Hier war die (Zwergen-)welt noch in Ordnung: Aufmarsch der Gnome für die Bundesgartenschau in Heilbronn 2019. Foto: Buga HN

Die Corona-Pandemie gefährdet nicht nur die aktuelle Kulturszene, sondern auch das Vermächtnis ihrer Vorfahren. Claudia Bitzer sorgt sich um die Märchen der Gebrüder Grimm.

Esslingen - Nicht mehr als sechs auf einen Schlag: Hierzulande hätte man so eine Meldung eher ins vergangene Frühjahr datiert. Doch das corona-gebeutelte Großbritannien, das beileibe nicht zu den Vorreitern im Kampf gegen die Pandemie gehört hatte, hat in diesen Tagen die Kontaktregeln noch einmal verschärft. Bereits seit Anfang September dürfen sich jenseits des Ärmelkanals – bis auf ein paar Ausnahmen – nur noch höchstens sechs Leute miteinander treffen.

Im Gnom-Office

So hat ein Pantomimentheater in der englischen Grafschaft Essex jüngst seine Schneewittchen-Aufführung absagen müssen. Das lag nicht nur an Zwerg Numero sieben. Hätte man nur mit sechs Gnomen geprobt, wäre das zwar legal gewesen. Dann hätte allerdings Schneewittchen nicht noch mit ins Spiel kommen dürfen. Was wiederum der Story und dem Happy End abträglich gewesen wäre.

Auch die neudeutsche Zwergenverwandtschaft, die Mainzelmännchen, sind von Covid-19 nicht verschont geblieben. Schon zu Beginn der bundesweiten Corona-Einschränkungen im März hatte das ZDF kurzerhand beschlossen, mit seinen Sympathieträgern für mehr Abstand zu werben und sie in das Homeoffice zu schicken. „Kurzarbeiter waren sie ja schon immer“, kommentierte die „Süddeutsche Zeitung“ süffisant den eigentlichen Job der Männchen als Pausenfüller und Werbezeit-Indikatoren im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Maskierter Märchengarten

Den Schwaben-Zwergen im Kreis Tübingen erging es auch nicht viel besser. So soll der Vater des Starzach-Felldorfer Märchengartens seinen Gnomen einen Mundschutz aus Staubsaugerbeuteln verpasst haben. Selbst der Froschkönig und Rotkäppchen hätten sich nicht mehr oben ohne zeigen dürfen, berichtete der „Schwarzwälder Bote“ im Mai. Vom Wolf war allerdings nicht die Rede. Vermutlich, weil die Gebrüder Grimm dann endgültig hätten umgeschrieben werden müssen. Etwa so: „Großmutter, warum trägst Du einen so großen Mundschutz?“, fragt Rotkäppchen. „Damit ich Dich besser vor bösen Aerosolen schützen kann“, antwortet der Wolf.

Aber wer will das schon lesen?

Doch spätestens der maskierte Bösewicht sollte einen in Zeiten steigender Fallzahlen, fragwürdiger Demos und langsam wieder öffnender Stadien daran erinnern, dass die Realität 2020 bislang selbst jede noch so märchenhafte Wahrscheinlichkeitsrechnung getoppt hat. Und das in wahrhaft erschreckendem Ausmaß.

Lediglich eine globale und auf ewig in Stein gemeißelte Tatsache haben Jacob und Wilhelm Grimm schon vor 200 Jahren exakt auf den Punkt gebracht: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“