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Die Corona-Krise treibt bisweilen seltsame Blüten. EZ-Redakteurin Claudia Bitzer macht sich darauf in unserer Rubrik „Aufgespießt“ ihren eigenen Reim.

Esslingen - Die zwangsverordnete Vermummung in Läden, Bussen und Bahnen sorgt mitunter nicht nur wegen der eingeschränkten Frischluftzufuhr für Schnappatmung. EZ-Leser Gerhard Rieker aus einer Esslinger Kreisgemeinde hat in den ersten maskierten Tagen seines nun doch schon ein paar Jährchen zählenden Lebens auch aus anderen Gründen tief durchatmen müssen.

Dabei fing alles ganz harmlos an: „Weil in diesen Zeiten der Kontakt zwischen Großeltern und Enkeln doch sehr eingeschränkt, der Kontakt zwischen Eltern und Enkeln jedoch manchmal unfreiwillig größer ist“, hat der engagierte Großvater zwei Büchlein für seine Enkelkinder gekauft. Um die Eltern im Homeoffice wenigstens etwas zu entlasten.

Vorher noch tief Luft geholt, dann Mund- und Nasenschutz aufgesetzt, betrat er die heimische Postagentur. Auch sonst hatte er an alles gedacht – glaubte er jedenfalls. Mit seinem Stift – eigenhändig mitgebracht – füllte er den Paketaufkleber aus und schob das Päckle samt Aufkleber über die Theke. Um es sofort wieder zurückzubekommen. Samt Briefmarke – und der Aufforderung, sie selbst aufzukleben. „Aber warum ich und wie?“, fragte sich der maskierte Kunde. Die Antwort von der anderen Seite der Theke lautete offenbar nur schlicht: „Abschlecken!“

Seine Bitte nach einem Tropfen Wasser, um die Briefmarke anzufeuchten, blieb unerhört – dafür wurde die Schlange der Vermummten hinter ihm immer länger. Die Rettung war der Fair-Trade-Laden nebenan, der seinem Namen alle Ehre machte. Etwas Wasser erbettelt, Briefmarke angefeuchtet und aufs Päckle gebeppt – und alles war gut. „Die nette, faire Verkäuferin freute sich, dass sie mir helfen konnte, ich freute mich, dass das Päckle endlich abgeschickt werden konnte, und die Enkel werden sich hoffentlich auch bald freuen, wenn das Päckle bei ihnen landet“, bilanziert der erleichterte Opa. Nicht ohne die Prognose abzugeben, dass es beim nächsten Besuch der Postagentur sicher wieder genauso ablaufen werde. Rieker: „Es sei denn, man öffnet den Mund- und Nasenschutz. Und zwar nicht, um die Briefmarke abzuschlecken, sondern um dem Postagenturmann mal ganz einfach die Zunge rauszustrecken.“ Wenn das mal nicht die Enkel lesen ...

Ob es schon so weit gekommen ist, lassen wir hier ebenso offen wie den Ort des Geschehens. Nur so viel: Letzterer ist der Redaktion bekannt.