Wer den Schildern folgt, gelangt vom Rathaus zur Quelle der Wiesaz. Quelle: Unbekannt

Die Spitze des Roßbergturms - ein beliebtes Ausflugsziel mit toller Aussicht -lugt zwischen den Bäumen hervor. Mit der Herstellung von Mauersteinen verdiente sich die bitterarme Landbevölkerung damals ein Zubrot.

Von Dagmar Weinberg

Mit den Niagarafällen oder den Angel Falls in Venezuela kann es der Gönninger Wasserfall natürlich nicht aufnehmen. Die im Oberdorf über eine rund acht Meter hohe Tuffsteinterrasse in die Tiefe stürzende Wiesaz macht aber durchaus was her und lohnt auf der gemütlichen Wanderung vom Gönninger Rathaus zur Quelle der Wiesaz einen ersten Zwischenstopp.

Am Rathaus in der Ortsmitte kann man die Struktur des Kalktuffs studieren, der nicht nur die Landschaft, sondern auch das Ortsbild prägt. In manchen Steinen erkennt man Moose oder verkalkte Blätter, in anderen Gräser oder Pflanzenstängel, dazwischen liegen mal größere, mal kleinere Poren. Bis aus dem hoch porösen Pflanzentuff, den man im Bachbett der Wiesaz findet, dichter Festtuff wurde, „bedurfte es lange Zeit“, erfährt man später auf einer der Infotafeln, die entlang des rund fünf Kilometer langen Lehrpfads aufgestellt wurden.

An dem 1909 nach den Plänen des Architekten Theodor Fischer erbauten Verwaltungsgebäude lässt sich zurzeit auch studieren, welche Probleme der Kalktuff, der nicht zuletzt wegen seiner wärmeisolierenden Eigenschaften im 19. und 20. Jahrhundert als Baustoff beliebt war, mit sich bringt. „Da der Stein relativ porös ist, ist er auch anfällig für Witterungs- und Umwelteinflüsse“, erklärt Bezirksbürgermeisterin Christel Pahl. So bröselten im Laufe der Zeit die Rundbögen und äußeren Pfeiler des Arkadengangs und werden jetzt saniert. „Zum Glück gibt es auf der Alb noch Steinmetze, die sich ein Kalktufflager angelegt haben.“ Denn industriell gebrochen wird der Tuff, den Geologen im Jahr 2011 zum Gestein des Jahres gekürt haben, in Gönningen schon seit 1975 nicht mehr. Nachdem der Abbau eingestellt worden war, kaufte die Stadt Reutlingen das rund 20 Hektar große Gelände und ließ es vom städtischen Forstamt rekultivieren. Im Jahr 2003 legte der Schwäbische Albverein den Kalktuff-Pfad an.

Nach dem kurzen Abstecher zum Gönninger Wasserfall läuft man, das Rauschen der Wiesaz im Ohr, bachaufwärts durch schön angelegte Schrebergärten. Rechter Hand lugt die Spitze des Roßbergturms - ein beliebtes Ausflugsziel mit toller Aussicht - zwischen den Bäumen hervor. Weiter geht es leicht bergauf über Stock und Stein (wohl dem, der seine Wanderstiefel geschnürt hat) durch einen schattigen Mischwald. Wer flott unterwegs ist, hat nach einer starken halben Stunde den zwischen Gönningen und Sonnenbühl-Genkingen liegenden Wanderparkplatz erreicht. Dort kann man nachlesen, wie Pflanzen und Tiere des Bachs den Tuff schaffen.

Entlang der gemächlich plätschernden Wiesaz ist wenige Minuten später der größte der drei künstlich angelegten Gönninger Seen erreicht, an deren Ufer man teilweise noch Spuren des Kalktuffabbaus erkennen kann. Eine paar hundert Meter weiter steht man am oberen See vor einem hoch aufragenden Felsblock, auf dem noch Sägespuren zu erkennen sind.

Das zwischen dem oberen Wiesaztal und Gönningen auf fünf Terrassen abgelagerte Gestein wurde schon im 11. Jahrhundert beim Bau der Gönninger Burg verwendet. Da sich Kalktuff in bruchfeuchtem Zustand mit Steinbeilen oder einer Handsäge bearbeiten und formen lässt, entstanden im Laufe der Zeit immer mehr sogenannte Bauernsteinbrüche. Nach dm Trocknen ist der Stein stabil und feuerbeständig. Mit der Herstellung von Mauersteinen verdiente sich die bitterarme Landbevölkerung damals ein Zubrot. Im Jahr 1912 kaufte Wilhelm Schwarz einen Teil der Steinbrüche, gründete das Gönninger Tuffsteinwerk und begann mit dem industrialisierten Abbau des Gesteins.

„Er hat auch begriffen, dass Reklame gut fürs Geschäft ist“, erzählt Bezirksbürgermeisterin Christel Pahl. Durch einen übersichtlich gestalteten Prospekt gelang es dem Unternehmer den heimischen Stein weit über die Grenzen des Ortes bekannt zu machen. So war Gönniger Tuffstein nicht nur in der Umgebung als Baumaterial gefragt. Er wurde unter anderem im 1936 eröffneten Berliner Olympiastadion, am Flughafen in München-Riem, im früheren Stuttgarter Neckarstadion sowie in den Tropengewächshäusern der Wilhelma verbaut.

Aber wie ist der Baustoff, dem man beim Wachsen zusehen kann, entstanden? Darauf gibt es auf dem Weg zur 750 Meter über dem Meeresspiegel liegenden Wiesazquelle eine Antwort: Die Regentropfen, die auf der Alb niedergehen, nehmen aus der Luft und dem Boden Kohlendioxid auf. Wasser und Kohlendioxid reagieren zur Kohlensäure. „Ein Liter kohlensäurehaltiges Wasser löst im Juragebirge 0,1 Gramm Kalkgestein auf; Spalten werden erweitert, Höhlen entstehen“, erklärt Professor Walter Grüninger, Ökologe und geistiger Vater des Kalktuffpfads, auf einer Schautafel. So wird aus weichem, kalkfreiem Regenwasser hartes, kalkhaltiges Quellwasser. Beim Austritt aus der Quelle wird das Wasser verwirbelt und erwärmt sich. „Wie beim Schütteln einer Sprudelflasche oder beim Erwärmen eines Kochtopfs entweicht das Kohlendioxid wieder.“ Dadurch fällt Kalk aus, der sich im Bach auf Steinen, Algen und Moosen sowie hereingefallenen Ästen und Blättern ablagert. So entsteht ein poröser Stein, der Kalktuff, auch Wasserstein oder Daugstein genannt. Im Verlauf von Jahrtausenden bildeten sich in Gönningen fünf bis zu 14 Meter dicke Kalktufflager, die die Landschaft im oberen Wiesaztal bis heute prägen.

Immer am Bach entlang

Anreise: Gönningen ist ein Ortsteil von Reutlingen und liegt etwa zehn Kilometer südlich der einstigen Reichsstadt. Aus Esslingen und Umgebung erreicht man Reutlingen entweder über die B 27 oder die B 313 durchs Neckartal. Von Reutlingen aus führt die L 383 nach Gönningen. Man kommt auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln ans Ziel: Zunächst geht es mit dem Regionalexpress Richtung Tübingen nach Reutlingen. Vom Hauptbahnhof fahren die Buslinien 5 und 155 ins Ortszentrum von Gönningen.

Kalktuffpfad: Auf elf Schautafeln erfährt man, wie die Kalktufflandschaft im Wiesaztal entstanden ist und wie der Stein genutzt wurde. Der 2003 von der Gönninger Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins angelegte, rund fünf Kilometer lange Kalktuffpfad ist ausgeschildert. Er beginnt am Gönninger Rathaus. Durch die Straße „Im Ländle“ geht es an der Wiesaz entlang talaufwärts zur Quelle des Albflüsschens. Man kann aber auch von Gönningen aus auf der L 230 Richtung Sonnenbühl-Genkingen fahren und die Wanderung mitten auf dem Lehrpfad am Wanderparkplatz bei den Gönninger Seen beginnen.

Sehenswertes: Gönningen ist vor allem wegen des Samenhandels bekannt. Im Rathaus zeigt das Samenhandelsmuseum, wovon die Bewohner des Ortes früher gelebt haben und welche Verbindungen in die Welt sie bereits unterhalten haben. Das Museum ist montags bis freitags von 8 bis 12 Uhr sowie montags und donnerstags von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

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