Sieben Frauen wollen gemeinsam alt werden. Deshalb leben sie nach mittelalterlichem Vorbild mitten im Nirgendwo. Ein Besuch auf dem Beginenhof bei Blaubeuren.
Runa Rittler musste schlucken. Jahrzehnte hatte sie in Stuttgart gelebt, nach ihrer Scheidung lange allein. Schon immer hatte sie weg aus der Stadt gewollt und vom Leben auf dem Land geträumt. Dann besuchte sie zum ersten Mal ihr neues Zuhause. Wennenden, ein Nest auf der Albhochfläche. Zwei Handvoll Häuser, kein Laden, Wiesen, Felder, Kühe. „Das war dann schon ein bisschen viel Land“, erinnert sich Rittler. Der Schockmoment ging vorüber. Mit der Zeit habe sie sich in „die Pampa“ verliebt, sagt die Frau, die den Kleidungsstil einer geschmackssicheren Hanseatin und einen Humor so trocken wie ein Blatt Schleifpapier hat. Inzwischen ist sie eine von sieben Bewohnerinnen eines modernen Beginenhofs.
Solche Höfe haben ihren Ursprung im Mittelalter. Beginen waren Frauen, die sich jenseits von Klöstern und Orden zusammenschlossen, um ihren Glauben frei und nach eigenen Regeln zu leben. Manche wohnten zu zweit oder zu dritt in Häusern, andere Gemeinschaften prägten ganze Stadtviertel. Kirchenmänner rümpften die Nase über die Frauen und ihre freigeistige Religionspraxis, Beginen hatten mit Anschuldigungen und Hexenverfolgung zu kämpfen. Gegenüber Mitbürgern weckten sie Begehrlichkeiten, weil sie handwerklich arbeiten konnten und eigenes Geld verdienten. Städte sahen die Wirtschaftskraft und die Sozialarbeit, die die Beginen leisteten, und hielten ihre schützende Hand über die Gruppen.
Wie die Kulisse eines Schwedenfilms
Die Feministinnen der Frauenbewegung in den 60er Jahren entdeckten diese Lebensform wieder. Von Bielefeld über Dortmund bis Unna entstanden neuzeitliche Beginenhöfe, in denen Frauen selbstorganisiert zusammenleben. In Tübingen gründete sich die Beginen-Stiftung. Sie unterstützt Frauengruppen, die auch ein solches Wohnprojekt aufziehen wollen. Die Spiritualität steht nicht mehr so sehr im Vordergrund wie bei den historischen Vorbildern. Moderne Beginenhöfe wollen in erster Linie alleinstehenden Frauen ermöglichen, in Gemeinschaft und zugleich selbstbestimmt zu leben. In Häusern, die in Frauenhand sind und auf die Immobilienspekulanten keinen Zugriff haben.
Auch drei Frauen auf der Alb waren fasziniert vom Beginengedanken. Auch sie wollten Wohnraum für alleinstehende Frauen im Alter schaffen. Die Basis war da. Bereits Ende der 1980er Jahre hatten sie das 4000 Quadratmeter große Grundstück in Wennenden samt einem ehemaligen Fabrikgebäude mit drei Wohnungen darin gekauft, zunächst vor allem auch als Ort für Seminare. Sie trommelten nach Mitstreiterinnen und gründeten eine gemeinnützige GmbH. 2019 entstanden rings um die große Wiese vier neue Häuschen in Holzbauweise, in die jeweils eine Bewohnerin einzog. Das Ergebnis sieht aus wie die Kulisse eines Schwedenfilms.
Die Beginen-Häuschen sind irrsinnig niedlich. Sie haben Rundbögen, ein offenes Dach mit freien Balken und sind alle einstöckig. Zwischen 43 und 50 Quadratmeter Wohnfläche hat ein jedes. „Nie im Leben geht das“, dachte Runa Rittler anfangs. In Stuttgart hatte sie in einer Maisonettewohnung gelebt. Für den Traum vom Alterswohnsitz auf dem Land musste sie ihre Habe einschrumpfen. 400 Bücher, eine Schallplattensammlung und jede Menge Aussteuer verabschiedete sie aus ihrem Leben. Mit vier Tellerchen und vier Löffelchen sei sie letztlich nach Wennenden gekommen, als zöge sie ins Zwergenland. Am Ende sei es eine große Befreiung gewesen.
Mobile Meditation
Blaubeuren ist gute fünf Kilometer vom Beginenhof entfernt. In der Nähe drehen sich Windräder, Libellen schwirren, Hummeln schlabbern Nektar aus blühenden Disteln. Im Hauptgebäude gibt es eine Gemeinschaftsküche, einen Saal mit weißen Vorhängen und weißen Lampions und Tischtennisplatte drin sowie einen Gemeinschaftsraum. In letzterem stehen Stühle im Kreis und Göttinnen-Figuren in einer Vitrine, an der Decke hängen Tücher.
Bis vor Kurzem haben sich die Frauen jeden Morgen um 8.30 Uhr dort getroffen, um zu meditieren. Neuerdings ist damit Schluss. Jetzt praktizieren sie ihre tägliche Meditation im Gehen statt im Sitzen und streifen gemeinsam schweigend über die Wiesen hinter dem Hof. Die Revolution war nicht so leicht. Beatrix Hassert etwa spurtet gerne los, die anderen mögen es gemütlicher. Innere Ruhe? Nun ja. Die Sache musste irgendwie synchronisiert werden. „Jetzt läuft jede in ihrem eigenen Tempo mit mindestens 100 Metern Abstand zur Nächsten“, sagt Hassert.
Nicht der einzige Diskussionspunkt. Es gibt diese Situationen, wenn Menschen zusammenleben. Der einen ist die Kellertreppe nicht sauber genug, die andere sähe den Rasen lieber kürzer, eine Dritte stört sich am allgemeinen Umgang mit der Waschmaschine. Alltagsaufreger, die nach Konsens verlangen. „Manchmal ist es nicht so einfach. Wenn die anderen es anders haben wollen als man selbst, kann man schon mal wütend werden“, sagt Fritzi Schöfer.
Die jüngste Bewohnerin ist 63, die älteste 82 Jahre alt
Freizeitbeschäftigung, auch so ein Thema. Die eine mag Bewegung und würde gerne öfter tanzen gehen, während die anderen lieber Kaffee trinken. Die Mehrheit entscheidet. „Und wenn die Mehrheit lieber zusammen Kaffee trinkt, findet das auch statt. Dann muss die Einzelne gucken, wo sie bleibt“, sagt Beatrix Hassert. Schön ist es dann aber schon, das Kaffeetrinken. Dann sitzen die Frauen unter der Pergola, essen Zucchinikuchen und Melonenstücke, während die Sonne auf die Alb knallt und Kater Findus im Schatten pennt.
Die jüngste Bewohnerin ist 63, die älteste 82 Jahre alt. Gertrud Bleifuß ist ganz frisch dazugestoßen, ihre Vorgängerin musste in ein Pflegeheim. Bleifuß ist viel herumgekommen, sie hat in Wohngruppen von Schottland bis Dresden gelebt. Zuletzt bewohnte sie ein Haus mit ihrer Tochter und noch anderen Menschen nahe Freiburg. „Aber ich hatte das Gefühl, dass jene, die mir wichtig sind, ganz weit weg waren“, sagt sie. Bei den Beginen hat sie sich schnell Hochachtung erarbeitet, weil sie ihre Terrasse binnen zwei Tagen in ein botanisches Schaustück verwandelt hat.
Die Beginen hocken nicht andauernd aufeinander
Die Frauen kümmern sich umeinander. Runa Rittler etwa hat sich bei einem Radunfall den Beckenrand gebrochen, eine Zeit lang musste sie im Rollstuhl sitzen. Ohne Hilfe der anderen wäre sie da schwer zurechtgekommen. Aber die Beginen hocken nicht andauernd aufeinander. Das Leben auf dem Hof bedeutet nicht, kein eigenes mehr führen zu können. Und es bedeutet nicht, von den anderen rund um die Uhr Bespaßung erwarten zu dürfen. „Wir sehen uns jeden Tag. Wir wissen, wie es den anderen geht“, sagt Erla Spatz-Zöllner. Doch nach der Morgenmeditation gehe jede ihren Weg. Manchmal treffen sie sich zum Essen, manchmal kocht jede ihr eigenes Süppchen. Beatrix Hassert wandert gern und engagiert sich für Geflüchtete, Dorothee Nau arbeitet ehrenamtlich im Hospiz und liebt Spinnen und Yoga.
Der Start im Ort war erwartbar haarig. Lauter Frauen, die ein Grundstück auf der Schwäbischen Alb bezogen, da guckten die anderen Dorfbewohner. Aber die Neu-Wennenderinnen legten selbst Böden und strichen Wände und brachten die versiffte Fabrikhalle auf Vordermann, das ließ die Nachbarn Respekt zollen. Inzwischen helfen die Beginen bei Dorffesten und reden in der Dorfgemeinschaft mit, der Gemeinderat Blaubeuren hat das Projekt Beginenhof mit einer Spende und einem Darlehen unterstützt. Auch über kommunale Grenzen hinaus fasziniert die Seniorinnen-WG. Das Fernsehen hat berichtet, und es kommen dauernd Besucher, auch Landfrauengruppen sind darunter. Manche von ihnen sagen dann, so wollten sie auch mal leben, wenn ihr Ehemann gestorben sei.
Keine Kraniche
Die Bewohnerinnen des Beginenhofs haben unterschiedliche Hintergründe. Ein Teil von ihnen hat Kinder, die anderswo leben. Manche waren aktiv in der Frauenbewegung. Die eine trägt Creolen und rot lackierte Nägel, die andere eine fließende Tunika. Runa Rittler hat sich vor ihrem Einzug auch gemischtgeschlechtliche Wohnprojekte angeschaut, ihre Nachbarin Petra Matria Bernas dagegen schätzt die eigene Dynamik reiner Frauengemeinschaften: „Ich finde sie angenehmer, zugewandter, intensiver.“
Einen Provinzkoller hat noch keine bekommen. Die Zugfahrt nach Ulm dauert zwölf Minuten, neulich waren sie dort und haben sich das Musical „Sister Act“ angesehen. Aber in der Stadt gebe es halt auch diese dreckigen Ecken um den Bahnhof, sagt Beatrix Hassert. Nur die defizitäre Vogelwelt auf der Alb ist so ein Manko. Keine Kraniche. Dorothee Nau ist früher oft an die Ostsee gefahren und hat den Tieren zugeschaut. Oder an die Seen rund um Berlin, wo sie allein gewohnt hat. „Ich vermisse das Wasser“, sagt sie. Nau zog auf den Beginenhof, nachdem eine der Gründerinnen gestorben war. Es war eine Hauruck-Aktion. Erst sah sie die Anzeige für den freien Platz, dann fuhr sie durch die ganze Republik, um sich die Sache mal anzuschauen. Innerhalb von 24 Stunden entschied sie einzuziehen. Mittlerweile hat sie ihr Holzhaus mit einer Holzvitrine und einem Holztisch eingerichtet, dazwischen hängen Kräuterbündel. Vom Tisch geht der Blick direkt durch eine Glastür auf die große Wiese und die großen Bäume. „Da sitze ich dann morgens an meinem Frühstücksplatz und gucke ins Paradies und bin einfach nur glücklich“, sagt Dorothee Nau.