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Warum ein Wahlverlierer die Wahl für gestohlen erklären muss – und welche Legenden es dafür braucht.

Esslingen/Berlin - Im Mutterland der Postdemokratie ist es mittlerweile populärer Usus, dass Wahlverlierer lautstark vermelden, wer ihnen die Wahl gestohlen hat. Insofern erweist sich Armin Laschet mal wieder als schlechter Postdemokrat. Er schweigt. Kein Wort, wer ihm die Bundestagswahl geklaut hat. Annalena Baerbock jedenfalls nicht. Sie hätte selbst Grund, über eine gestohlene Wahl zu klagen. Tut sie aber nicht. Obwohl für unsere wackeren Klimakünstler mehr Musik hätte drin sein müssen als schlappe knappe 15 Prozent. Vielleicht kann Baerbock demnächst wenigstens irgendwo die These abschreiben, es handle sich um ein „Verdrängungsvotum“, ein via Wahlzettel bekundetes Wegschauen von der Klimakatastrophe.

Aber warum ist es so wichtig, dass eine Wahl gestohlen wird? Weil das Volk sonst tatsächlich an die Demokratie glaubt. Wär’ ja noch mal schöner. Deshalb verzweifelt gesucht: der Wahldieb. Naheliegend wäre Wahlsieger Olaf „Cum Ex“ Scholz. Unwahrscheinlich jedoch, dass der wegen anderthalb furziger Siegerprozentpunkte die Finger krumm macht. Es braucht andere Legenden. Zum Beispiel: Der Albverein hat die Wahl geklaut, um mit Wählers Kreuzen Wanderwege zu markieren. Alternativ: Die Plochinger Blasmusikzentristen verwenden die Kreuzchen als Versetzungszeichen in ihren Noten. Zu unpolitisch? Dann hat eben der Putin die Wahl weggehackt (also – gehäckt, damit das klar ist). Oder Greta Thunberg hat die entwendeten Wahlzettel als CO2-Speicher in den dazugehörigen Urnen beigesetzt. Oder die Taliban stopfen damit die Burkas von Frauen aus, die wegen Lesens und Schreibens gesteinigt wurden.

Geben wir zu: So richtig fundamentalistisch erschüttern kann das den Glauben an die Demokratie nicht. Deshalb hilft nur die lautere Wahrheit: Angela Merkel war’s. Sie hat Olaf „Wirecard“ Scholz ihrem Parteifreund Laschet unmittelbar vor die Nase gesetzt, damit jede denkbare Koalition zur Mission Impossible wird und am Ende die ewige Kanzlerin nicht nur die nächste Neujahrsrede hält, sondern auch alle weiteren. Und dann wird es heißen: Die Merkelokratie ist tot! Es lebe die Merkelokratur!