Amalia (14), Olivia (12), Tim (11), Jule (10) und Lisbeth (11) (von links) in der Gruppenstunde der Pfadfinder. Foto: Iris Frey

Weltweit zählten sie zu den größten Jugendbewegungen: die Pfadfinder. Was ist das Besondere, warum sind heute noch attraktiv? Ein Besuch.

Ein Dutzend Pfadfinder im Alter von zehn bis 17 Jahren sitzen an diesem Abend im Raiser-Haus der Evangelischen Kirche in Bad Cannstatt zusammen. Einige tragen ihre Uniform: graue Blusen oder Hemden mit Abzeichen und blaugrüne Halstücher mit Lederknoten. Mit dabei sind die 17-jährige Luna, die gleichaltrige Eleonora, die 14-jährige Amalia, die zwölfjährige Olivia, Jule (10), Lisbeth (11) und der elfjährige Tim.

Sie alle scharen sich am Tisch um die Gruppenleiter Tobias Hartig und Stefan Günter. Gemeinsam erzählen sie, was ihnen am Pfadfinderleben so Spaß macht. Die Älteren, die schon bei Lagern dabei waren, wissen: „Man packt mit an, baut das Zelt zusammen auf, und macht die Knoten. Es macht Spaß, direkt das Resultat zu sehen“, sagt der 16-jährige Jann. Denn jeder Knoten muss bei der Zeltkonstruktion genau sitzen: „Wenn du das Zelt schlecht aufgebaut hast, bist du nass.“

Jule, Lisbeth und Tim mit Gruppenleiter Tobias Hartig (von links). Foto: Iris Frey

Pfadfinder in Stuttgart: „Wir lernen, Krisensituationen anders zu bewältigen“

Oder aber es regnet, wie vor zwei Jahren beim Pfingstlager, als die Zeltplane undicht war. Dann wird nicht gejammert, sondern das Beste daraus gemacht: „Man kann heulen, aber es bringt nichts“, bringt es Olivia es auf den Punkt. „Wir lernen, Krisensituationen anders zu bewältigen“, erklärt Eleonora. Da höre es sich nach so einem Lager zu Hause ganz anders an, wenn einer jammere, weil ihm gerade die Bahn weggefahren sei. Alles ist relativ. In der Natur lernen die Pfadfinder so einiges, wie sie berichten: „Beim Pfingstlager musst du nachts deine Schuhe wasserdicht einpacken, sonst sind sie, wie das Gras vor dem Zelt, am anderen Tag nass.“

Amalia, 14, findet „die Gemeinschaft cool und die Landeslager sind eine coole Erfahrung.“ Eleonora ist seit 2017 dabei und sagt: „Die Kommunikation hier ist ganz anders.“ Sie war 2022 beim Weltpfadfindertag in Korea vor Ort: „Das war ein prima internationaler Austausch.“ Luna, 17, aus Kornwestheim, ist auf Einladung von Eleonora zu den Pfadfindern gekommen. „Mir gefällt, dass man so aus dem Alltag rauskommt, raus aus der Zivilisation und mitten im Wald aufwacht.“ Und wenn die Pfadfinder mal mitten im Wald zelten, geht es aber nicht darum, ausgesetzt zu überleben, sondern „mit der Natur zu leben“. Und: „Pfadfinderfreundschaften sind anders“, sagt Luna, „weil man viel länger, etwa bei den Lagern, zusammen ist.“

Beim Zelten geht es für die Pfadfinder darum, mit der Natur zu leben

Und es wird auch zusammen gekocht im Küchenteam. „Schnippeln gehört dazu.“ Das wird auch zu Hause gemacht. Und abgespült wird in aufgestellten Becken mit Spülwasser. Das macht jeder selbst. „Da renne ich dann schnell hin, damit ich die erste bin“, sagt Olivia. Bei einem Treffen hätten die Eltern das nicht gecheckt, die wollten das Geschirr in die Spülmaschine mitnehmen.

Und Handys, braucht man die? Die Frage klärt sich ganz einfach: „In den Lagern gibt es keinen Strom“, sagt Jann „man teilt es sich ein“. Und Eleonora meint: „Man ist mit anderen beschäftigt und hat dafür keine Zeit. Aber im Alltag sind wir auch digital unterwegs.“ Gruppenleiter Hartig ergänzt: „Und da hilft es für Besprechungen auch, sich mal über Zoom zu treffen.“ Er studiert Landschaftsarchitektur in Nürtingen und pendelt immer von Bad Cannstatt aus hin und her.

Eleonora: „Bei den Pfadfindern wird Eigenverantwortung gefördert“

Jule, 10, zählt zu den Jüngsten an diesem Abend. Sie ist noch nicht lange dabei. Ihr gefällt das Programm, beispielsweise, als sie kürzlich Muffins gemeinsam gebacken haben. Und Lisbeth, 11, findet es toll, dass sie viel draußen sind. Die Natur erleben. Da haben die Pfadfinder neulich auch Pflanzen bestimmt, die sie entdeckt haben. Das hat besonders dem elfjährigen Tim gefallen. Er hat sorgfältig Efeublätter auf ein Blatt geklebt und die lateinischen Namen herausgeschrieben und die Pflanze beschrieben.

Tim zeigt sein Efeu-Bild. Foto: Iris Frey

Eleonora macht deutlich: „Hier wird Eigenverantwortung gefördert.“ Ihr gefällt das: So hilft sie bereits bei der Betreuung von kleineren Pfadfindern zwischen sieben und neun Jahren und macht das Rahmenprogramm und kommuniziert mit den Eltern.

Pfadfinder gehören zur evangelischen Stadtkirchengemeinde Bad Cannstatt

Und sind Pfadfinder anders im Alltag? „Man übernimmt Verantwortung, das wirkt sich auch auf den Alltag aus“, weiß Jann. Etwa beim höflichen Umgang mit Menschen, ihnen zu helfen – und: jeden Tag eine gute Tat. Doch Eleonora betont: „Das heißt nicht, dass wir Gutmenschen sind.“ Die Pfadfinder, die zur Stadtkirchengemeinde gehören, helfen bei Festen wie dem Niklasmarkt am Stand. Nächstenliebe sei eine Pfadfindertugend, betonen sie, aber: „Wir müssen nicht am Ende jeder Gruppenstunde beten.“

Gruppenleiter der Pfadfinder will die Kinder begeistern

Da wird sowieso jetzt erst mal überlegt, wie und ob eine Stammeszeitung gemacht wird und was da drin geschrieben wird. Und da stehen auch Witze auf dem Programmzettel. Das nimmt Hartig gerne auf, der 24-Jährige ist seit zwölf Jahren Pfadfinder und seit acht Jahren Gruppenleiter. Ihm macht es Spaß, die Pfadfinder zu begleiten und „die Kinder zu begeistern und zum Lachen zu bringen.“

Holger Schindler ist seit 50 Jahren Pfadfinder. Foto: privat

Seit 50 Jahren ist Holger Schindler bei den Christlichen Pfadfindern in Bad Cannstatt. Der gebürtige Cannstatter hat im Alter von zehn Jahren begonnen mitzumachen. „Ich kam damals über Freunde dazu“, sagt er. Besonders toll fand er: „Man hat mich genommen, wie ich bin.“ Auch ihm gefiel die Gemeinschaft, die dort gelebt wurde, etwa „dass die Größeren den Kleineren helfen“. Und viel Spaß haben ihm das Zelten, das Lagerfeuer und die Wanderungen mit Rucksack gemacht. 16 Jahre lang hat Schindler drei Gruppen geleitet. „Mir hat es gefallen, Verantwortung zu übernehmen und den Pfadfindern die Werte zu vermitteln und dass die Gemeinschaft zählt“ und dass die Kinder und Jugendlichen sich ausprobieren dürfen, etwa beim Zeltaufbau und Basteln.

Erst aktiver Pfadfinder, dann Vorsitzender im Förderverein

Sein Engagement für die Pfadfinder sieht heute so aus: Seit fünf Jahren ist der Angestellte im Personalwesen, der in Ingolstadt wohnt, Vorsitzender des Fördervereins mit 30 Mitgliedern, den es seit 2012 gibt. „Der Verein unterstützt den aktiven Stamm mit Geld, Rat und Tat und bildet ein Scharnier zu den Ehemaligen“, sagt Schindler. Das 100-jährige Jubiläum habe nun wieder viele Kontakte zu Ehemaligen gebracht. Er schätzt die Zahl der Ehemaligen im dreistelligen Bereich.

Der älteste lebende Ehemalige sei 95 Jahre alt. Für ihn ist das Christliche, das C wichtig. So seien die Pfadfinder auch Teil der evangelischen Stadtkirchengemeinde. Seit 1973 sind die Christlichen Pfadfinder in geschlechtlich gemischten Gruppen zusammen. „Ich war in der ersten gemischten Gruppe“, sagt Schindler. Bis heute hat der Vater zweier Töchter eine tiefe Verbundenheit nach Bad Cannstatt zu den Pfadfindern und überwindet gerne regelmäßig die 160 Kilometer, um vor Ort zu sein.

Die drei größten Pfadfindergruppen in Deutschland

Die Christliche Pfadfinderschaft
Der erste christliche Pfadfinderverband, die Christliche Pfadfinderschaft (CP) entstand in Deutschland im Jahr 1920. Sie wurde 1937 von den Nazis verboten und nach 1945 wurde die gesamte Pfadfinderbewegung neu aufgebaut, auch die CP, die der Evangelischen Kirche Deutschlands untersteht. Nachdem auf evangelischer Seite immer noch eine große Zersplitterung von vielen kleinen Verbänden existierte, schlossen sich 1973 drei Verbände zu einem großen evangelischen Pfadfinderbund zusammen: Dem evangelischen Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP). Die Cannstatter christlichen Pfadfinder sind unter: https://www.stadtkirche-bad-cannstatt.de/gemeinde-leben/verband-christlicher-pfadfinderinnen-und-pfadfinder

Katholische Pfadfinderschaft
Die katholischen Pfadfinder sind in der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG) organisiert, die 1929 aus dem Zusammenschluss mehrerer katholischer Pfadfindergruppen entstand.

Interkonfessionell
Der Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP) ist der größte interkonfessionelle Verband für Pfadfinder in Deutschland.