El-Lorens Schlagzeug kommt nicht aus dem Fachgeschäft für Musikinstrumente, sondern aus dem Baumarkt, der heimischen Küche und dem Fahrradkeller. Foto: Weber-Obrock - Weber-Obrock

Zum vierten Mal verwandelte das Straßenkunstfestival die Stadt in eine große Bühne. Musiker, Artisten, Jongleure und Clowns traten trotz Kälte auf.

EsslingenZum vierten Mal verwandelte das Straßenkunstfestival am Samstag die Stadt in eine große Bühne. Das Dach des Zirkuszelts war dabei der wolkenverhangene Himmel, aus dem es unentwegt tröpfelte. Doch weder Organisator Philipp Falser mit seinen 25 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern noch die 60 Künstler ließen sich davon beeindrucken. Die Musiker, Artisten, Jongleure und Clowns traten trotz Kälte auf und zauberten den Gästen und Passanten mit ihren kunstvollen Darbietungen ein Lächeln ins Gesicht, das die Sonne ersetzte.

Regenschutz: „Bei uns herrscht strahlender Sonnenschein – im Herzen“, sagte Falser bei der Eröffnung am Postmichelbrunnen. Um die Künstler vor Regen und eiskaltem Wind zu schützen, hatten die Organisatoren schnell Pavillons und Zelte aufgestellt. Die Gäste bekamen Regenponchos, die sie wie bunte Vögel aussehen ließen. Zum Aufwärmen gab es für die Künstler Tee im Central-Theater. „Um manche Artisten zu ihrem Auftritt zu überreden, war ein wenig Motivationsarbeit nötig.“ Dann aber waren sie voll dabei.

Poesie und Jonglage: Für Straku-Fans bot das Festival ein Wiedersehen mit altbekannten Gesichtern. Dazu gehörten die Pausenclowns Rosini und Matilde, alias Dirk Rupp und Cornelia Gerlach, die zauberhaften Felice und Cortez Young mit ihrem Act zwischen Musik, Jonglage und Poesie, der Schlagzeuger El-Loren aus Spanien und die Trapez- und Vertikaltuchkünstler Jonas Wacker, Noa Barthels und Lena Biedlingmaier. Mit dabei waren auch Judith Kirschner und die Stage Diverse, die Dornröschen am Rad drehen ließen, sowie Esther Falk und Anja Müller mit „Hühnchens neuer Welt“, einer gackernden Parodie auf die Leistungsgesellschaft. „In diesem Jahr haben wir uns zeitkritische Inhalte zum Ziel gesetzt, die dennoch zum Lachen anregen“, erklärte Falser.

Heiße Rhythmen: El-Lorens Schlagzeug kommt nicht aus dem Fachgeschäft für Musikinstrumente, sondern aus dem Baumarkt, der heimischen Küche und dem Fahrradkeller. Bestehend aus Kunststoffrohren, Bratpfannen, Farbtöpfen und Klingeln entlockte der Spanier ihm heiße Rhythmen, die die Füße der Zuschauer zum Mitwippen anregten. „Love, noise and money ist important“, sagte er und zeigte auf die eigens aufgestellte Büchse. Während El-Loren seinem schweißtreibenden Geschäft im T-Shirt nachging, hatten sich die Zuhörer in regendichte Wetterjacken, Mützen und Schals gehüllt, als stünde der Winter bevor. Konstantin Luick war mit Familie gekommen. „Für die Kinder sind die Clowns am interessantesten“, meinte er. Mit offenen Augen staunten nicht nur die Kleinen „Misjöh Hüber“ an. Der Pantomime auf Stelzen überragte alle Zuschauer um Längen.

Hebefiguren: Nachdem Jonas Wacker sich am Vertikaltuch positioniert hat, zieht er seine Partnerin, die erst 16-jährige Noa Barthels, hoch und hält sie bei halsbrecherischen Hebefiguren. Es sieht so leicht aus. Dennoch entsteht die Eleganz ihres Auftritts erst durch intensive Kraftanstrengung und unbegrenztes Vertrauen. „Jonas ist mein Zirkuslehrer von der Waldorfschule“, sagte der kleine Emil stolz und ließ keinen Zweifel daran, dass er das auch mal können will.

Wegrollen ist nicht: Im Metzgerbach wirbelte Jonas Kerner bis zu drei Diabolos gleichzeitig in die Luft, ließ sie tanzen und fliegen und fing seine grünen Blitze mit Sicherheit wieder auf. Und wenn doch mal einer über den Asphalt kullerte, sah es aus wie Absicht.

Stimmgewaltig: Viele wunderbare Musiker hatten ihren großen Auftritt. Neben Bands wie Swingology, Out of Order und Phi traten einige weitere Duos und Solisten auf. „Tova-Crossing“, alias Vera und Martin Turetschek, ist ein Vater-Tochter-Duo, das mit zweistimmigem Gesang überzeugt. „Moon and Wine“ behauptete sich im Metzgerbach mit warmer Stimme und Gitarre gegen das Sauwetter. Imponierend war der Auftritt von Emily Kisch, mit ihren elf Jahren jüngste Teilnehmerin des Festivals. Stimmgewaltig und selbstbewusst interpretierte die Drittplatzierte der „Kids Voice Tour-Schweiz“ Songs von Adele und Andrea Bocelli.

Erinnerungsfoto: Wer wollte, konnte sich am Fotostand hinterm Postmichel bei Elena Jäger ein Bild machen lassen, das die Erinnerung an diesen Tag auf Polaroid bannte. „Früher galten Polaroids als altbacken. Heute sind sie wieder in Mode“, sagte die Fotografin. „Wahrscheinlich, weil sie das genaue Gegenteil der Smartphone-Fotoschwemme sind.“

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