Unsere Kolumnistin Anna Katharina Hahn erzählt von einer kurzen Begegnung in der Stuttgarter Stadtbahn. Bücher haben dabei eine Rolle gespielt.
Wenn mich Aufgaben ängstigen oder traurig machen, wappne ich mich durch besondere Kleidung. Da gibt es diese Bikerjacke mit den vielen Reißverschlüssen. Den kurzen Rock. Boots mit Absätzen, die beim Gehen knallen. Eine Frisur, bei der mich meine langen Haare auf keinen Fall kitzeln oder auf andere Weise stören: den Dutt. Dazu roten Lippenstift. So richtig rot. Nicht Koralle, nicht Burgunder. Nicht Blut und nicht Feuerwehr. Sondern etwas von allem. Angeblich steht das jeder Frau. Mit einer Einschränkung – es war ja so was von klar, dass eine kommen muss, wäre auch zu schön gewesen: Frauen mit dünnen Lippen oder einer kaum vorhandenen Oberlippe dürfen diese Signalfarbe nicht benutzen, sie sind verdammt zu Rosenholz und Pink, immer schön unauffällig bleiben. Schreibt eine sonst von mir geschätzte britische Beauty-Influencerin. Mein mit verbotener Farbe bemalter Mund leuchtet. Sieht großartig aus. Genau wie der Mini, zu kurz für eine 55-Jährige (raunten einige jüngst bei einer Lesung). Genau wie der Dutt (eine Frisur, die auf allen Shortlists „Was Männer an Frauen hassen“ vertreten ist). Bevor ich aufbreche, werfe ich einen letzten Blick in den Spiegel und finde mich toll. Nicht im Sinne von sexy. Eher stark, etwas einschüchternd.
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