Mit ihren prächtigen Trachten begeisterten die verschiedenen Gruppen das Publikum. Foto: Thomas Krytzner - Thomas Krytzner

Tausende Besucher säumten am Sonntag die Straßen, als Trachtengruppen beim Vinzenzifest durch die Straßen zogen. Zu dem traditionellen Umzug waren 38 Gruppen angereist.

WendlingenMit der Ausstellung „Schuhe zur Tracht“ fiel am Freitagabend der Startschuss des Vinzenzifestes. Zu sehen waren Einzelstücke der Reichenbacher Volkstracht. Am Samstag gab es das Weißwurstfrühstück vor dem Rathaus, zu dem auch viele Wendlinger kamen. Am Nachmittag hatte dann Bürgermeister Steffen Weigel das Wort, der das Fest offiziell eröffnete und die Gäste willkommen hieß. Es folgte eine rauschende Party bis tief in die Nacht. Am Sonntag öffnete um Punkt acht Uhr in der Früh der Krämermarkt seine Pforten. Schnäppchenjäger machten sich auf die Suche nach günstigen Artikeln aus den Bereichen Haushalt und Freizeit. Auch Gewürze und Küchenutensilien waren im Angebot. Während die einen sich an den zahlreichen Marktständen umsahen, versammelten sich viele Trachtenträger bei der Kirche Sankt Kolumban zur Vinzenzi-Prozession, die die Gläubigen direkt auf den Marktplatz in Wendlingen führte.

Der Festgottesdienst ist zugleich das Erntedankfest. Dekan Paul Magino freute sich über die vielen Teilnehmer an der Eucharistiefeier. „Die intensive Beteiligung der Leute war beeindruckend.“ Für ihn ist der Gottesdienst auf dem Marktplatz etwas Besonderes: „Was gibt es Schöneres, als Erntedank näher an der Natur zu feiern?“ Die Prozession sieht Magino als Öffnung des Kirchenraums: „Wir binden die Bevölkerung in die Tradition ein, wenn wir die Reliquie von der Kirche zum Marktplatz tragen.“ Diese kam in den 70er- Jahren durch Kardinal König von Eger nach Wendlingen. Der Dekan segnete dieses Jahr nicht nur die Besucher des Gottesdienstes, sondern auch die dargereichten Erntekörbe.

Der Empfang im Treffpunkt Stadtmitte war geprägt von der Vinzenzirede durch Staatssekretär Andre Baumann, Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft des Landes Baden-Württemberg. Er bezog sich auf das Erntedankfest und erklärte: „Die diesjährige Ernte läuft oder ist teilweise abgeschlossen. Das Resultat war ordentlich.“ Allerdings konnte er bei einigen Rebsorten, etwa beim Trollinger, keine großen Hoffnungen machen. „Bis zu 70 Prozent der Rebstöcke erlitten einen Sonnenbrand und die Ausbeute war mager.“ Er stellte ernüchtert fest: „Der Klimawandel ist voll angekommen.“ Doch Andre Baumann machte auch Mut: „Wir können erfolgreich Klimaschutz betreiben. Was früher noch belächelt wurde, gewinnt heute zunehmend an Bedeutung.“ Der Staatssekretär spricht damit die Windkraftanlagen und die Solarenergie an. Positive Zeichen gebe es aus der Wirtschaft: „Die Nachhaltigkeit ist auch in der Industrie angekommen. Jeder hundertste Arbeitsplatz hängt mittlerweile von der Energiewende ab.“

Die beiden Flüsse Eger und Neckar haben einiges gemeinsam, wie Baumann feststellte. „Beide Gewässer leiden unter der Verschmutzung.“ Mittlerweile habe aber die Wasserrahmenrichtlinie für einige positive Veränderungen gesorgt. „Damit werden wir dem größten Umweltproblem in Baden-Württemberg Herr und sorgen für sauberes Wasser.“ Er fordert, dass die Heimat der Menschen, Tiere und Pflanzen geschützt werden müssen. Das Duo Bojaz sorgte für die musikalische Umrahmung des Empfangs.

Köstliches aus den Partnerstädten

An den verschiedenen Marktständen rund um das Wendlinger Rathaus und den Marktplatz gab es allerlei Köstlichkeiten, auch aus den Partnerstädten. Zur Tradition zählt der original Wiener Kaiserschmarrn aus Millstatt am See. Und diesen kredenzt nicht irgendeiner, sondern der stellvertretende Bürgermeister aus Millstadt persönlich. Michael Printschler kommt seit vielen Jahren nach Wendlingen, rührt und zerreißt die Eierspeise. Er weiß: „In Kärnten ist der Kaiserschmarrn sehr beliebt, weil der Kaiser oft in den Region Urlaub machte und seine eigenen Köche dabeihatte.“

Als Vizebürgermeister und Kulturreferent sieht es Michael Printschler es als seine Pflicht, beim Vinzenzifest dabei zu sein. „Wir betreiben Patenschaften mit Helgoland, Santa Daniele und Wendlingen, wobei die mit Wendlingen am intensivsten ist.“

Beim Umzug zeigten 38 Gruppen Trachten, Traktoren und alte Fahrzeuge. Von überall her waren die Gruppen und Vereine angereist, um bei schönstem Wetter an Hunderten Festbesucher vorbei zu ziehen. Dabei gab es Volkstanz und Sonntagstrachten zu sehen. Aber auch Kutschen, historische Feuerwehrfahrzeuge und Sportaktivitäten fehlten nicht. Neu war die Fahrzeugpräsentation nach dem Umzug in der Neuffenerstraße. Den Festausklang bestritt der Musikverein Wendlingen.

Drei Fragen an Andre Baumann

Wie bringt man Umweltschutz und Trachtenfest unter einen Hut?

Das Vinzenzifest ist ein traditionelles Fest, das Menschen verschiedener Kulturen verbindet. Die gemeinsame Zusammenarbeit führt bei der Organisation des Trachtenfests ebenso zum Erfolg, wie die gemeinsame Arbeit am Klimaschutz. Nur gemeinsam kann man Projekte durchführen und auf die Beine stellen. Gäbe es noch keine Europäische Union, wären die Auswirkungen des Klimawandels der Auslöser, um die Union zu gründen.

Wieso kam der Klimawandel so „überraschend“?

Wir wissen schon seit 30 Jahren, dass sich das Klima verändert. Die Auswirkungen im letzten Sommer waren jedoch sehr deutlich spürbar. Und diese Wahrnehmung nimmt zu. Das Waldsterben 2.0 mit dem Verschwinden der Fichten aus deutschen Wäldern hat uns alle aufgerüttelt. Der Klimaschutz rückt in den politischen Vordergrund.

Kann die Heimat Heimat bleiben?

Für mich ist Heimat da, wo ich mich zuhause fühle. Aber Heimat ist auch Europa und vor allem da, wo ich so reden kann, wie ich rede. Mittlerweile ist die Heimat einiger Völker stark gefährdet. Die Lebensgrundlagen von Millionen Menschen ist beeinträchtigt. Die Umweltzerstörung ist eine der Hauptursachen für die Migration. Ich sehe Klimaschutz auch als Heimatschutz und damit auch als einen wichtigen Teil beim Vinzenzifest in Wendlingen.

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