Seit der Freigabe von Insektenmehl als Nahrungszusatz durch die EU sorgen sich Kunden darum, dass jetzt auch Bäcker im Kreis Esslingen in ihren Broten Insekten verarbeitet könnten. Ist diese Sorge berechtigt?
In einigen asiatischen Ländern gelten Insekten als Delikatesse. Dieser Trend ist nun auch in Europa angekommen. Insekten werden immer häufiger als eiweißhaltiges Nahrungsmittel verwendet. Anfang Januar wurde eine EU-Verordnung verabschiedet, die das Beimischen von teilweise entfettetem Pulver aus Hausgrillen beispielsweise in Backwaren erlaubt. Verwenden Bäckereibetriebe im Landkreis Esslingen das Insektenmehl bereits?
Bäckereien verzichten auf Insektenmehl
„Mir ist kein Bäcker bekannt, der nur im Ansatz in Erwägung zieht, Insektenmehl zu verarbeiten“, sagt Frank Schultheiß von der gleichnamigen Stadtbäckerei. Auch die Bäckereien Keim, Schill und Zoller verzichten auf die Zutat. Bislang gäbe es zudem keine Pläne, solche Produkte in das Sortiment aufzunehmen, da die Bäckereien von ihren jetzigen Produkten überzeugt sind und ein Brot mit Insektenmehl auch nicht dem allgemeinen Kundenwunsch entspräche, sagen die Vertreter der Bäckereien. Einen Grund für die Ablehnung sieht Martin Reinhardt, Bäcker und Obermeister der Bäcker-Innung Alb-Neckar-Nordschwarzwald, in der europäischen Esskultur. „In Deutschland ist der Ekelfaktor bei Insekten zu groß“, sagt er. Es gebe zwar eine kleine Klientel für diese Art von Produkten, die große Masse an Kunden würde die Insekten aber nicht essen wollen.
Insekten als Nahrungsmittel
Mehlwürmer und Wanderheuschrecken sind in der EU bereits seit 2021 als Nahrungsmittel erlaubt. Im Januar wurde die Zulassung von Hausgrillen erweitert und die Larve des Getreideschimmelkäfers neu in die Liste aufgenommen. Als Argument für die Insekten spricht laut Europäischer Union die gute Klimabilanz aufgrund geringerer Treibhausgas-Emissionen sowie einem geringeren Wasserverbrauch im Vergleich zu Fleisch.
Dass gerade der Schritt im Januar dieses Jahres so viel Aufsehen erregt hat, liegt für Reinhardt vor allem an der häufigen Berichterstattung. Daraufhin hätten ihn vereinzelt Anfragen von Verbrauchern erreicht. Auch andere Bäckereibetriebe sind mit diesen Anfragen konfrontiert, die zum Teil jedoch bereits wieder abgenommen hätten. „Eine gewisse Unsicherheit ist dennoch bemerkbar“, sagt Reinhardt.
Um dieser Unsicherheit zu begegnen, stellte die Bäckerei-Innung Alb-Neckar-Nordschwarzwald Vorlagen für Aushänge bereit, die Kunden über die Situation aufklären. Auch in den sozialen Medien wurden Informationen über das Insektenmehl geteilt. In seinem Betrieb wies Reinhardt seine Mitarbeiter an, bei Anfragen den Kunden zu erklären, dass kein Insektenmehl verwendet werde. Andere Betriebe hätten es ihm gleich getan, sagt Reinhardt. Er fügt hinzu, dass – nur weil etwas erlaubt ist – es nicht automatisch verwendet würde. „Nur weil die EU beschlossen hat, Insekten als Zusatzstoff zuzulassen, heißt das im Umkehrschluss nicht, dass Lebensmittelhersteller dies auch tun wollen,“ sagt auch Frank Schultheiß. Selbst wenn Bäcker Insektenmehl verwenden würden, müssten sie dieses als Zutat angeben und auch auf mögliche allergische Reaktionen hinweisen.
Aufklärungsarbeit durch Bäcker
Was in Zukunft geschehe, könne man nicht wissen, sagt Martin Reinhardt. Jeder Betrieb werde den Markt beobachten und selbst Schlüsse aus den Entwicklungen ziehen. „Letztendlich können wir nur backen, was die Kunden wollen“, erklärt er. Da die Akzeptanz noch sehr gering sei, sieht er momentan keine Chance, dass Insektenmehl verwendet werden wird. Bis dahin bestehe gutes Brot lediglich aus Mehl, Wasser, Salz, Hefe – und viel Zeit.