Seit Februar gibt das Landratsamt Ludwigsburg Bezahlkarten an Geflüchtete aus – doch dabei kommt es zu technischen Problemen. Einer, der die Karte schon hat, berichtet.
Ramazan Özen ist im Oktober 2024 aus der Türkei nach Deutschland gekommen – und im Landkreis Ludwigsburg einer der ersten, der die Bezahlkarte bekommen hat. Der Besigheimer sieht in der Bezahlkarte eine Chance – für die Kommunen und Inhaber. Er berichtet aber auch von Startschwierigkeiten.
Eingeführt wurde die Bezahlkarte, um zu verhindern, dass Bargeld ins Ausland oder an Schlepper transferiert wird, sie soll die Einreise nach Deutschland unattraktiver machen und zugleich die Verwaltung entlasten. Gerade beim letzten Punkt gestaltet sich die Einführung in vielen Landkreisen holprig – auch im Kreis Ludwigsburg. Zwischen Mitte Februar und Anfang August wurden dort 410 Bezahlkarten ausgegeben. Die Zahl steigt wöchentlich an, doch der Prozess ist aufwendig und mit vielen Rückfragen verbunden.
„Leider zeigen sich bei der Umstellung auf die Bezahlkarte derzeit noch technische Mängel beziehungsweise Softwarefehler, so dass die Funktionalität der Bezahlkarte noch nicht in allen Punkten gegeben ist“, gibt eine Sprecherin des Landratsamts auf Anfrage bekannt.
Kundendienst nur schwer erreichbar
Karteninhaber würden berichten, dass die Socialcard-App nicht auf jedem Smartphone problemlos funktioniere – sowohl bei der Installation der App als auch im Betrieb gebe es Probleme. „So gibt es noch Schwierigkeiten bei Überweisungen oder Lastschriften“, heißt es aus dem Landratsamt. Das zeige sich beispielsweise darin, dass Überweisungen derzeit nicht über die App, sondern nur über das Webportal möglich sind. „Das ist in der heutigen Zeit unzureichend“, sagt Karteninhaber Ramazan Özen.
Unabhängig hiervon würden viele Geflüchtete zurückmelden, dass sie Probleme bei der Registrierung und Anmeldung im Portal haben, so das Landratsamt. „Technische Probleme dieser Art lassen sich leider durch die Aufnahmebehörde aber nicht selbstständig lösen“, sagt die Sprecherin. Die Kunden und die Behörde seien dann auf den Kundenservice des Anbieters angewiesen – der sei Rückmeldungen zufolge aber teilweise gar nicht oder nur sehr schwer erreichbar. „Im Ergebnis treten die Kunden bei oben genannten Problemen trotzdem regelmäßig an die untere Aufnahmebehörde heran.“
Mit der Anmeldung und Registrierung hat Ramazan Özen keine Probleme gehabt. Er berichtet jedoch von einer anderen Startschwierigkeit: Jede Überweisung muss durch die Behörde freigeschaltet werden. Dazu müssen Bezahlkarten-Inhaber einen Antrag einreichen und begründen, warum sie Geld überweisen wollen. Erst wenn das Landratsamt die IBAN genehmigt hat, kann das Geld überwiesen werden. Ramazan Özen erzählt, dass die Prüfung mehr als zwei Wochen dauern könne. „Besonders bei Zahlungen an die Deutsche Bahn und bei Telefonrechnungen bin ich dadurch in Verzug geraten“, sagt er.
Verzögerungen in anderen Landkreisen
Für die Vorbereitung, Einführung und Begleitung der Bezahlkarte wurden im Landratsamt keine neuen Stellen geschaffen und keine Mitarbeitenden versetzt. Möglich sei das, weil die Zahlen Geflüchteter seit Beginn des Jahres zurückgehen und die Bezahlkarte in kleinen Schritten ausgegeben werde.
Dabei ist Ludwigsburg nicht der einzige Landkreis in der Region Stuttgart, der mit technischen Problemen kämpft. Böblingen beispielsweise hat bis Ende Juli statt rund 1400 Bezahlkarten nur rund 180 Karten ausgegeben. Ausfälle oder Störungen sind dort nicht bekannt und auch die Zusammenarbeit mit dem Dienstleister laufe gut – dort konnten Anfang des Jahres im Anwenderportal aber beispielsweise keine Lastschriften für Abonnements eingerichtet werden. Auch Esslingen berichtet von einem Verbesserungsbedarf bei der Nutzer- und Bedienerfreundlichkeit, Stuttgart spricht von „bekannten Anlaufschwierigkeiten“ durch das Einführen eines neuen Systems.
Der monatliche Besuch beim Amt zur Auszahlung entfällt durch die Bezahlkarte, weshalb viele Landratsämter überzeugt sind, dass sich der anfängliche Mehraufwand irgendwann rentiert. In Ludwigsburg will man sich bis die Ausgabe nicht abgeschlossen ist, noch nicht dazu äußern.
„Ich bin überzeugt, dass die Bezahlkarte durch Machbarkeitsstudien und Rückmeldungen noch weiter optimiert werden kann und benutzerfreundlicher wird“, sagt der Bezahlkarteninhaber Ramazan Özen. Doch jede Einschränkung und jedes Problem mit der Karte hindere die Menschen daran, sich zu integrieren und wohlzufühlen.
Bezahlkarte
Funktion
Die Bezahlkarte ist eine guthabenbasierte Debitkarte ohne Kontobindung, die eine bargeldlose Zahlung im Einzelhandel ermöglicht. Monatlich können die Besitzer damit maximal 50 Euro abheben.
Kritik
Viele Organisationen halten die Bezahlkarte für stigmatisierend und einschränkend. Gerade die Bargeldbegrenzung schließe Geflüchtete aus. Viele kleinere Geschäfte, Wochenmärkte oder Praxen akzeptieren die Karte nicht.