Umzüge zum Christopher Street Day werden immer häufiger von Rechtsextremen angegriffen. Wie feiert es sich, wenn die Angst mitläuft? Unterwegs beim Pride Walk in Neuruppin.
Eine Stunde bevor es losgeht, klingelt das Handy von Marleen Vock. Ein kurzes Gespräch, dann legt Vock wieder auf. „Das war die Polizei“, sagt Vock. „Die wollten nur wissen, ob hier alles in Ordnung ist.“ Vock, eine kleine Frau mit kurzen Haaren, den Schopf blond gefärbt, klingt entspannt. Mit der Polizei hatte sie in den vergangenen Wochen viel zu tun. Vock hat eine Veranstaltung angemeldet, die in diesem Jahr unter besonderem Sicherheitsschutz steht: den Pride Walk in Neuruppin.
Jedes Jahr im Sommer finden in ganz Deutschland kleinere und größere Umzüge statt, auf denen queere Menschen feiern und zugleich für ihre Rechte demonstrieren. Queer, das ist ein Begriff aus dem Englischen, der inzwischen auch im Duden steht. Er beschreibt alle Menschen, die jenseits der heteronormalen Tradition lieben und leben: Lesben und Schwule, intergeschlechtliche oder asexuelle Menschen sowie trans Personen – also welche, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das man ihnen bei ihrer Geburt zugeordnet hat.
Zwischen Tradition und Bedrohung
Die Umzüge haben eine lange Tradition. Doch in den vergangenen Jahren hat sich etwas verändert. Einerseits gibt es mehr CSD-Veranstaltungen denn je. Der Pride Walk in Neuruppin hat am Samstag in dieser Form zum zweiten Mal stattgefunden. Andererseits sind die Veranstaltungen in diesen Tagen besonders gefährdet. Schon im vergangenen Jahr liefen Neonazi-Gruppen bei Umzügen auf. Und dann kam es vor einem Monat zu einem rechtsextremen Angriff.
Im brandenburgischen Bad Freienwalde überfiel eine Gruppe ein queeres Stadtfest. Den Berichten zufolge stürmten die Täter das Fest und prügelten auf Leute ein. Die Polizei traf erst ein, als die Schläger schon weg waren. Einen Tatverdächtigen hat die Polizei inzwischen ermittelt und festgenommen, einen jungen Mann aus der rechtsradikalen Szene. Zwei Besucher wurden bei dem Angriff leicht verletzt.
Sie wollten ein Zeichen setzen
Wenn Schwule, Lesben und trans Menschen miteinander feiern, sollen sie sich dabei nicht sicher fühlen: Das ist das Zeichen, das die Täter von Bad Freienwalde gesetzt haben. Was bedeutet das für die CSD-Veranstaltungen, die in diesen Tagen stattfinden – besonders in Ostdeutschland, wo die rechtsextreme Szene besonders präsent ist?
Vielleicht kann man das in Neuruppin herausfinden, einer Stadt im Nordwesten von Brandenburg. Rund 32 000 Menschen leben hier, es gibt ein Uniklinikum und viele historische Backsteingebäude. Die Stadt gilt als gutbürgerlich. Und doch war die in weiten Teilen rechtsextreme AfD bei der Bundestagswahl mit 29 Prozent auch hier die meistgewählte Partei.
Absagen? „Auf keinen Fall“
Marleen Vock, die den Pride Walk in Neuruppin angemeldet hat, sagt trotzdem: „Neuruppin fühlt sich ein bisschen an wie Bullerbü.“ Vock, 45 Jahre alt, lebt seit 2021 mit Frau und Kind in Neuruppin. Sie wollten raus aus der Großstadt und fühlen sich hier wohl. Vock erzählt das unter einem bunten Regenschirm im Hof des Jugendfreizeitzentrums Neuruppin. Von hier soll der Pride Walk am frühen Abend starten, zwei Stunden durch die Stadt – obwohl es regnet, den ganzen Tag schon. Hat sie überlegt, den Umzug abzusagen? „Auf keinen Fall“, sagt Vock. „Die Demokratie macht ja auch keine Schlecht-Wetter-Pause.“
Vock war selbst in Bad Freienwalde als der Angriff passierte. „Ich bin etwas später angekommen“, sagt sie. „Als ich mein Auto abgestellt habe, habe ich gesehen, wie sich die Truppe angepirscht hat.“ Sie habe versucht, die Organisatorin des Festes anzurufen, um sie warnen. Aber sie konnte niemanden erreichen.
Mehr Polizeischutz
Seit dem Angriff in Bad Freienwalde hat die Polizei in Brandenburg den Schutz für CSD-Veranstaltungen verstärkt. Auch für den Pride Walk in Neuruppin. Vock hat sich vorher mit der Polizei getroffen und außerdem ein Sicherheitskonzept erarbeitet, das die Beamten abgesegnet haben. Es geht zum Beispiel darum, wie die Ordnerinnen und Ordner auf der Demonstration bei einem Übergriff reagieren sollten. „Polizei vorlassen und unterstützen, wenn erforderlich – ohne dich selbst zu gefährden“, steht auf dem Zettel, den Vock an alle Ehrenamtlichen ausgeteilt hat, die den Pride Walk begleiten.
Wenn Vock davon erzählt, klingt sie weder verängstigt noch genervt. Sondern sehr ruhig – und dankbar. „Wir sind bei der Polizei auf offene Ohren gestoßen, die waren uns sehr zugewandt“, sagt sie. Als die Polizisten vor Ort eintreffen, begrüßt Vock sie mit Handschlag, so freundlich wie alte Bekannte.
Feiern in Jeans und Regenjacke
Inzwischen hat sich eine kleine Gruppe vor dem Jugendfreizeitzentrum versammelt, junge und alte Menschen, ein paar Familien, viele begrüßen sich, man kennt sich hier. Die Leute sind in Jeans und Regenjacke gekommen, viele kramen nun Regenbogenflaggen aus, die sie sich wie einen Umhang überlegen. Manche haben sich die Farben auch auf die Wangen geschminkt. Dann setzt sich ein VW-Bus in Bewegung, er führt die Demonstration an. Aus Musikboxen schallt Gloria Gaynor, „I Will Survive“: Es geht los. Kurz setzt sogar der Regen aus.
400 Leute hat Vock für die Veranstaltungen angemeldet, so viele sind es nicht. Aber mehr als sie bei dem Wetter erwartet hatte. Etwa 120, vielleicht auch 150 Menschen laufen mit. Manche tanzen, die meisten schlendern, recken Regenbohnenfähnchen in die Höhe. Die Route führt in die Innenstadt. Gelegentlich sieht man ein paar Passanten am Straßenrand. Ein Mann mit kleinem Hund, der lächelnd an einer Ecke steht, Eltern mit kleinen Kindern, die winken oder zur Musik wippen. Aber auch: Jugendliche, die die Augen verdrehen oder Menschen, die ihre Köpfe aus den Fenstern recken, hochgezogene Augenbrauen, skeptische Blicke. Doch niemand, der ruft, schimpft oder gar angreift.
AfD sagt Stadtfest ab
Vier Mannschaftswagen der Polizei sichern den Pride Walk. Eigentlich hätte an diesem Samstag auch ein Stadtfest der AfD stattgefunden. Doch es fällt aus – wegen „Gewitterwarnung und Dauerregen“, schreiben die Organisatoren auf der Facebook-Seite.
Im Trupp hinter dem Demobus läuft auch eine junge Frau, die sich als Sophie Schulze vorstellt. Sie ist schwarz gekleidet, über ihren Schultern liegt die Regenbogenflagge. Schulze kommt aus Nordrhein-Westfalen, lebt aber gerade für einige Zeit in der Nähe von Neuruppin. Sie ist ganz allein hier. „Ich gehe jedes Jahr zum CSD“, sagt sie. Sonst war sie in größeren Städten auf der Straße. „Aber hier ist es irgendwie ganz besonders.“ Weniger Party, aber mehr Bedeutung.
„So ein bisschen Regen“
Als der Pride Walk wieder am Jugendfreizeitheim ankommt, regnet es noch immer. Neben dem Bus stellt sich ein Redner auf, Alexander Stojanovic, der Vorstandsvorsitzende des Queeren Netzwerks Neuruppin, dem Verein, zu dem auch Marleen Vock gehört. „So ein bisschen Regen hält uns nicht davon ab, für Liebe und für Freiheit und für Leben auf die Straße zu gehen“, ruft er.
Sophie Schulze steht am Straßenrand, in der einen Hand ein Handy, in der anderen eine Zigarette, die Flagge auf ihrem Rücken ist durchnässt. Sie erzählt, dass sie später von einem Bekannten abgeholt wird, der sie gleich im Auto mitnehmen und nach Hause fahren kann. „Der weiß gar nicht, weshalb ich heute in Neuruppin war“, sagt sie. Sie macht eine kurze Pause, dann fügt sie hinzu: „Aber vielleicht erzähle ich ihm gleich davon – und oute mich mal.“