Die Soziologin Jitka Sklenářová ist Beauftragte für Chancengleichheit bei der Stadt Esslingen. Wie weit ist Esslingen beim Thema Gleichstellung und welche Herausforderungen gibt es aktuell?
Seit Februar dieses Jahres ist Jitka Sklenářová die Beauftragte für Chancengleichheit bei der Stadt Esslingen. Im Interview spricht die 33-Jährige über ihr Verständnis von Gleichstellung, welche Herausforderungen es dabei zu bewältigen gilt, über Rollenklischees und wie die Esslinger Verwaltung mit dem Gendern umgeht.
Frau Sklenářová, was verstehen Sie unter Chancengleichheit?
Es geht darum, Bedingungen zu schaffen, bei denen alle Menschen die gleichen Chancen haben, unabhängig vom Geschlecht. Es geht darum, dass man sich frei für einen Lebensentwurf entscheiden kann, zum Beispiel, ob man eine Familie gründen will oder nicht, und wenn ja, zu welchem Zeitpunkt. Außerdem müssen wir endlich dahin kommen, dass Männer und Frauen im Beruf gleich behandelt werden – beim Gehalt, aber auch bei der Care-Arbeit.
Was bedeutet das konkret?
Pflege und Erziehung dürfen nicht automatisch als Aufgabe der Frauen betrachtet werden, etwa weil Frauen oft in Teilzeit arbeiten. Die eigentlich Frage lautet doch: Weswegen verdienen Frauen weniger, und weshalb haben Frauen häufig geringere Gehaltsvorstellungen als Männer?
Wie weit ist Esslingen beim Thema Gleichstellung?
Wir gehen das Thema sowohl extern als auch intern an. Mit extern gemeint sind öffentliche Aktionen wie die Esslinger Frauenwochen oder Fortbildungs- und Beratungsangebote zu verschiedenen Themen. Wichtig ist uns auch das Thema häusliche Gewalt: Mit dem Runden Tisch bringen wir die wichtigsten Akteure und Organisationen zusammen, um den Betroffenen passgenau helfen zu können. Intern unterstützen wir die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltung – das sind in Esslingen inklusive der städtischen Betriebe etwa 5000 Personen – unter anderem beim Wiedereinstieg in den Beruf, mit Fortbildungen oder bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Was sind die drängendsten Herausforderungen, um Gleichstellung in der Gesellschaft zu ermöglichen?
Ein großes Problem ist in meinen Augen der sogenannte Gender-Pay-Gap, also die Tatsache, dass Frauen trotz gleicher Ausbildung oft weniger verdienen als Männer. Aber auch die Gleichbehandlung bei Teil- oder Elternzeit ist ein Thema. Oft arbeiten Frauen weniger, um sich um die Erziehung der Kinder zu kümmern – auch weil sie ohnehin weniger verdienen als Männer. Aus diesen Faktoren ergibt sich in den späteren Lebensjahren häufig eine frauenspezifische Rentenlücke und Armut.
Müssen auch Männer Klischees entsprechen?
Männer stehen ebenfalls häufig unter Druck, um gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen. Etwa wenn es darum geht, keine Schwäche, sondern Stärke zu zeigen. Das wird zum Beispiel am Thema Gesundheit deutlich: Männer nehmen weniger Hilfe bei Fragen der psychischen Gesundheit in Anspruch. Dies wäre aber nötig, denn Suizid wird dreimal häufiger von Männern als von Frauen begangen.
Beim Thema Gleichstellung geht es ja nicht nur um Männer oder Frauen, sondern auch um Personen, die sich als divers definieren.
Diese Gruppe steht vor deutlich gravierenderen Herausforderungen. Das sogenannte dritte Geschlecht ist großen Teilen der Öffentlichkeit noch nicht lange präsent. Viele Personen können es sich nicht vorstellen, wie schwer es ist, als Mensch wahrgenommen zu werden, der sich weder als Mann noch als Frau definiert. Überdurchschnittlich häufig werden diverse Personen Opfer von Anfeindungen und Gewalt. Auch in ihrem Alltag stehen diese Menschen vor Herausforderungen, beispielsweise gibt es immer noch sehr wenige Unisextoiletten.
Wie stehen Sie zur Debatte übers Gendern?
Für die Esslinger Verwaltung gibt es eine Empfehlung, wie gegendert werden kann: entweder mit neutralen Begriffen, mit einem Doppelpunkt oder durch Aufzählung. Unser Ziel ist es, möglichst viele Menschen wertschätzend anzusprechen. Deswegen gendern wir, da wir dadurch alle explizit ansprechen. Für manche Menschen ist das ungewohnt, aber ich denke, dass auf dieser Art und Weise langfristig das Bewusstsein dafür verändert wird.
Was reizt Sie am Posten der Beauftragten für Chancengleichheit?
Das Thema Gleichstellung ist mir ein Anliegen. Als Soziologin befasse ich mich mit gesellschaftlichen Strukturen. Diese sind immer noch stark patriarchalisch geprägt. Deswegen ist es notwendig, diese Strukturen zu hinterfragen und dafür zu sorgen, dass sich alle Menschen in ihrem Leben frei entfalten können. Es ist eine wichtige und sinnstiftende Aufgabe, daran ganz konkret in dieser Stadt mitzuwirken.
Wann beschäftigen Kommunen Gleichstellungsbeauftragte?
Beauftragte
Seit 1. Februar 2023 ist Jitka Sklenářová die Beauftragte für Chancengleichheit bei der Stadt Esslingen. Sie hat nach zehn Jahren ihre Vorgängerin Barbara Straub abgelöst. Straub ist nun Leiterin der Abteilung für individuelle Chancengleichheit von Frauen und Männern bei der Stadt Stuttgart. Kommunen mit mehr als 20 000 Einwohnerinnen und Einwohnern sind gesetzlich dazu verpflichtet, Gleichstellungsbeauftragte hauptamtlich zu beschäftigen.
Frauenwochen
Die Esslinger Frauenwochen sind im Endspurt: Am Samstag, den 25. März, findet zwischen 9.30 Uhr und 17.30 Uhr Wendo, ein Workshop mit Andrea Durner, im Mehrgenerationenhaus in der Pliensauvorstadt statt. Im Atelier Arttra in der Martinstraße 27/1 bietet Susanne Schnalzer zwischen 10 Uhr und 14 Uhr einen Malworkshop an. Und am 4. April wird im Kommunalen Kino der Film „Der Glanz der Unsichtbaren“ gezeigt.