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Entschleunigung in Corona-Zeiten? Nicht immer. Nicht überall. Rudi zum Beispiel muss sich ganz schön abstrampeln, in die Pedale treten und Gas geben. Warum? Das Aufgespießt von Harald Flößer verrät mehr.

Esslingen - Ruhiger und gelassener seien wir geworden, zumindest ein bisschen entschleunigt. Was schlaue Soziologen und Psychologen da von sich geben, entspricht nicht unbedingt der Realität. Seit die Corona-Beschränkungen wieder gelockert sind, ist die alte Geschäftigkeit zurückgekehrt. Ungeduld allerorten. Bei allem kann es nicht schnell genug sein. Wer das hautnah miterleben möchte, der sollte nur mal ein halbes Stündchen in Rudolfs Radl-Shop in Wäldenbronn Mäuschen spielen. Um sich und andere zu schützen, hat der Inhaber die Ladentür geschlossen. Der Kunde muss klingeln. Was schon manche mit Kopfschütteln quittieren. Denn zuweilen muss man etwas warten.

Rudi, wie ihn viele kumpelhaft nennen, ist alleine im Laden und kann sich nun mal nicht teilen. Kaum macht er den ersten Handgriff am Montageständer, klingelt das Telefon. Ob er sein Fahrrad bringen könne. In zwei Tagen möchte er mit seiner Frau eine Tour machen, sagt der Anrufer. Doch hinten habe er einen Plattfuß. Und die Bremsen seien auch nicht mehr die besten. „Guter Mann“, kriegt der Kunde darauf am Telefon zu hören, „die Werkstatt ist voll mit Rädern. Zehn Tage müssen Sie rechnen.“

Mittlerweile hat es zweimal an der Ladentür geläutet. Eine ältere Frau hat ihr Pedelec angekarrt: „Der Akku lässt sich nicht mehr laden. Und der Sattel wackelt ganz blöd. Könnten Sie gschwend...“ Immer wenn dieses Wort fällt, geht bei Rudi die Klappe runter. Gschwend gehe bei ihm gar nichts. Einer nach dem anderen. So viel Geduld müsse jeder aufbringen. Kaum hat er ausgesprochen, kommt der Nächste, ein Mann, der „nur ein paar Bremsgummis“ braucht. Es gebe Dutzende von Herstellern und Systemen, da brauche er schon konkretere Angaben, entgegnet Rudi. Zudem müsse er bitteschön warten, weil ein anderer vor ihm dran sei. Daraufhin wird der Kunde fast pampig. Dann schaue er halt anderswo, mault er und trollt sich. Zurück in der Werkstatt bimmelt schon wieder das Telefon. Ob er gschwend vorbeikommen könne, der Achter in seinem Vorderrad sei bestimmt schnell herausgemacht. Wieder sagt Rudi sein Sprüchlein und bittet um Geduld. Er habe nur zwei Hände.

In der Art laviert er sich so durch den Tag. Wirklich schrauben kann er nur selten, weil er ständig unterbrochen wird. Zuweilen blafft er in seiner allgäuerisch-derben Art zurück, wenn ein Kunde fast unverschämt wird. Aber wer erlebt hat, mit welcher Penetranz manche ihr „Gschwend“ vorbringen, muss zugeben: Irgendwie hat er schon recht.