Die Rufe nach einem Boykott israelischer Künstler stellen alles in Frage, wofür eine freie Kultur steht, kommentiert unser Autor Tim Schleider.
Das Flanders Festival Ghent ist ein renommiertes europäisches Musik- und Kulturfestival, alljährlich im Spätsommer zu erleben in einer malerischen belgischen Stadt. Die Münchner Philharmoniker sind eines der besten deutschen Orchester, international erfolgreich. Lahav Shani ist ein 36 Jahre alter Pianist und Dirigent, engagiert in aller Welt. Man möchte meinen, das alles passe ideal zusammen. Und so sollten denn auch am 18. September die Münchner Philharmoniker unter der Leitung von Lahav Shani im Rahmen des Festivals in Gent auftreten.
Dazu wird es bekanntlich nicht kommen. Die Festivalleitung hat den Münchner Philharmonikern mitgeteilt, sie selbst seien zwar herzlich willkommen, aber nicht ihr Dirigent. Erstens sei Lahav Shani Israeli, zweitens Chefdirigent des Israel Philharmonic Orchestra und drittens habe er sich in Debatten über den Gazakrieg zwar für Frieden und Versöhnung ausgesprochen, aber doch nicht klar genug positioniert, bewege sich da in einer „Grauzone“. Daraus folgt: Gent boykottiert den israelischen Dirigenten Shani.
Empörung gibt es auch in der israelischen Öffentlichkeit
Die Forderungen nach einem Boykott israelischer Kulturschaffender sind keineswegs neu – und dass sie in diesen Monaten immer lauter werden und auf wachsende Sympathie stoßen, hat natürlich etwas zu tun mit einer Kriegführung der israelischen Regierung in Gaza, die immer weniger Rücksicht nimmt auf Regeln des internationalen Völkerrechts und der Humanität und die immer weniger erkennen lässt, auf welches vernünftige, zukunftsträchtige Ziel sie eigentlich hinauswill. Es wäre ja grotesk, wenn die schrecklichen Bilder, die uns aus Gaza erreichen, keine Empörung und keinen Ruf nach internationalem Druck und einem raschen Waffenstillstand auslösen würden.
Aber all diese Empörung und all diese Rufe gibt es in der israelischen Öffentlichkeit und besonders in der Kulturszene des Landes eben auch, seit Monaten. Nein, seit Jahren: Es waren und sind zahllose Schriftsteller, Journalisten, Theaterautoren, Choreografen, Musiker in Tel Aviv, in Jerusalem, in Haifa, die für ein gerechtes Miteinander Israels mit den Palästinensern eingetreten sind. Man kann beklagen, dass ihre Stimmen nicht ausreichend Gehör finden im Land. Aber sie darum nun kollektiv mit einem internationalen Kulturboykott zu belegen, wie es gerade eine Reihe prominenter angelsächsischer Schauspieler und Filmregisseure getan haben, ist mindestens so grotesk wie die Behauptung, deutsche Kritik an Israels Kriegführung verbiete sich aufgrund deutscher Geschichte.
Spaltende Pauschalisierungen schaden mehr als sie helfen
Wer zum pauschalen Kulturboykott eines Landes aufruft, wer den Austausch mit allen Künstlern und Medien dieses Landes generell beenden will – und sei es auch nur, dass er sie unter Bekenntniszwang setzt –, nimmt bewusst in Kauf, das Land nebst seiner Bewohnern in toto für schlecht zu erklären. Das stellt alle Werte in Frage, für die ein freies Kulturleben steht. Und das nimmt im Falle Israels und israelischer Künstler offenbar in Kauf, in jene Grauzone zum Antisemitismus und darüber hinaus zu kommen, den zu verabscheuen und zu bekämpfen nun tatsächlich eine der klaren Lehren übrigens nicht nur aus der deutschen Geschichte sein sollte.
Die spaltenden Pauschalisierungen, der moralische Alleinvertretungsanspruch und die oft scheinheilige Distanzierung vom Antisemitismus waren auch bei der Friedensdemo am Wochenende in Berlin zu beobachten. Diese Mechanismen schaden mehr als sie den Menschen in Gaza helfen.
Die Absage von Gent ist ein Skandal. Die Antwort muss das Publikum geben. Wagner, Schubert, Beethoven werden die Welt nicht befrieden. Aber wie ein israelischer Dirigent sie erklingen lässt, muss prinzipiell überall zu erleben sein.