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Den tonangebenden Grünen im Verwaltungsrat der Staatstheater wird „Bastapolitik“ vorgeworfen – wegen ihres Kurses in der Opern-Sanierungsfrage. Noch gibt es viele Fragen.

StuttgartDer Aufwand für die Sanierung und Erweiterung der Staatsoper wird wohl rund eine Milliarde Euro betragen – diese Hiobsbotschaft des Verwaltungsrats der Staatstheater löste viele Reaktionen aus. Groß ist der Ärger darüber, dass Oberbürgermeister Fritz Kuhn und Kunstministerin Theresia Bauer (beide Grüne) Alternativüberlegungen ausschlossen.

Wie gehen die Stadträte damit um?

Im Gemeinderat wuchs am Mittwoch die Skepsis, obwohl die neue Grobkostenkalkulation allenfalls wegen ihrer Höhe überrascht hat. Die Fraktionen überlegen noch, Alexander Kotz (CDU) denkt aber schon darüber nach, dass die Stadt bei dieser Summe vielleicht den Vertrag zwischen Land und Stadt über die paritätische Finanzierung der Staatstheater einmalig aussetzen sollte. Stadt und Land sollten definieren, wie viele Millionen sie in Abwägung mit anderen Aufgaben für verantwortbar halten. Dann könne man sehen, welche Planungen möglich wären. CDU-Stadträtin Iris Ripsam soll im Verwaltungsrat gar vor der Zerrüttung der städtischen Finanzen gewarnt haben.

Was wollen die anderen Fraktionen im Stuttgarter Rat?

Wie die CDU wollen auch die SPD, die FDP und das Linksbündnis noch Aufklärung, wie andere Varianten – etwa ein Neubau der Oper, eine veränderte Sanierung des historischen Max-Littmann-Baus oder ein neues Konzerthaus als Interimsoper – sich realisieren ließen. Klar sei aber auch, so Matthias Oechsner (FDP): „Der Littmann-Bau muss saniert werden.“ Die Arbeitsbedingungen dort seien grauenhaft, sagte Rose von Stein (Freie Wähler). Hannes Rockenbauch (SÖS) beklagte massive Verfahrensfehler und eine Bastapolitik ohne ehrliche Prüfung von Alternativen. Nur die Pläne für die Interimsbauten bei den Wagenhallen seien durchgearbeitet und verbessert worden, sagten Rockenbauch und Dejan Perc (SPD). Die Grünen dagegen stehen zu dem Plan. Der Littmann-Bau müsse auf jeden Fall saniert werden, sagte Andreas Winter, die Staatstheater sollten als Drei-Sparten-Haus am angestammten Platz weiterbetrieben werden. Ähnlich vertiefte Kostenschätzungen für andere Varianten wären nur mit enormem Aufwand zu ermitteln.

Was sagt man dazu bei den Staatstheatern?

Intendant Marc-Oliver Hendriks findet die Pläne hervorragend und ausgereift. Die Sache sei nun endlich entscheidungsreif. In einer von ihm einberufenen Versammlung ließen sich am Mittwoch rund 500 Mitarbeiter von Kuhn und Bauer informieren. Deren Signal: Man wolle den angepeilten Plan mit Sanierung, Neubau des Kulissengebäudes, zusätzlichen Nutzflächen in Bad Cannstatt sowie Bauten für den Interimsbetrieb im Nordbahnhofviertel durchboxen – auch wenn es politische Widerstände dagegen gebe, wie Kuhn einräumte. Für Fragen waren Kuhn und Bauer danach nicht mehr da. Der OB will vom Gemeinderat 2020 einen Zielbeschluss haben.

Wie denken die Beschäftigten?

Die Belegschaft, sagte das Personalratsmitglied Andreas Meilhammer unserer Zeitung, fiebere den überfälligen Verbesserungen im Opernhaus entgegen. Das Gros der Beschäftigten stehe hinter dem jetzt vorliegenden Plan, so Meilhammer. Man verstehe, dass man über die hohen Kosten jetzt diskutiere, das Personal sei nach 20 Jahren Überlegungen aber schon lang enttäuscht vom Zeitablauf und von der Politik. „Man wünscht sich aber auch mehr öffentlichen Diskurs darüber, wie man wohl in 30 Jahren Theater spielt und wie sich die Gesellschaft zu alledem stellt.“ Dass Kollegen im privaten Umfeld vorgeworfen werde, sie würden „unser aller Geld verbraten“, sei bedauerlich.

Was tut sich in der Zivilgesellschaft?

Wieland Backes vom Verein Aufbruch Stuttgart forderte eine Bürgerbefragung, denn hier drohe eine Entscheidung an den Bürgern vorbei für eine Lösung mit unanständig hohen Kosten. Die neue Kalkulation übertreffe alle Befürchtungen der Initiative, die sich für einen Plan B starkgemacht hatte: maßvolle Sanierung und eine Interimsoper auf dem Gelände des Königin-Katharina-Stifts oder auf dem Areal Königstraße 1-3, wo anschließend ein Konzerthaus betrieben werden soll. Backes hält es für möglich, dass der vorliegende Plan weder im Landtag noch im Gemeinderat durchkommt. Zum Thema Bürgerbefragung sagte OB Kuhn auf Nachfrage nichts. Die Freien Wähler äußerten dazu Bedenken: Dann würde entscheiden, wer mehr Zeit und Geld in seine Kampagne stecke. Die Grünen wollen die Bürger mitnehmen, aber keine Befragung.

Wie sind die Signale im Landtag?

Der SPD-Abgeordnete Martin Rivoir redete Klartext und nahm die Hauptakteure bei Land und Stadt mit grünen Parteibüchern aufs Korn. Niemand bestreite den Sanierungsbedarf. Doch eine Milliarde Euro sei viel Geld, ohne dass ernsthaft Alternativen geprüft wurden. Die Summe sei den Bürgern schwer zu vermitteln. Die SPD habe Bedenken. Mit dem Auslagern von Flächen gingen Synergien verloren. Man solle lieber das Kulissengebäude so weiterentwickeln, dass am Gebhard-Müller-Platz eine Höhenentwicklung und ein Eingang zur Kulturmeile möglich werde. Nico Weinmann (FDP) sprach von einem Trauerspiel. Öffentlichkeit und Beteiligte seien mangelhaft eingebunden.

Vergleichbar ist das Mega-Projekt Opernsanierung mit einem in Stuttgart eher wenig bekannten anderen baulichen Kraftakt – der Modernisierung des Naturwissenschaftlichen Zentrums auf dem Campus der Universität in Stuttgart-Vaihingen. Ab 2020 und mindestens bis 2036 – also ungefähr im Zeitraum der Opernsanierung – sollen dort für 600 bis 800 Millionen Euro unter anderem zwei Gebäude neu gebaut und zwei Hochhäuser komplett entkernt werden. Die seit den 1970er-Jahren genutzten Häuser wurden noch nie saniert. Auch für dieses Projekt sind aufwendige Zwischenlösungen und zeitlich befristete Umzüge geplant. „Bei der derzeitigen Schätzung handelt es sich allerdings um den aktuellen Kostenstand ohne eine Anpassung an die Preissteigerung, wie sie in der Opernplanung eingerechnet ist“, sagte ein Sprecher des Finanzministeriums. Unterm Strich dürfte das Projekt also sogar teurer werden als die sanierte Oper mitsamt der Interimslösung. Denn laut Finanzministerium lägen die Kosten für die Staatstheater ausschließlich auf das heutige Preisniveau bezogen zwischen rund 550 bis 720 Millionen Euro.

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