Grotesk überdreht: Carole Wilson als Fata Morgana und Michael Ebbecke als Zauberer Celio. Foto: Matthias Baus - Matthias Baus

Ein barockes Intrigenspiel mit Blick auf alte Theaterfehden, eine Musik unter Dauerpower: Der Regisseur hat Prokofjews groteske Oper zum Computerspiel upgedatet.

StuttgartMensch, kann der schön jaulen! In Sergej Prokofjews Opernsatire „Die Liebe zu drei Orangen“ von 1921 ist der Märchenprinz ein ziemlicher Loser. Er leidet an „hypochondritiotischen Verschleimungen“, lacht nur aus Schadenfreude und verliebt sich in exotisches Obst. Er verbringt seine Tage in einem quietschrosafarbenen Schlafsack inmitten von Kuscheltieren und kotzt zwischendurch grünen Schleim in den Stoffbeutel, den ihm der Hofnarr Truffaldino hinhält. Des Spaßmachers gelenkige Puppenspiel-Aktion – haha, der langohrige Stoffhase des Prinzen lebt und geht dem Narren an die Gurgel – fruchtet nicht. Der Prinz hat dafür nicht einmal ein müdes Lächeln übrig. Viel zu melancholisch, der Gute.

Das Publikum im Stuttgarter Opernhaus lacht umso mehr in Axel Ranischs raffiniert-witziger Inszenierung der zweistündigen Oper, die in neuer, zeitgemäßer und schön derber Übersetzung von Werner Hintze gespielt wird. Ranisch, eigentlich Filmregisseur mit gelegentlichen Ausflügen ins Musiktheater, hat dem Stück gemeinsam mit seinem Team einen dritten Boden eingezogen. Prokofjews Libretto nach einer Komödie Carlo Gozzis von 1761 handelt von einem amtsmüden König (gediegen: Goran Juric), seinem melancholischen Sohn und allerlei intriganten und machtbesessenen Hof- und Märchenfiguren. In der Rahmenhandlung streitet ein Haufen Theaterleute über den Sinn und Unsinn von Komödie und Tragödie – Ranisch setzt sie als Theaterteam rechts vor die Szene und lässt sie immer wieder ins Bühnengeschehen eingreifen.

Ästhetik eines Computerspiels

Aber die barocke Wirrnis des Intrigenspiels mit integriertem Blick auf alte Theaterfehden reicht Ranisch nicht: Er bettet das Ganze in die Logik und Ästhetik eines alten Computerspiels ein, das in dystopischer Zukunft verortet ist. Dafür kommen neue Figuren hinzu: der kleine Nerd Serjoscha, der die Geschicke auf der Bühne mit Maus und Joystick beeinflusst, und sein Daddy, der sein Söhnchen vom PC weg an den Mittagstisch kriegen will. Die Dialoge tönen zwischendurch aus dem Off, aber beide werden später sichtbar und magisch ins Spielgeschehen hinein­gezogen.

Die Bühne von Saskia Wunsch – das Deck eines Schiffswracks, aus dem gelegentlich Innenräume hochgefahren werden – setzt dabei auf die grobe, bunte Pixelstruktur früher Computerspiele. Auf der Riesenvideoleinwand im Hintergrund tut sich die von Till Nowak animierte Landschaft eines PC-Spiels namens „Orange desert III“ auf: die Wüstenei eines ausgetrockneten Meeres, durch die auch die Vöglein verpixelt fliegen. Hier sieht man die Spielzüge des Kindes: wie es Symbolbuttons klickt und dadurch Bühnenaktionen auslöst. Drückt es etwa das Bonbonsymbol, sorgt Magier Celio für schlaraffenlandartige Verhältnisse. Der Kleine beherrscht das Spiel: Er ist „Farfarello, der Weltenlenker“.

Das bringt Logik in die grotesk überdrehte Oper, in der auch so schon schwer zu verfolgen ist, wer da gerade gegen wen agiert und was der etwas wirre Zauberer Celio (sehr magisch: Michael Ebbecke) eigentlich genau bezweckt. Jedenfalls zieht der Prinz los, weil ihm die Liebe zu drei Orangen angehext wurde, die er dann im Schloss der Zauberin Kreonta der Köchin (lustig travestiert von Matthew Anchel) klauen kann. Aber wen der Prinz da am Ende eigentlich heiratet und wer die monströse Ratte ist, die immer wieder die Bühne quert, und warum die Hexe Fata Morgana den kleinen PC-Spieler kidnappt und auf die Bühne zerrt, wo er von ihren finsteren Teufelchen getriezt wird, ist nur mit äußerster Konzentration nachzuvollziehen. Ist aber auch gar nicht so wichtig. Hauptsache glänzend inszeniert: schnell, urkomisch, überraschend, pointiert, aber vor allem mit sehr viel Gespür für Prokofjews Musik. Etwa wenn Papa den Sohnemann (sehr professionell: Ben Knotz) aus dem Bühnentohuwabohu retten will und – sichtbar auf der Leinewand – wild den Joystick wirbelt und die ganze Volksfest-Personage nach seinem Rhythmus hin und her tanzt. Solche kongenialen Mätzchen macht der spielfreudige, stimmkräftige Staatsopernchor gerne mit, der nicht nur als Hofstaat für herrlich bunte, wilde Bilder sorgt. Dafür verantwortlich sind auch die fantastischen, schrillen Kostüme von Bettina Werner und Claudia Irro und der digitale Bonbon- und Goldregenzauber, der die Szene befeuert.

Spaß am ironischen Gestus

Spielfreudig, sehr präzise und mit viel Spaß am ironischen Gestus der Musik agiert das 13-köpfige Solo-Ensemble. Auch stimmlich ist nur Gutes zu melden. Tenor Elmar Gilbertsson ist ein fantastischer Prinz: Sehr witzig, charismatisch, mit geschmeidigem Heldenschmelz in der Stimme. Daniel Kluge mit seinem komischen Talent und seinem wendigen Tenor singt und spielt einen mitreißenden Truffaldino, Mezzosopran Carole Wilson eine äußerst wirkungsvolle böse Hexe. Die herrlich zickige Stine Marie Fischer und Shigeo Ishino mit würdiger Bösartigkeit als Intrigantenpaar Clarice und Leander zeigen genauso viel Bühnenpräsenz wie Bariton Johannes Kammler als Pantalone oder Sopran Esther Dierkes als Ninetta.

Und die Zusammenarbeit mit dem Orchester funktioniert gut. In der Leitung von Alejo Pérez, der für Präzision und Dauerdruck im Graben sorgt, entfaltet das Staatsorchester jenen Sog musikalischer Dauerpower, die für Prokofjew, den modernen Traditionalisten, so typisch ist: leitmotivisch durchwebte Musik in ständiger Metamorphose, die bizarr moduliert, sich lärmend oder bruitistisch ballt, die aus neckischer Verspieltheit zu auftrumpfender Zirkusmusik findet, nervös flattert, grotesk klappert, oft motorisch rhythmisiert, oft derb. Das ist sicherlich die größte Qualität dieser Produktion: dass sie dies detailgenau in Bilder und Aktionen übersetzen kann. Wofür sie vom Publikum gefeiert wird.

Die nächsten Vorstellungen: 5., 14., 17. und 19. Dezember, 4. und 11. Januar, 9., 14. und 22. April.

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