Der Esslinger Apotheker Dr. Christoph Mauz Foto: Dominic Berner - Dominic Berner

Wie im Rest der Republik, haben auch Esslinger Apotheken mit Medikamentenknappheit zu kämpfen. Rats-Apotheker Dr. Christoph Mauz sieht die Ursachen vor allem in der Politik.

EsslingenDieses Medikament ist aktuell nicht verfügbar. Ein Satz, der in deutschen Apotheken immer häufiger fällt. Nicht nur für Patienten ist das frustrierend, sondern vor allem auch für die Apotheker und Großhändler. Tagtäglich müssen die Pharmazeuten ihren Kunden beibringen, dass sie auf die gewünschten Wirkstoffe warten oder gar verzichten müssen. Dabei sind nicht nur exotische Medikamentenklassen von der Knappheit betroffen.Auch Mittel wie Ibuprofen waren zeitweise nicht verfügbar. Die Gründe für die Lieferengpässe sind vielfältig.

„Das wird ab diesem Jahr noch schlimmer werden“, erklärt Apotheker Dr. Christoph Mauz. Der 67-Jährige betreibt in fünfter Generation die Rats-Apotheke am Esslinger Marktplatz, die älteste Apotheke Württembergs. Wie fast alle Apotheker, leidet er stark unter den Lieferengpässen. „Heute habe ich 15 Medikamente bestellen wollen, nur acht davon sind jetzt verfügbar. Früher habe ich beim Großhändler angerufen und in der Regel alles bekommen, was ich gebraucht habe“, blickt er zurück.

Mauz sieht vor allem ein politisches Problem als Auslöser für die Medikamentenknappheit. Rabattverträge, die Krankenkassen mit Pharma-Unternehmen abschließen, brächten die Apotheker massiv in Bedrängnis. Das Prinzip dieser Verträge: Arznei-Hersteller geben Krankenkassen bestimmte Preisnachlässe und werden im Gegenzug zum exklusivem Lieferanten. Mögliche Folge: Konkurrenzunternehmen ziehen sich aus dem Produktsegment zurück, sodass es wenige bis keine Alternativen gibt.

Zu teuer für die Kasse

„Wenn jemand mit einem Rezept zu mir in die Apotheke kommt, muss ich erst mal im System nachschauen, welches Medikament von welchem Hersteller ausgegeben werden darf“, sagt Mauz. Wenn dieses Produkt nicht vorrätig sei, müsse er nach einer günstigeren Alternative schauen. Nur ist häufig das Problem, dass die Krankenkasse bereits den billigsten Hersteller unter Vertrag hat. „In diesen Fällen müssen wir abwägen, wie wir verfahren. Denn wenn wir dem Patienten ein zu teures Medikament geben, bekommen wir kein Geld von der Kasse.“ Das Ende vom Lied: Apotheken können Produkte nicht ausgeben, weil sie zu teuer für die Krankenkasse sind.

Eine weitere Ursache, die maßgeblich zu der Arznei-Knappheit beiträgt, hängt ebenfalls mit dem Preiskampf zusammen. Zudem verschieben viele Pharma-Unternehmen ihre Produktion nach Asien, um die Kosten zu drücken. „Wenn dann bei einem Hersteller etwas schief läuft, geraten wir in große Schwierigkeiten“, erklärt Mauz. In der Vergangenheit finden sich einige Beispiele für solche Situationen. So explodierte 2017 in China eine Fabrik, die das Antibiotikum Tazobac produziert hat. „Damals haben uns die Alternativen gefehlt. Man kann ja nicht einfach ein anders Antibiotikum verabreichen“, sagt der Apotheker und Toxikologe. Ein weiteres Beispiel liegt ebenfalls nicht lange zurück. 2018 musste das Blutdruckmittel Valsartan eines ebenfalls chinesischen Produzenten, zurückgerufen werden, weil darin krebserregende Substanzen festgestellt wurden.

Zurück nach Europa

Solche Ereignisse führen dazu, dass die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) dazu aufruft, die Produktion wieder nach Europa zu holen. Das würde zwar die Medikamentenpreise in die Höhe treiben, sei jedoch wichtig, um die Versorgung zu sichern.

Was die Rabattverträge angeht, weisen die Krankenkassen die Schuld von sich. „Die Pharma-Industrie ist der weltweit agierende Industriezweig schlechthin. Da ist Deutschland ein Land wie viele andere auch, nicht mehr und nicht weniger“, sagte der baden-württembergische Landeschef der AOK Christopher Hermann dem Deutschlandfunk. Er verweist damit auf ein europaweites Problem mit Medikamentenlieferungen, das technische Ursachen habe. Nicht die Krankenkassen, sondern die Pharma-Unternehmen sollten dafür herangezogen werden.

Mauz unterdessen wünscht sich, dass die Regierung etwas unternimmt. „Es würde uns Apothekern schon enorm weiterhelfen, wenn die Krankenkassen mit mehreren Herstellern Verträge abschließen würden. Dann hätten wir eine Auswahl und der Markt würde sich entspannen.“ Außerdem gibt er betroffenen Patienten den Tipp: „Versuchen Sie so früh wie möglich Ihre Medikamente zu bestellen. Manchmal dauert es eine Weile, bis der gewünschte Wirkstoff da ist.“

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