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Die in Stuttgart aufgewachsene Anke Stelling rechnet in ihrem stark autobiografischen Roman „Schäfchen im Trockenen“ mit den Lebenslügen der Berliner Boheme ab.

StuttgartAuch Linksalternative lieben die Klassengesellschaft: Die in Stuttgart aufgewachsene Anke Stelling rechnet in ihrem Roman „Schäfchen im Trockenen“, der am Samstag im Kammertheater uraufgeführt wird, mit den Lebenslügen der Berliner Boheme ab.

Frau Stelling, nach der Lektüre Ihres Buches frage ich mich: Haben Sie noch Freunde?
Ja, ich habe gute Freunde. Aber Sie sind nicht der Erste, der sich um mein Sozialleben sorgt und den ich beruhigen kann.

Dann ahnen Sie auch, weshalb ich die Frage stelle.
Vermutlich, weil Sie mich mit Resi verwechseln, der Ich-Erzählerin von „Schäfchen im Trockenen“. Und bestimmt habe ich einiges mit ihr gemeinsam, aber sie ist eben eine literarische Figur, erscheint mit ihren Abstiegsängsten ungleich viel grüblerischer, verzweifelter und wütender, als ich es bin. Mich selbst würde ich durchaus als glücklichen Menschen bezeichnen.

Gibt es denn Gemeinsamkeiten?
Ja, die gibt es. Resi ist Schriftstellerin, hat ein Buch geschrieben, in dem sich Leute aus ihrem Umfeld wiedererkennen. Das sorgt für Ärger, und das habe ich auch erlebt, wie sonst könnte ich so kenntnisreich davon berichten?

Sie reden von „Bodentiefe Fenster“, Ihrem 2015 erschienenen Roman?
Genau, ein Buch über das linksalternative Milieu im Prenzlauer Berg. Dem gehöre ich selbst an, ich greife da also auf meine Wirklichkeit zurück. Und da geschieht es zwangsläufig, dass sich Leute wiedererkennen. Das ist der Sinn von Gegenwartsliteratur: dass sie von den Verhältnissen, in denen wir leben, erzählt. Hinzu kommt, dass ich Themen bearbeite, die nicht immer angenehm sind.

Zum Beispiel?
In „Schäfchen im Trockenen“ geht es um Klassen- und Herkunftsfragen. Da gibt es diese Clique, die Anfang der neunziger Jahre mit großen Idealen von Stuttgart nach Berlin gezogen ist, und die dann zerbricht. Was vielleicht auch damit zu tun hat, dass man sich, je älter man wird, desto weniger mit Unterschieden auseinandersetzen mag. Geschweige denn, sich seinen Lebensentwurf infrage stellen lassen. Also umgibt man sich lieber mit seinesgleichen, landet doch jeder in seiner Blase.

Und Resi spielt nicht mehr mit?
Resi ist in Stuttgart während der 70er und 80er aufgewachsen, als der Traum, dass alle Menschen gleich sind und gleiche Chancen haben sollen, noch lebendig war. Sie hat wirklich geglaubt, dass Klassenfragen keine Rolle mehr spielen. Und mit diesem Glauben war sie nicht allein. Doch jetzt merkt sie, dass sie als Aufsteigerkind eben doch nicht dazugehört, dass Geld und Status wichtig werden. All das, was sie sich mit Künstlermann und vier Kindern nicht leisten kann. Sie stellt Klassenunterschiede fest, die aber gerne verschleiert werden. Von allen, auch von ihr selbst, und sie will jetzt damit aufhören und offen darüber reden. Aber wenn sie diese Unterschiede zum Thema macht, kriegt sie zu hören: Selber schuld! Hättest dich halt anstrengen müssen.

Sich anstrengen, um‘s zu schaffen: das neoliberale Mantra . . .
. . . mehr als das, für Resi eher die „neoliberale Gehirnwäsche“. Gleichzeitig merkt sie, dass in diesem Mantra auch eine Selbstermächtigung steckt: Ich habe mein Leben in der Hand, ich bin kein Opfer, sondern „meines Glückes Schmied“. Wobei sich schon in diesem Sprachbild die ganze Ambivalenz der Aufsteiger-Ideologie zeigt.

Was mir an den „Schäfchen“ am besten gefällt: der genaue soziologische Blick, den Resi für die feinen Unterschiede hat.
Es gibt eine Stelle, wo sich Resi mit der Frau ihres früheren Freunds vergleicht: Carolina weiß sich zu kleiden, zu schminken, zu bewegen, sie kann Arbeit an Putzfrauen delegieren und Kellner kommandieren. Selbst wenn sie irgendwann Geld und Macht besitzen, werden Leute wie Resi niemals in der Lage sein, damit so selbstverständlich umzugehen wie Carolina, die das von Kindesbeinen an gelernt hat. Nach Lesungen treten viele Menschen an mich heran und sagen: Ich weiß genau, wie sich Resi fühlt.

Wie stark sind die erwähnten Prägungen von Kindesbeinen an?
Sehr stark. Muster werden von Generation zu Generation weitergegeben. Man kann sich daraus befreien, doch das kostet enorme Mühe und dauert vermutlich das ganze Leben lang. Um sich daraus zu befreien, braucht es beides: ein Individuum, das sich nicht mehr von Prägungen fesseln lässt, aber auch ein äußeres System, das auf sozialer Gerechtigkeit und Solidarität aufbaut. Letzteres ist nach zwanzig Jahren unreguliertem Kapitalismus immer brüchiger geworden.

Das Interview führte Roland Müller.

Stelling und Stuttgart

Herkunft: Literatur prägt ihr Leben, von Anfang an: Die 48-jährige Anke Stelling ist in einer Stuttgarter Buchhändlerfamilie aufgewachsen. Über zwei Jahrzehnte hinweg führte ihre Mutter den Vaihinger Buchladen. Stelling selbst studierte am Literaturinstitut in Leipzig.

Clique: In Stuttgart gehörte sie einer Clique an, die ihre Wurzeln im antiautoritären Vaihinger Kinderladen hatte. Dort wuchs die Tochter aus einfachen Verhältnissen mit Arzt- und Architektenkindern auf, die anders als sie nicht aus einer Mietwohnung kamen, sondern aus Häusern mit Gärten auf der Rohrer Höhe. „Klassenunterschiede haben damals für mich keine Rolle gespielt“, sagt Anke Stelling heute.

Termin: Die Uraufführung von „Schäfchen im Trockenen“ findet an diesem Samstag, 20 Uhr, im Kammertheater statt.

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