Das Bild zum Blogbeitrag: Nellingens Szimonetta Gera, dahinter wacht Schiedsrichter Peter Behrens aus dem DHB-Elitekader. Foto: Rudel - Rudel

Der Beitrag über Schiedsrichter-Beschimpfungen im EZ-Handball-Blog bewegt bis in die Bundesliga

EsslingenEs war ein Stich ins Wespennest. Der Autor des EZ-Handball-Blogs „Am Kreis“ hatte sich in seinem jüngsten Beitrag aufgeregt: über das Thema Schiedsrichter. Und zwar über den Umgang mit ihnen. Dreimal war Sigor Paesler in den vergangenen Wochen in einer Handballhalle gewesen – und jedes Mal kam er kopfschüttelnd heraus: Die Unparteiischen wurden – egal wie ihre Leistung gewesen war – ausgepfiffen, angebrüllt, beschimpft. Unverhältnismäßig und „peinlich“ empfand das der Blog-Schreiber in seinem Text „Pfiffe gegen Pfiffe“. Es geht nicht nur ihm so.

Auf den Eintrag, der auf Facebook x-Mal geteilt und weitergeteilt wurde, gab es zahlreiche Reaktionen, auf Facebook, per E-Mail und Telefon. Tenor: „Das finde ich auch. Endlich schreibt das mal einer.“ Die Rückmeldungen kamen natürlich von Schiedsrichtern, aber auch von Fans. Und diese verteidigten nicht die pöbelnden Zuschauer, im Gegenteil: Sie empfanden es ebenso wie Sigor Paesler.

Die Resonanz zeigt auch, dass das Problem nicht nur in den Hallen herrscht, in denen der Kollege war. „Das ist leider auch in Sachsen Realität“, kommentiert Andreas Schmidt auf Facebook, „das ist aber kein handballspezifisches Problem, die Toleranz zum Gegenüber ist nicht mehr da.“

Holger Fleisch aus Nellingen ist ehemaliger internationaler Schiedsrichter. Er war zusammen mit Jürgen Rieber Schiedsrichter des Jahres. „In unserer Whatsapp-Gruppe des Schiedsrichter-Ausschusses ging das durch die Decke“, ruft er in der Redaktion an. „Ich habe den Beitrag an alle, die ich kenne, weitergeleitet. Ich bin froh, dass das mal gesagt wurde.“ Auch in Kreisen der Bundesliga-Schiedsrichter ist der Eintrag angekommen, berichtet Fleisch. Er weiß als stellvertretender Schiedsrichterwart, dass es immer schwieriger wird, alle Spiele mit Unparteiischen zu besetzen. „Wenn es so weitergeht, haben wir in fünf Jahren ein Riesenproblem, weil es keine Schiris mehr gibt.“ Es gibt Nachwuchssorgen: „Da macht man Veranstaltungen mit 60 bis 70 Jugendspielerinnen, die man überzeugen will, Schiedsrichter zu werden.“ Und dann sei es kontraproduktiv, wenn diese Spielerinnen beim nächsten Spieltag auf der Tribüne sehen, wie die Referees ausgepfiffen werden. „Da kommt doch keine mehr auf die Idee, dass der Schiedsrichterjob ein Traumjob ist.“ Dem stimmt auf Facebook Andreas Schimming zu: „Die Verbände suchen händeringend nach Schiedsrichtern. Alle, die sich regelmäßig berufen fühlen, die aktiven Schiris lautstark zu ‚kritisieren’ dürfen sich jederzeit zu den Schiedsrichterlehrgängen anmelden und die Spiele dann Woche für Woche besser leiten!“

In Nellingen fiel dem Blog-Schreiber auf: „Es wurde von den Rängen und teilweise sogar von Ordnern permanent gegen die Unparteiischen angebrüllt.“ Christian Stein sieht das auf Facebook genauso: „Da stimme ich grundsätzlich zu, sehe die Ursache für das Verhalten der Zuschauer auch beim Verhalten von Spielern und Offiziellen und – wenn man auch so will – an der oftmals zu selten genutzten Chance, das frühzeitig zu sanktionieren.“

Bernd Aichele, Geschäftsführer der Bundesliga-Handballerinnen des TV Nellingen ist es „peinlich, dass der TV Nellingen an dieser Stelle negativ erwähnt wird. Die Schiedsrichterbeschimpfung zieht sich leider durch alle Hallen in Deutschland und keiner der Verantwortlichen weiß so wirklich, was man dagegen tun kann. Es scheint zum Volkssport geworden zu sein, am Wochenende in die Halle zu gehen, um den Frust der ganzen Woche loszuwerden. Und weil man mit den Akteuren weiterhin gut Freund sein will, ganz egal wie schlecht gespielt wird, geht man auf die Schiris los. Sind ja schließlich 60 Minuten in Unterzahl auf der Platte“, schreibt Aichele auf Facebook.

Schiedsrichter sind nicht alle gleich gut. Und auch die Guten machen Fehler, das weiß der Blog-Schreiber. Aber in der Partie Nellingen-Blomberg hatte es nur eine echte Fehlentscheidung gegeben – „wie viele Fehler machen Handballer oder auch Trainer während eines Spiels?“, fragt er. Die Relationen verschieben sich. Holger Fleisch musste sich schon einiges anhören: „Es wird unterstellt, dass Schiedsrichter das Spiel bewusst beeinflussen – absurdeste Theorie“, sagt er. „Die Schiedsrichter werden selbst für Richtiges ausgepfiffen. Jeder Pfiff gegen den Heimatverein ist ein falscher Pfiff.“

Das fiel dem Blogschreiber beim Spiel in Neuhausen auf: „Krass fand ich, dass nach der superspannenden Schlussphase, als die Neuhausener ein verloren geglaubtes Spiel durch großen Einsatz noch gewonnen hatten, die beiden Unparteiischen mit einem Pfeifkonzert in die Kabine begleitet wurden. Das Spiel hatte wahrlich andere Themen.“

Bernd Aichele überlegt sich Konsequenzen: „Ich muss mir wohl mal Gedanken machen, ob wir in Nellingen ein Exempel statuieren und die Personen, die permanent und ohne Fachwissen gegen die Entscheidungen der Schiedsrichter wettern vielleicht auch mal der Halle zu verweisen, auf die Gefahr hin, dass noch weniger Zuschauer die Bundesligaspiele der Hornets verfolgen werden. Unserem schönen Sport tut dies vielleicht mal gut.“

Und auch Michael Tomay hat auf Facebook eine Idee: „Ohne Schiedsrichter gibt es kein Handballspiel. Jetzt könnten die Zuschauer und die Spieler ein Zeichen setzen, für den Handball. Kein Gemotze und keine Pfiffe am nächsten Spieltag gegen die Schiris!“

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