Das Akkordeon spielen Dominik Nille, 26 (links), und sein älterer Bruder Heiko Nille, 30, seit Kindheitstagen. Sie haben bei Wettbewerben schon mehrere Preise gewonnen, zuletzt vergangenes Jahr. Foto: mar

Die Brüder Dominik, 26 Jahre, und Heiko Nille, 30 Jahre, sind passionierte Akkorden-Spieler. Wie sind sie dazu gekommen?

„Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord“, dieser Ohrwurm aus den 30iger Jahren ist eines der Lieder, durch das den Menschen der Klang des Akkordeons vertraut ist. Seemannslieder werden damit verbunden, gesungen von Freddy Quin oder Volksmusik, gespielt auf der Skihütte. Doch das könnte nun anders werden. Für 2026 haben die Landesmusikräte, die Unterverbände des Deutschen Musikrates, das Akkordeon zum „Instrument des Jahres“ auserkoren.

Die Brüder Dominik, 26 Jahre, und Heiko Nille, 30 Jahre, gebürtig aus Baltmannsweiler, sehen darin die Chance, am verstaubten Image des Schifferklaviers ein bisschen zu schrauben und die Aufmerksamkeit auf das Instrument zu lenken. „Ich glaube, in der Gesellschaft ist es nicht wirklich bewusst, wie vielfältig das Instrument ist“, sagt Heiko Nille. Die Brüder spielen seit ihrer Kindheit Akkordeon und haben schon in der Schule bemerkt, dass es nicht als das „coolste Instrument angesehen würde“.

Das schreckte die beiden nicht ab, sich nach anderen Versuchen, darunter mit Blockflöte und Schlagzeug für die Quetschkommode zu entscheiden: „Wir sind genetisch etwas vorbelastet“, sagt der ältere. Beide lachen. Schließlich erlernten schon Großmütter, Großtante, Großcousin und Eltern das Instrument und spielten in Baltmannsweiler mit.

Akkordeonunterricht in Baltmannsweiler

Jede Woche freitags treffen sich die Brüder zum Proben mit 30 bis 40 Akkordeonbegeisterten des Akkordeon-Orchesters Baltmannsweiler. Zuerst haben sie Einzelunterricht erhalten. Bereits im Kindergartenalter ist das möglich. Heiko Nille zeigt sein Instrument, ein Tasten-Akkordeon von Hohner, mit rechts Tasten und links den Bassknöpfen. „Das Instrument für Kinder hat weniger Tasten und ist leichter“, erklärt er.

Im Akkordeonorchester in Baltmannsweiler ist Christine Fischer-Fahs seit 1986 Ausbilderin. Viele Kinder und Jugendliche unterrichtet sie am Akkordeon. Sie hat am Hohner-Konservatorium in Trossingen studiert und 2017 zusammen mit Alexander Jekic ein dreibändiges Lehrwerk für den Akkordeonunterricht publiziert. Solounterricht zu nehmen, um das Instrument zu erlernen und dann in Akkordeonorchestern in Gemeinschaft zu üben, ist eine der Möglichkeiten. Dies ist in Baden-Württemberg zahlreich gegeben, denn das Akkordeon ist vielleicht das „schwäbischste Instrument“ überhaupt.

Trossingen als Zentrum der Handharmonikas

Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Trossingen zum Zentrum der Handharmonikas mit so großem Erfolg, dass die Hohner AG 1929 zur größten Musikinstrumentenfabrik der Welt avancierte. Bereits 1927 hatten sie zu Werbezwecken das erste Akkordeonorchester der Welt gegründet. Es folgten weitere Akkordeonorchester, insbesondere in Württemberg, Baden und Hohenzollern. Die Folge: Noch heutzutage sind 60 Prozent der deutschen Harmonikavereine in Baden-Württemberg ansässig, die restlichen 40 Prozent auf die anderen 15 Bundesländer verteilt.

Akkordeon gibt es in verschiedenen Ausführungen. Hier ein Tastenakkordeon von Hohner. Foto: mar

Da überrascht es wenig, dass der Landesmusikrat Baden-Württemberg Matthias Matzke als seinen Botschafter erkoren hat. Den Brüdern Nille ist er ein Begriff. Sie haben gemeinsam mit dem 36-fache Preisträger aus Gingen an der Fils im Akkordeon-Landesjugendorchester gespielt. Matzke engagiert sich sehr, den Akkordeonunterricht zu digitalisieren und hat eine online-Methode auf der Lernplattform „Accordio“.entwickelt. Zu alt zum Erlernen des Instruments ist man nach Meinung der Brüder nie. „Das geht auch als Erwachsener“, sagen sie. Eine kleine musikalische Grundlage zu besitzen, auf der man aufbaut, sei gut, aber das sei bei jedem anderen Instrument auch so, meint Dominik Nille. Sehr viel könne einfach durch tägliches Üben erlernt werden.

Doch was ist der Vorteil eines Akkordeon? „Unsere Schwester spielt Klavier, das kann sie nirgends mitnehmen. Sie muss immer wieder bei Konzerten auf anderen Instrumenten spielen. Wir können das Instrument einfach mitnehmen“, meint Heiko Nille. Und der Anschaffungspreis sei moderat. Es ist ein Instrument, mit dem man viele Stimmen auf einmal spielen, sich selbst begleiten oder im Orchester spielen kann. Am meisten aber fasziniert die beiden, wie viele unterschiedliche Stimmungen damit ausgedrückt werden können. Vom Shanty über Tango bis zur klassischen Musik. Sie wünschen sich, dass ihre Begeisterung auf andere überspringt und das „Jahr des Instruments“ dazu beiträgt, dass Menschen nicht erstaunt sagen : Oh, auch ein Brahmsquiem lässt sich darauf spielen?

Das Akkordeon im Wandel der Zeit

Entwicklung
Als Vorläufer des Akkordeon gelten Instrumente wie die chinesische Mundorgel Sheng, die das Prinzip der durchschlagenden Zunge ins Abendland brachte. 1829 ließ sich der Wiener Instrumentenbauer Cyrill Demian sein „Accordion“ patentieren – klein, tragbar und mit dem charakteristischen Balg ausgestattet. Es folgten weitere Entwicklungen, wie 1834 die „Deutsche Konzertina“ vom Chemnitzer Carl Friedrich Uhlig. In Trossingen produzierten ab 1903 Matthias Hohner und Andreas Koch Handharmonikas.

Organisation
Der Deutsche Harmonikaverband e.V ist deutschlandweit der zweitgrößte Amateurmusikverband im Instrumentalbereich. 1931 auf Initiative des Harmonika-Herstellers Hohner mit Sitz in Trossingen gegründet, umfasst er 16 Landesverbände. Die meisten Mitglieder sind in den mehr als 1000 Mitgliedsvereinen organisiert. Sie widmen sich der Aus- und Weiterbildung, dem Orchesterbetrieb und organisieren regelmäßige Veranstaltungen.