgart zu Grabe getragen werden, ist die Anteilnahme groß. Auch Oberbürgermeister Arnulf Klett spricht den Angehörigen sein Beileid am Grab aus. An Pfingsten 1966 bringen die Birkacher Familien der Jugendlichen schließlich ein hölzernes Gedenkkreuz am Rothenbachkopf an. „Fast an der Stelle, an der wir in der Unglücksnacht lagen“, sagt Manfred Lenkner. Es steht dort noch heute.
Noch lange nach den Ereignissen im Dezember 1965 hat Lenkner Angst vor Schnee. Und Schuldgefühle nagen an ihm: „Warum habe ich überlebt, die anderen beiden aber nicht? Hätten Thomas und Jürgen gerettet werden können?“, fragt er sich. Sicher ist: Mit den Informationsmöglichkeiten unserer Tage wäre die Gruppe nicht in Bergnot geraten. Auch an psychologische Betreuung nach dem Unglück, inzwischen eine Selbstverständlichkeit, sei damals noch nicht zu denken gewesen, sagt Manfred Lenkner.
Gedenkgottesdienst Am kommenden Sonntag, 28. Dezember, ist um 9.30 Uhr in der Franziskakirche in Birkach ein Gottesdienst für die beiden am Rothenbachkopf erfrorenen Jugendlichen. Rolf Lehmann, lange Jahre Vorsitzender des Evangelischen Jugendwerks Württemberg, wird einige Worte sprechen.