Wie die Corona-Welle die schlaffe Fashion-Szene belebt.
Esslingen - Die Corona-Welle hat der seit Jahrzehnten darniederliegenden Fashion-Szene den womöglich entscheidenden Überlebensimpuls verliehen. Längst hatte das Mode-Wort vom letzten Schrei einen fatalen Beigeschmack von Wahrheit: Die verröchelnde Kreativität ratlos gewordener Couturiers pinnte nur noch recycelte Ideenlosigkeit auf die ausgemergelten Körper von Models, deren Einkommen offensichtlich nicht mal für Tafelläden ausreichte.
In dieser traurigen Lage konnte niemand voraussehen, dass eine völlig veränderte Nachfragesituation zu einer Revolution des modischen Geschmacks führen sollte, zu ungeahnten Tabubrüchen. Was bisher als absolutes No-Go galt, wird dank Corona-Couture zum krassen Modehit, inzwischen auch in preisgünstigen Prêt-à-porter-Versionen. Zum Beispiel die coronös schicken Rotzflecken in der Armbeuge; oder die gesichtsmittigen Textilelemente im frechen Halt-die-Gosche-Style – ein umwerfendes Novum in der abendländischen Bekleidungskultur. Der geniale Clou ist das okzidentale Update traditioneller vorderasiatischer Damenmode in New-Wave-Kreationen für beide Geschlechter: im coolen Unisex-Design, als Männer-Niqab – die gendergerechte Ergänzung des bewährten weiblichen Modells – oder als Quarantäne-Burka für besondere Anlässe.
Noch sensationeller: die triumphale Wiederkehr eines tot geglaubten Kleidungsstücks, des Huts. Auf dem Corona-Catwalk trägt man Aluhut – ursprünglich ein Modegag von 1927 aus einer Science-Fiction-Story von Julian Huxley, dem Bruder von „Schöne-neue-Welt“-Aldous. Auch andere metallische Kopfbedeckungen, namentlich Stahlhelm und Pickelhaube, sind ja wieder schwer im Kommen, wenn man an manche Wahlergebnisse und die Reichsbürger denkt. Wie jene Eisenkapseln umgibt der Aluhut das Hirn des Trägers mit einem Faradayschen Käfig. Einschlagende Geistes- und Verstandesblitze werden sofort abgeleitet.