Denkmäler, die an die Kolonialzeit erinnern, werden geschändet. Jetzt hat der König sein bedauern ausgedrückt. Foto: dpa/Virginia Mayo

Kindern, die nicht genug Kautschuk geerntet haben, wurde zur Strafe die Hand abgehackt. Millionen von Menschen kamen ums Leben. Zum 60. Jahrestag der Unabhängigkeit des Kongos schreibt das belgische Staatsoberhaupt einen Brief.

Brüssel - Nun also doch: Der belgische König Philippe hat am 60. Jahrestag der Unabhängigkeit des Kongo von Belgien sein „tiefes Bedauern“ über „die Taten von Grausamkeit und Gewalt“ geäußert, die im Namen Belgiens in der ehemaligen Kolonie verübt wurden. Das ist zwar keine formelle Entschuldigung. Von Schuld ist in dem Schreiben des Königs an den kongolesischen Präsidenten Felix Tshisekedi Tshilombo keine Rede. Es ist aber ein historischer Schritt, bislang hat sich kein amtierender belgischer König zu den Vorgängen geäußert. Eine Entschuldigung hätte Reparationsforderung nach sich ziehen können.

Einladung zu den Feiern

König Philippe, offizielles Staatsoberhaupt Belgiens, war zu den Feiern der Unabhängigkeit in den Kongo eingeladen, lehnte aber mit Hinweis auf die Pandemie ab. In dem Brief schreibt Philippe: Es sei Zeit, mit der „vollen Wahrheit und Klarheit“ über die lange gemeinsame Geschichte zu sprechen. Die Gewalttaten lasteten „bis heute auf dem kollektiven Gewissen“ der Belgier. Er bedauere zutiefst „die Verletzungen in der Vergangenheit“. Der Schmerz darüber werde noch heute angefacht „durch die Diskriminierungen, die immer noch allzu präsent sind in unseren Gesellschaften“. Durch die „Black lives matter“-Bewegung war erstmals in Belgien eine vertiefte Debatte über die Kolonialzeit entstanden. Zahlreiche Reiterstandbilder von Leopold II im ganzen Land wurden geschändet.

Philippe, dessen Ur-Uronkel Leopold II den Kongo in seinem Privatbesitz hatte und später als Kolonie Belgien schenkte, benötigte für diesen Schritt die Unterstützung der amtierenden Regierungschefin Sophie Wilmes. Wie aus dem Palast zu hören war, beruht das Schreiben auf Philippes Initiative. Philippe selbst ist wenige Wochen vor der Unabhängigkeit des Kongos 1960 geboren. Bislang hat er das Land noch nicht besucht, ebenso wenig wie Leopold II jemals selbst im Kongo war. Leopold II ließ zunächst durch den britischen Abenteurer Henry Stanley den Kongo erkunden und nahm das rohstoffreiche Gebiet 1885 in seinen Privatbesitz. Private Unternehmer beuteten die Rohstoffe aus und lieferten Elfenbein und Kautschuk. Mehrere Millionen Menschen kamen ums Leben. Selbst Kindern und Frauen, die nicht genügend Kautschuk sammelten, wurde als Strafe die Hand abgehackt. 1908, ein Jahr vor seinem Tod, gab Leopold den Kongo an Belgien ab, wodurch das Gebiet eine Kolonie des Landes wurde.

Verstaatlichung

Das Leiden des Kongo endete nicht mit der Kolonialzeit. Während die meisten Belgier das Land fluchtartig verließen, flossen in den Jahren danach große Reichtümer aus der Ex-Kolonie auf Bankkonten von Belgiern in der ganzen Welt. Bei der Unabhängigkeit konnten sich die Unternehmen des Kongos aussuchen, ob der Betrieb in Belgien oder im Kongo seinen Sitz hat. Als Diktator Joseph Desiree Mobutu den Kongo in Zaire umbenannte und 1973 eine Verstaatlichung der Betriebe anordnete, waren kaum mehr Kapital und Maschinen da. Bis heute herrscht ausufernde Korruption: Über Jahrzehnte hat, wer an die Macht kam, den Rat beherzigt: „Nimm das Geld und lauf.“

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