In diesem kuschligen Federknäuel warten sieben Küken auf die passende Turmfalken-Mahlzeit. Foto: /Ulrike Raff

Im Turm der Aegidiuskirche in Baltmannsweiler haben jahrelang Turmfalken genistet. Doch weil der Turm saniert wird, können sie nicht mehr hinein. Die Kirchengemeinde hat drei Ersatzquartiere geschaffen.

Baltmannsweiler - Ulrike Raff ist seit 30 Jahren Hausmeisterin im Gemeindehaus, seit 18 Jahren im Kirchengemeinderat und seit mehreren Jahren hat sie gemeinsam mit Kollegin Manuel Mauz die Turmfalken in Baltmannsweiler unter ihre Fittiche genommen. Sie hat damals die Falken um den Turm der Aegidiuskirche fliegen sehen und sofort beschlossen, ihnen zu helfen. „Ich bin immer wieder auf den Turm, weil es mich so fasziniert hat, dass wir dort Turmfalken haben.“ Viel machen kann sie allerdings nicht, weil die Vögel in einer Steinmulde nisten.

„Die Falken bauen keine Nester und Nahrung finden sie in der Umgebung um die Kirche herum genügend“, weiß Ulrike Raff. Dabei stehen vor allem Mäuse auf dem Speiseplan der zierlichen, aber pfeilschnellen Vögel. Alles in allem haben die Falken im Turm alles, was sie brauchen. Dies zeigt sich auch bei den Jungtieren. „Wir hatten schon mehrere Male bis zu sieben Eier im Nistplatz“, erzählt Ulrike Raff erfreut. „An einem Sonntag schaute ich kurz vor dem Gottesdienst nach dem Rechten im Turm und stellte fest, dass sich bei den Eiern was tut. Als ich nach der Messe nachschaute, hatte sich eines der Küken aus der Eierschale befreit.“

Doch jetzt wird es für die Turmfalken ungemütlich. Und daran nimmt auch die Bevölkerung Anteil. „Eine der ersten Fragen aus der Gemeinde war, was mit den Falken passiert, wenn der Turm saniert wird“, erinnert sich Pfarrer Jonathan Dörfuß. Da auch er diese Frage nicht eindeutig beantworten konnte, führte er umgehend Gespräche mit dem Architekten. „Die Turmfalken sind Geschöpfe Gottes und ich will, dass es ihnen auch während der Sanierungsarbeiten gut geht.“ Während der Bauplanung wurde schnell klar, dass die Begleitung durch ein spezialisiertes Büro nötig ist. Nadja Schäfer vom Landschaftsplanungsbüro Roosplan übernahm das Projekt und leitete die weiteren Schritte zum Schutz der Turmfalken ein. „Die gesetzlichen Verordnungen wurden geprüft und eine artenschutzrechtliche Prüfung erfolgte“, berichtet Dörfuß.

Während dieser Prüfung gab es eine buchstäblich tierische Überraschung: Nicht nur Turmfalken wohnen in der Aegidiuskirche, es wurde auch Kot der seltenen Fledermausart Graues Langohr gefunden, schildert Jonathan Dörfuß. „Gesehen haben wir die Tiere im Gebälk zwar noch nicht, aber die Befunde aus dem Labor waren eindeutig.“ Ulrike Raff ergänzt: „Und Dohlen leben auch im Turm.“ Diese stritten sich zwar immer wieder mit den Falken um die Nistplätze, aber irgendwie gewinnen die Turmfalken am Schluss, erklärt die Falken-Mama mit einem Augenzwinkern.

Im Kirchturm ist es eh eng: „Es gibt nur Platz für ein Turmfalkenpaar.“ Der Naturschutzbund (Nabu) verlieh der Kirche im Jahr 2016 die Auszeichnung „Lebensraum Kirchturm“. Auf die Plakette ist Ulrike Raff mächtig stolz. Jetzt bleibt ihr der Aufstieg über die Steintreppe in den Turm für mehrere Monate erspart: Die Bauarbeiten dauern bis Ende November und das Gerüst um den Turm verhindert, dass die Falken das Nest anfliegen. „Aus diesem Grund haben wir drei Nistplätze im Ort angebracht; einen am Pfarrhaus, einen in der Seestraße und einen auf dem Friedhof“, zählt Jonathan Dörfuß die Ausweichquartiere für die Turmfalken auf. Es sind einfache Holzkisten, die in mindestens vier Metern Höhe angebracht werden. „Damit soll verhindert werden, dass Nesträuber an die Eier kommen.“

Da die Turmfalken recht flexible Tiere seien, was die Behausung angeht, rechnet der Gemeindepfarrer mit einem raschen Umzug. Mehr noch: „Da wir mit den Kisten Platz für mehr Falken geschaffen haben, hoffen wir auf weiteren Zuzug der Tiere.“ Der Naturschutz geht aber noch weiter: „Wir stehen mit Naturschutzbehörden in engem Kontakt. Roosplan begleitet den Bau ökologisch.“ Das heißt, bei jedem Schritt stehen Artenschutz und Bauarbeiten immer wieder auf dem Prüfstand. Die ersten Schritte haben begonnen. „Dabei wird das Holz im Dachstuhl entgiftet. Vielleicht schaffen wir damit sogar noch mehr Lebensraum für Fledermäuse“, sagt der Pfarrer.

Vom Nabu gibt es für den Umzug der Turmfalken Zustimmung. „Wenn ein Nistplatz verloren geht, suchen die Vögel nach Ersatznistkästen. Die geplante Vorgehensweise kommt mir sinnvoll vor. Neue Nistplätze werden gern angenommen, wenn die Vögel sie finden“, beurteilt Jennifer Krämer von der Bundesgeschäftsstelle in Berlin die Aktivitäten der Kirchengemeinde. Gefahr droht den Turmfalken am ehesten durch die Straßentauben, wie die Naturschutzreferentin erklärt: „Diese können durchaus Turmfalkennistplätze kapern, sie sind am Nistplatz unter Umständen sehr aggressiv. Es hängt von den individuellen Turmfalken ab, ob sie es schaffen, die Tauben zu vertreiben.“ Dass die Falken nach Abschluss der Bauarbeiten wieder in den Turm finden, hält Jennifer Krämer für sehr wahrscheinlich. „Es ist jedoch möglich, dass dann für die neu installierten Nisthilfen das Zerstörungsverbot nach Bundesnaturschutzgesetz gilt.“ Der aktuelle Bestand der Turmfalken in Deutschland sei stabil, sagt die Nabu-Referentin.