Bewegend im besten Wortsinn: „Horizonte“ getanzt von Schülerinnen der Tanzschule Tabea aus Herrenberg. Foto: Eibner-Pressefoto/Carsten Schwering

Sprühende Lebensfreude nach dem Lockdown: In ihrem Programm „Horizonte“ hat die Herrenberger Tanzschule Tabea berührend die Empfindungen und Erlebnisse während der Pandemie verarbeitet.

Alles ist anders. Nichts, wie es war. In den vergangenen fünf Aufführungen hatte die Herrenberger Ballettschule Tabea Geschichten wie „In 80 Tagen um die Welt“, „Dornröschen“ oder „Mary Poppins“ präsentiert. Nun erstmals ein abstraktes Thema. Der Grund: die Pandemie. Die Tanzschulleiterin Jenny Narasimhappa beschreibt ihre Eindrücke: Vor Corona schien ihr alles aufgeräumt, dann wurde der Karton mit allen zwei Jahre lang kräftig durchgeschüttelt, danach aufgeklappt, und alles sollte wieder so sein wie bisher. Doch nach Isolation und Homeschooling hatten die Schüler „einen anderen Blick auf die Welt, eine andere Art zu tanzen“, so Narasimhappa. Das Lehrerteam plagte Existenzangst.

Also ein Neubeginn: „Wir baten unsere Schüler und Schülerinnen, in Briefen, Erzählungen und Bildern festzuhalten, was ihnen die ganze Zeit über gefehlt hat“, sagt die Tanzschulleiterin. Aus den Schilderungen schufen sie ein bewegendes Stück. In zehn Kapitel gegliedert erzählt es facettenreich davon, was Tanz alles sein kann.

Zunächst reflektieren die Elevinnen das Thema Balance – etwa in Form von grazilem Spitzentanz oder von Hip Hop: Im Business-Outfit fahren sie mit der U-Bahn zur Arbeit, tippen vom strengen Chef überwacht gestresst am Laptop und kümmern sich dann zu Hause um ihre Kinder. Um Träume dreht sich das zweite Kapitel. Mit rasantem Jazz-Tanz und Kissen als vielseitigem Requisit schwelgen die Tänzerinnen in ihren Wünschen, und andere tragen Sternenstäbe. Um Freundschaft geht es im folgendem Kapitel: Die Tänzerinnen veranschaulichen Ballettfreundschaften, feiern mit dynamischem Hip Hop vor einer nächtlichen Großstadtkulisse und präsentieren in der ausdrucksvollen Jazz-Choreografie „Strangers“ die ganze Bandbreite ihres Könnens.

Als sehr dankbar erweisen sich auch die folgenden Themen: Im Kapitel „Natur“ wartet der Nachwuchs in Pilzgestalt und als Glühwürmchen mit LEDs auf einer nächtlichen Wiese auf. Lyrisch mit ätherischen Armbewegungen präsentieren sich die weißen Pusteblumen. Tanzende Wellen mit Tüchern bergen kleine, gelbe Glitzerfische, das Entzücken bei den Eltern in den Zuschauerreihen ist wohlkalkuliert. Am liebsten mitmachen würde das Publikum im fünften Kapitel „Freude“.

Zauberhafte Leichtigkeit unterm Sternenzelt /Carsten Schwering

Ein eingespieltes Zitat einer Hip-Hop-Choreografie zu „Gettin’ Jiggy Wit it“ fasst zusammen, was zu sehen ist: „Ich tanze, weil es einfach fetzt.“ Dass man gerade im Regen einen Heidenspaß haben kann, beweisen die Kleinen mit kunterbunten Regenschirmen und gelben Capes, während die Älteren in luftigen Punktekleidern im Fifties-Style Musical-Flair versprühen.

Doch Tanz erzählt auch ganz klassisch „Geschichten“, und so gibt es als neuntes Kapitel eine Kurzvariante von „Cinderella“ zu sehen. Graziöse Feen, putzige Mäuse und natürlich Cinderella und die gute Fee haben ihren Auftritt. Tanzen ist für die Tänzerinnen und Tänzer vor allem Gefühlsausdruck, wie die eingespielten Zitate im Kapitel „Gefühle“ klarstellen: „Beim Tanzen lasse ich alles raus“, so eine Aussage.

Starke Bewegungen unter Sonne und Mond /Carsten Schwering

Die Expression kann eindringlich ausfallen wie in „Rescue Me“ oder impulsiv und ausgeflippt wie in „There’s nothing holding me back.“ Es geht auch um „Be-Rührung“, wie die Tänzerinnen einfühlsam in Duos zeigen. Die Kleinen dagegen lassen Drachen steigen und springen Seil, was dann zum achten Kapitel „Freiheit“ überleitet: „Tanz bedeutet, die Seele zu befreien und fliegen zu lassen“, ist es überschrieben. Hier präsentiert sich Ann-Sophie Lissek auf Spitze mit riesigen Schmetterlingsflügeln nebst kleinen Gesellinnen. Sanft, beschwingt und ätherisch bewegen sich die Tänzerinnen zu einem Ausschnitt von George Bizets „Carmen“. Beim Tanzen ist man „90 Minuten sorgenfrei“, wie es eine Schülerin formuliert.

Tanzen fürs gesamte Leben

Nicht zuletzt aber ist Tanz eine „Kunst“, wie das neunte Kapitel lautet, ob in malerischen Formationen zu Mozarts „Kleiner Nachtmusik“ oder dramatisch zu Chorälen in Karminrot an einem Seil ziehend. „Also tanz – vor allem aus der Reihe“, wird es hier nahezu als Motto fürs gesamte Leben formuliert. Zum Beispiel mitreißend mit Hip Hip vor einer Kulisse mit Palmen und Meer.

Höhepunkt: Oma tanzt im Enkeln

Im zehnten und letzten Kapitel schließen die Tänzerinnen wieder an die Anfangsszenen an: Nun geht es um nichts weniger als den „Lebenstraum“. Sie präsentieren sich vor einem Regenbogen mit farbenfrohen Gymnastikbändern. Ein ernstes Thema sprechen dann die Größeren in ihrer Choreografie „Sea full of Death“ an: die Hoffnungen von Flüchtlingen und die vielen Ertrunkenen. Einen gelungenen Abschluss und eine Erfüllung des großen Tanztraums, den alle hegen, bieten die Mütter gemeinsam mit ihren Kindern zu einer Variante von Nenas „99 Luftballons“ mit roten Ballonen. Als Höhe- und Schlusspunkt wagt sich sogar eine Großmutter mit Enkeln aufs Parkett. Tanz als Lebenstanz, schwer und leicht zugleich – aber in jedem Fall als Erfüllung für viele junge Menschen.