Enttäuschung in Baiereck. Die Erwartung war, dass der Fehler nur bei geringer Windgeschwindigkeit auftritt. Neue Vermutung: Steckt er im Anlagentyp selbst? Der Betreiber glaubt das nicht.
Es ist frustrierend. Die beiden Windräder bei Baiereck (Stadt Uhingen, Kreis Göppingen), die seit dem 4. März ganz abgeschaltet sind, laufen für einen Test. Der soll erbringen, dass der Brummton weg ist. Aber mitnichten. Karsten Wakolbinger steht in der Nacht auf Mittwoch vor seinem Haus, Stephan Großmann und Ortsvorsteher Vincent Krapf sind dazugekommen.
Wir alle hören das Brummen. Vor dem Haus und auch im Haus. Im Haus ist es ein leises, bohrendes Brummen. „Da kann man nicht schlafen“, sagt Wakolbinger. Er hat sogar eine Messanlage auf seinem Balkon installiert, die Mikrofone sind gen Windräder gerichtet. Wakolbinger blickt auf sein Tablet, auf dem die Messdaten unablässig eingehen, auch die von einer weiteren Anlage in der Ortsmitte. Seine Messung zeigt ziemlich konstant 44 Dezibel, die andere 45. Zu hoch, erlaubt wären 40 Dezibel. Und zum Lärmpegel kommt: Der Brummton selber, die „Tonhaltigkeit“, darf auch nicht sein.
Dabei schien der Test aussichtsreich. Wakolbinger kann eine Messreihe aufrufen, die zeigt: Bei wenig Windgeschwindigkeit tritt der Ton auf. Geht mehr Wind, verschwindet er. Deswegen ist dieser Test gestartet worden, heute Nacht bläst es kräftig. Wakolbinger und Großmann können sagen: Jetzt sind es etwa zehn Meter pro Sekunde. Es wird auch mehr. Die Anlagen laufen Volllast. Aber: Der Brummton ist da.
Auf Recherche im Hohenlohischen
Wakolbinger hat sogar eine Erklärung dafür. Die „Tonhaltigkeit“ werde bestimmt durch die Differenz zwischen dem Brummen und Nebengeräuschen. Wenn aber das Rauschen des Windes im Wald stärker werde, sei – vermeintlich – der Brummton weg. Das sei die Logik der Erhebung. Der Ton werde aber nur verdeckt, sei trotzdem da. Und in der Ortsmitte werde er durch Reflexion stärker, deswegen der höhere Wert bei der Messanlage dort.
So haben sich Wakolbinger, Großmann und andere schon in die Materie hineingefuchst. Sie können auch sagen: Der Brummton – das seien auf einem Messdiagramm drei Linien: je eine bei 70, 120 und 150 Hertz, plus minus. Wie auch immer die zusammenwirken. Das sei die Auffälligkeit. Dass es das Geräusch sei wie bei einem Umspannwerk, der „Trafo-Ton“, das haben die Baierecker schon bald vermutet. So wie man es beim Umspannwerk in Uhingen, bei der Kläranlage, hören könne. Das hat Matthias Pavel, Leiter der Projektierung beim Betreiber der Windkraftanlagen, der Firma Uhl, im Februar schon verneint. Man habe da nichts gefunden. „Die Bürger sprechen jetzt wieder vom Umspannwerk“, sagt Ortsvorsteher Krapf.
Er ist sich auch mit Großmann und Wakolbinger einig: Es sei lauter als zuvor. Nur einmal, sagt Krapf, nach Weihnachten, war’s auch so laut. Rätselhaft auch dies. Denn: Die Windrichtung ist für Baiereck günstig: Der Wind kommt von Nord-Ost, müsste das Geräusch der Windräder vom Ort wegtragen. Der Brummton setzt sich also gegen den Wind durch. Wakolbinger und Großmann haben einen Verdacht: Dass der Fehler im Bautyp des Windrads steckt. Sie haben sich nämlich andere Windräder dieses Modells angeschaut, sagen sie, Wakolbinger im Hohenlohischen und Großmann am Rand des Schwarzwalds. Wakolbinger zeigt ein Video von einem Windrad bei Löwenstein/Bretzfeld, bei dem es nur so rauscht und brummt. Aus der Nähe. Aber die Bürger fänden‘s dort auf den Wanderwegen auch laut. Und der Baierecker hat sich schon anderen Windrädern genähert und dabei nicht viel gehört.
Großmann hat zu den Windrädern bei Höfen/Enz, die er inspiziert hat, recherchiert: Im Marktstammdatenregister, wo alles, was Strom erzeugt, registriert werde, sei dazu vermerkt: Nachts müsse dieser Betreiber Schallimissionsschutz befolgen. Heißt: „Er muss einen anderen Modus fahren“, sagt Großmann. Also gebe es eine Einschränkung bei diesem Anlagentyp.
Herstellerfirma versucht die Ursache zu finden
Wakolbinger fragt sich: Kenne der Hersteller sein Windrad nicht? Dazu Matthias Pavel: „Nordex kennt das Problem mit diesem Anlagentyp nicht.“ Es habe an anderen Standorten ja auch Abnahmemessungen gegeben, da hätte sich etwas zeigen müssen. Für Pavel ist weiterhin klar: Der Fehler sei ein mechanisch erzeugtes Geräusch, das müsse eine Quelle haben, das müsse abzustellen sein. Pavel stellt klar: „Nordex muss den Fehler finden.“ Und nicht Uhl, der Betreiber. Das sei, wie wenn man ein Auto in die Werkstatt gebe.
Ortsvorsteher Krapf hält Nordex zugute, dass die Firma schon eine Task-Force aus den Niederlanden hergeschickt habe. Hersteller und Betreiber hätten schon manches versucht: Blattwinkelvermessung, Schwingungstilger, die komplette Wartung nach 500 Betriebsstunden, verschiedenste Programmierungen. Wakolbinger wundert sich: Bei der ersten Messung sei die Anlage total unauffällig gewesen. Bei der nächsten habe man festgestellt, dass es eine Katastrophe sei. Jetzt höre man: Es sei möglicherweise ein Getriebeschaden.
Ist die Tallage der Knackpunkt?
Vermutung
Hängt der Brummton mit der Tallage von Baiereck zusammen? So vermuten es die Anwohner. Jetzt denken Krapf, Wakolbinger und Großmann, dass Anlagen dieses Typs anderswo nicht so dicht an Orten in Tallage stünden. Baiereck könnte ein Präzedenzfall sein, sagt Krapf. Der Abstand im Verhältnis zur Höhe, dazu die Tallage.
Abstand
Ärger an Standorten dieses Windrad-Typs in Höfen und Löwenstein/Bretzfeld gibt es offenbar nicht. Aber: Dort seien die Dörfer weiter weg, in Höfen/Enz sehe man auch nur die Spitze des Windrads. Über Baiereck kommen die Anlagen größer heraus.