Klug, knitz und hintersinnig: Anke Stelling im Kutschersaal. Foto: Roberto Bulgrin - Roberto Bulgrin

Für ihren Roman „Schäfchen ins Trockene“ wurde Anke Stelling mit dem renommierten Preis der Frankfurter Buchmesse ausgezeichnet. Nun war sie zum ersten Mal bei der Esslinger LesART zu Gast und hat beim Publikum mit einem klugen Buch und einem erfrischenden Auftritt gepunktet.

EsslingenSie hat sieben Bücher in 18 Jahren geschrieben, doch erst ihr achtes trug ihr die allerhöchste literarische Anerkennung ein. Vielleicht kann Anke Stelling ob ihres etwas längeren Anlaufs zum Erfolg den Hype um ihren jüngsten Roman „Schäfchen im Trockenen“ besser einordnen. Seit der mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, wird sie in vielen Feuilletons gefeiert und im Buchhandel gestapelt. „Mit der Aufmerksamkeit ist das so eine Sache“, sagt die Autorin, als sie ihre „Schäfchen“ nun bei den Esslinger Literaturtagen LesART vorstellt. „Das Buch wäre auch ohne Preis genauso gut gewesen. Selbst wenn es nicht veröffentlicht worden wäre, wäre es kein bisschen schlechter.“ Weil es ein wichtiges Buch ist, das ihrer Generation den Spiegel vorhält und deren Ideale schonungslos an der Realität misst. Anke Stellings Buch zu lesen ist ein Vergnügen, weil es einen wohltuend (selbst-)ironischen Ton anschlägt. Die Wirkung ihrer Worte entfaltet sich jedoch am besten, wenn man die Stimme der Autorin im Ohr hat.

Erzählerin Resi ist Mitte 40, und dass sich die Autorin ihrer Protagonistin nah fühlt, spürt man in jeder Zeile: Beide sind vor vielen Jahren aus dem Schwäbischen in die Hauptstadt gezogen, beide leben im Szene-Kiez Prenzlauer Berg. Sie gehören zu jener Generation, die in dem Glauben aufgewachsen ist, dass jedem unabhängig vom familiären Hintergrund alle Türen offenstehen. Und dass sie es einmal besser machen wollen als die eigenen Eltern. Viel besser. So haben Resis ach so fortschrittliche Freunde vor Jahren am „Prenzl­berg“ ein Bauprojekt gegründet. Dass Resi die einzige war, die sich die Wohnung nicht leisten konnte, war einerlei: Dann übernimmt halt der solventere Frank, der Mann ihrer besten Freundin Vera, die Wohnung, und Resi wird mit ihrer Familie zur Untermieterin.

Doch mit der Freundschaft ist es – genau wie mit den hehren eigenen Ansprüchen – so eine Sache. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Alte Überzeugungen geraten ins Wanken, Lebenslügen treten zutage. Und als Resi ein schonungsloses Buch über die Menschen in ihrem engsten Umfeld schreibt, kündigt ihr Vera die Freundschaft und Frank kündigt ihr den Mietvertrag. Und Resi wird bewusst, dass sich die Wege trennen: Während die Freunde die Gemeinsamkeit gegen ein Glück allein im trauten Heim eintauschen wollen, bleibt Resi und ihrer Familie nur ein Umzug in die erschwinglicheren Stadtviertel – verbunden mit der Angst vor dem sozialen Abstieg. In dieser Stimmung schreibt sie an ihre älteste Tochter, die 14-jährige Bea, damit die nicht in die gleichen Fallen tappt wie ihre Mutter.

Resis Worte für Bea werden zur schonungslosen Bilanz ihres Lebens – und zur Abrechnung mit ihren „Freunden“ und mit ihrer Mutter, weil die sie vor den Fußangeln des Lebens nicht gewarnt hat. Resi erzählt, argumentiert, hinterfragt und klagt an. Sie erfährt, wie schmerzlich es sein kann, den eigenen Kindern die Ungerechtigkeit der Welt einzugestehen. Sie spürt aber auch, dass darin etwas Tröstliches liegen kann – auch wenn ihre Sehnsucht nach Eindeutigkeit groß ist und die Einsicht, dass es keine gibt, ebenso schmerzlich wie tröstlich ist.

„Schäfchen im Trockenen“ (Verbrecher Verlag, 22 Euro) hat eine sehr persönliche, aber auch eine hochpolitische Dimension. Fühlt sich Anke Stelling deshalb als politische Autorin? „Auf jeden Fall habe ich ein politisches Anliegen“, verrät sie im LesART-Gespräch mit dem Moderator Thomas Rothschild. „Ich möchte zeigen, wie es sich anfühlt, aus einer Wohnung rauszumüssen. Und ich wünsche mir, dass die Lektüre die Empathie bei denen schult, die mein Buch lesen.“ Etwas irritiert ist Anke Stelling, wenn sie als erfolgreiche Autorin zu allem und jedem Stellung beziehen soll: „Als öffentliche Person will ich mit meiner Literatur wirken und nicht durch meine politischen Ansichten. Sonst verwischt sich das mit meiner literarischen Arbeit, und das lässt sich irgendwann nicht mehr kontrollieren.“

Ihren Stoff bezieht die Berliner Autorin erklärtermaßen „weniger aus der Recherche als aus der Erfahrung“. Und sie setzt sich gerne mit der Frage auseinander, wie sich das eigene Leben in Literatur übersetzen lässt. „Ich lese gerne gut recherchierte Bücher“, verrät sie dem LesART-Publikum. Solche Bücher seien einfacher zu lesen als Gegenwartsliteratur, bei der der Leser nicht umhin kann, sich selbst zu positionieren: „Ich finde es wichtig, dass es Bücher gibt, die direkt auf die Gegenwart zugreifen, ohne sich hinter einer schönen Sprache zu verstecken.“ Eine „schöne“ Sprache würde zu diesem neuen Buch auch gar nicht passen. Anke Stelling lässt Resi munter drauflos reden, wie es ihr in den Sinn kommt. Mal tastet sie sich vorsichtig an die (Selbst-)Erkenntnis heran, mal schießt sie übers Ziel hinaus, nimmt wieder zurück, zweifelt, hadert, hofft und schimpft. Und je nach Stimmung wird der Erzählstil variiert. Ihr zuzuhören ist für das Esslinger Publikum ein Genuss, weil ihre Worte gesprochen noch tiefere Wirkung entfalten. Freundlich, knitz, klug und zuweilen hintersinnig beantwortet Stelling die Fragen von Moderator und Publikum. Und am Ende eines gleichermaßen unterhaltsamen wie nachdenkenswerten Abends bleibt die Hoffnung, dass ihr erster LesART-Auftritt nicht ihr letzter bleiben wird. Weil literarische Stimmen wie die ihre wichtiger denn je geworden sind.

Mit „Schäfchen ins Trockene“ hat sich Anke Stelling vollends in der Belétage der deutschen Literatur etabliert. Da wäre es nicht überraschend, wenn sich auch große Verlage um sie reißen würden. Könnte sich die Autorin vorstellen, dem Verbrecher Verlag, der ihre jüngsten Bücher publiziert hat, den Rücken zu kehren? Anke Stelling hat nicht vergessen, wie es sich angefühlt hat, als ihr ein großer Verlag vor Jahren den Laufpass gab, weil sich ihre ersten Bücher nicht wie erhofft verkauft hatten. „Das Risiko, so etwas noch einmal zu erleben, will ich nicht eingehen“, verrät sie dem LesART-Publikum. „Mir ist es wichtiger, meine Literatur veröffentlichen zu können.“ Thomas Rothschilds dezenten Hinweis, dass dann auch höhere Honorare locken könnten, kontert die Autorin mit einem knitzen Augenzwinkern: „Ich bin Schwäbin und kann gut haushalten.“

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