Oft handeln Wenders Film von Männern auf der Suche nach sich selbst – wie hier Harry Dean Stanton in „Paris, Texas“. Foto: Wim Wenders Stiftung

Viele seiner Filme sind Legende: Wim Wenders. Am 14. August wird er 80 Jahre alt. Hat im Rückblick alles Bestand, was er geschaffen hat? Eine Ausstellung hakt nach.

Manchmal genügen ein paar Begriffe – und schon fängt die Fantasie an, Geschichten zu konstruieren. Zum Beispiel: General – Schwiegervater – Geheimagent – Playboy – Alleinimporteur und Mörder. Diese Begriffe hat Wim Wenders als junger Mann aus der Zeitung ausgeschnitten und auf ein Blatt geklebt. Und man kann sicher sein, dass sie sich in seinem Kopf zu einem Drehbuch fügten.

Wim Wenders ist einer der erfolgreichsten deutschen Filmemacher und hat mit „Paris, Texas“ oder „Buena Vista Social Club“ jeweils ein Stück Filmgeschichte mitgeschrieben. So unterschiedlich seine Projekte waren, verbindet sie eine ganz eigene Art, Geschichten nicht nur über Dialoge zu erzählen, sondern auch über Landschaften, Fassaden oder Requisiten. Ob es ein Stuhl ist, von dem sich gerade jemand erhoben hat, oder eine Kaffeetasse, in der noch der Löffel steckt – „das ist der Stoff, aus dem Geschichten gemacht werden“, sagt der Regisseur.

Er malt auch und fotografiert

Wobei Regisseur zu kurz greift. Man staunt, wie vielfältig Wim Wenders ist, der auch malt und fotografiert. Deshalb gibt es viel zu entdecken in der Bundeskunsthalle in Bonn, die Wim Wenders nun die umfassende Ausstellung „W.I.M. Die Kunst des Sehens“ widmet, denn in diesem Sommer, am 14. August, wird er achtzig Jahre alt. Zeit, Bilanz zu ziehen.

Eine Ausstellung über Filme zu machen ist eigentlich ein Widerspruch in sich, aber schon bei den ersten Ausschnitten bekommt man Lust, sofort einzutauchen in die Geschichten der verschiedensten Kerle. Denn oft sind es Männer, die in Wenders Filmen auf der Suche nach sich selbst ziellos unterwegs sind. In „Alice in den Städten“ ist es ein Journalist, der eher zufällig an ein neunjähriges Mädchen geraten ist, mit dem er durch Deutschland fährt auf der Suche nach der Großmutter.

Auch „Paris, Texas“ von 1984 ist ein Roadmovie, bei dem ein lange verschollener Mann reisend versucht, wieder Anschluss an sein altes Leben zu bekommen. Ob es der endlose Highway im Nirgendwo ist oder der Blick auf die endlosen Häuserreihen in Berlin, es sind gerade die weiten Blicke, die in den Filmen die inneren Zustände der Figuren spiegeln.

Wim Wenders 2023, fotografiert von seiner Frau Donata Wenders Foto: Donata Wenders

Der Bonner Ausstellung gelingt es gut, Einblicke zu geben in die vielen Filme und dabei herauszuarbeiten, was das Werk von Wenders ausmacht. Nebenbei fotografierte er auch immer. So sieht man riesige Fotos weiter Landschaften in der Ausstellung. Aquarelle und Zeichnungen zeigen wiederum, dass Wenders das Zeug dazu gehabt hätte, Künstler zu werden. Zunächst orientierte er sich stark an Max Ernst, aber schon bald skizzierte er Figuren zwischen Hochhäusern oder auf endlosen Straßen – grad so wie später in den Filmen. Am stärksten beeinflusste ihn Edward Hopper. Dessen bekanntes Gemälde eines Paars in einem erleuchteten Diner hat er sogar nachbauen lassen.

Immer wieder neue Wege

Zugegeben, heute wirken manche Dialoge etwas pathetisch. In „Der Himmel über Berlin“ von 1987 spielt Bruno Ganz einen Engel, der Mensch werden will. „Mal einen Apfel in die Hand nehmen“, sagt er sehnsuchtsvoll, „weg mit der Welt hinter der Welt.“ Aus dem Kontext gerissen klingen manche Sätze fast nach Kalenderspruch: „Die Menschen haben sich nicht die Welt untertan gemacht. Sie sind ihr Untertan geworden.“ Immer wieder ist Wenders neue Wege gegangen: Er tauchte in die Musikwelt ein und drehte mit BAP, Nick Cave oder Campino. Schaut man genau hin bei den Filmen, finden sich immer wieder Motive, die die Bedeutung der Musik auch optisch ausdrücken. So nahm die Kamera immer sehr gern Plattenspieler, Kopfhörer oder Autoradios ins Visier.

Bruno Ganz will in Wenders’ „Der Himmel über Berlin“ kein Engel mehr sein. Foto: Road Movies - Argos Films

Mit dem Regisseur durch die Ausstellung

Audiowalk
Wim Wenders führt persönlich durch seine Geburtstagsausstellung – per Audioguide, auf dem er viele Hintergrundgeschichten zu den Fotos, Filmen und Requisiten erzählt.

Info
Ausstellung bis 11. Januar, geöffnet Di bis So 10 bis 18 Uhr, Mi 10 bis 21 Uhr