Quelle: Unbekannt

Friedrich Hölderlin war ein passionierter Wanderer, der am Tag schon mal 40, 50 Kilometer zurücklegte. „In deinen Tälern wachte mein Herz mir auf zum Leben, deine Wellen umspielten mich (...)“

Von Thomas Krazeisen

Der Weltgeist küsst einen auch ganz in der Nähe. Man muss sich nur auf den Weg machen: zu - und wie Friedrich Hölderlin. Der Dichter, 1770 in Lauffen am Neckar geboren, kam 1774 mit der Mutter, seinem Stiefvater und seiner Schwester nach Nürtingen. Dort verbrachte er den größten Teil seiner Kindheit und Jugend, dorthin zog es ihn auch später immer wieder zurück zu „der Mutter Haus“. Nach dem frühen Tod ihres ersten Mannes hatte Friedrich Hölderlins Mutter im Jahr des Umzugs nach Nürtingen den Weinhändler und Amtmann Johann Christoph Gok geheiratet.

Für Friedrich Hölderlin begann die große Wanderschaft seines Lebens nach seinem Abschlussexamen am Tübinger Evangelischen Stift, der berühmten Kaderschmiede für die geistliche und administrative Elite des Landes. Hofmeisterstellen führten Hölderlin ins fränkische Waltershausen, nach Frankfurt, in die Schweiz und sogar nach Frankreich. Auf den Weg nach Bordeaux machte sich der damals 31-Jährige zu Fuß - der Poet war auch ein Athlet, groß gewachsen, ein sportlicher Typ.

Friedrich Hölderlin war ein passionierter Wanderer, der am Tag schon mal locker 40, 50 Kilometer zurücklegte. Dabei bedeuteten für ihn die Wanderungen insbesondere in der Kulturlandschaft zwischen Schwäbischer Alb und Neckar weit mehr als nur körperliche Ertüchtigung. Die schattigen Haine und duftenden Wiesen im hügeligen Albvorland waren für ihn eine der größten Quellen der Inspiration. „In deinen Tälern“, heißt es in einer Hommage an den Neckar aus dem Jahr 1800, „wachte mein Herz mir auf zum Leben, deine Wellen umspielten mich, und all der holden Hügel, die dich Wanderer! kennen, ist keiner fremd mir.“

Einige dieser „Kraftorte“ am Neckar, jenem Fluss, der sich, sei es in Lauffen, eben Nürtingen oder am Ende in Tübingen, als eine Art Schicksalsstrom in guten wie in schlechten Zeiten durch Hölderlins Leben zieht, kann man in wenigen Stunden erwandern. Der Nürtinger Rundwanderweg, von der Stadt in Zusammenarbeit mit dem Schwäbischen Albverein, dem Schwäbischen Heimatbund und dem Nürtinger Hölderlinverein erarbeitet, ist etwa 13 Kilometer lang, kann aber erheblich erweitert werden. Mit dem in der zugehörigen informativen Broschüre empfohlenen Start am Nürtingen Stadtmuseum führt die Tour, die zu Fuß bequem in etwa vier Stunden, aber auch in Etappen mit kleineren Spaziergängen absolviert werden kann, über den Galgenberg und die Schillerhöhe durch den sogenannten Bauernwald ins Aichtal und auf der anderen Seite hinauf nach Hardt, über die Oberensinger Höhe wieder hinab ins Tal und zurück in die Nürtinger Altstadt.

Empfehlenswert, zumal wenn man aus dem Esslinger Raum kommend von zuhause aus mit dem Rad starten möchte, ist es, den vorgeschlagenen Streckenverlauf etwas zu variieren. So kann man sich etwa zunächst am Jakobsweg beziehungsweise dem Main-Neckar-Rhein-Weg (HW 3) orientieren. Ein kleines Stück der Jakobs-Hauptstrecke von Rothenburg ob der Tauber Richtung Rottenburg führt durch den Kreis Esslingen. Das hat nebenbei den Vorteil, dass man so auch an einem weiteren Hölderlin- und obendrein bedeutenden mittelalterlichen Kloster- beziehungsweise Wallfahrtsort vorbeikommt, nämlich Denkendorf. Nach der Reformation war in der Klosteranlage eine der für die Vorbereitung für das Theologiestudium wichtigen württembergischen Klosterschulen untergebracht. Friedrich Hölderlin war der wohl berühmteste Absolvent dieser sogenannten niederen Klosterschule - der Nürtinger Lateinschüler war 1784 als 14-Jähriger nach Denkendorf gekommen. Und von hier führte, nicht anders als dann während der anschließenden Ausbildungszeit in der Klosterschule Maulbronn, sein Weg in den Ferien immer wieder zurück nach Nürtingen, wo er auch später an wichtigen Werken arbeitete.

Auf dem mit der Pilgermuschel gekennzeichneten Weg gelangt man durch den Sauhag, durch ehemaliges herzogliches Jagdgebiet, vorbei am Lindenhof und am sogenannten Waldhäuser Schloss, bei dem es sich um einen ehemaligen römischen Gutshof in der Nähe von Wolfschlugen handelt.

In Hardt stößt dieser Hauptwander- und Jakobsweg dann auf den Rundwanderweg „In Hölderlins Landschaft“, der gut ausgeschildert ist. In der Ortsmitte ganz in der Nähe des Rathauses des hübschen Örtchens trifft man auf eine an einem Brunnen sitzende Gestalt: den Pfeifer von Hardt - eine Figur aus Wilhelm Hauffs historischem Roman „Lichtenstein“ von 1826, in der auch die Sage vom Ulrichstein aufgegriffen wird. Der gleichnamige Herzog , der später die Reformation in Württemberg einführte, galt in jungen Jahren als jähzornig und hatte zunächst eher mit Negativschlagzeilen von sich reden gemacht - etwa durch den Überfall auf die Freie Reichsstadt Reutlingen im Jahr 1519, was seine Vertreibung aus dem Land durch den Schwäbischen Bund zur Folge hatte. In Wilhelm Hauffs Roman ist in diesem Zusammenhang von einem besonders loy­alen Vertreter des Volkes die Rede: eben dem Pfeifer von Hardt. Als Fluchthelfer soll er der Legende nach den württembergischen Herzog an der später Ulrichs Namen erhaltenden markanten Gesteinsformation in einem Waldstück unterhalb des Ortes versteckt haben. Und als Dank, so die wissenschaftlich nicht belegte Version, habe Ulrich den Hardter Bauern für die Versorgung mit Lebensmitteln eine Steuerbefreiung gewährt.

Nicht nur die Historizität dieser hübschen Erzählung liegt im Dunkeln - auch das herzogliche Naturdenkmal ist, zumindest in dieser Jahreszeit, einigermaßen zugewachsen (und weniger gut ausgeschildert). Der „richtige“ Ulrichstein ist nämlich ein Stückchen hangabwärts entfernt von jenem großen Steinblock am Hölderlin-Rundweg, auf dem ein Schild mit dem Gedicht „Der Winkel von Hahrdt“ angebracht ist. Von hier aus lohnt übrigens auch ein Abstecher in die nahe gelegene Föllbachschlucht mit ihren moosbedeckten Rhätsandsteinblöcken und einem kleinen Wasserfall.

Wieder zurück auf dem Hölderlin-Wanderweg geht es dem ausgeschilderten Pfad entlang den Wald hinunter, und nachdem die Landstraße zwischen Oberensingen und Grötzingen überquert ist, über die erst seit wenigen Wochen eröffnete neue Fußgängerbrücke über die Aich in den Bauernwald hinauf. Hier befinden wir uns bereits auf Nürtinger Gemarkung. In diesem Wald begegnet man wieder jenem geologischen Phänomen, das einst den Ulrichstein hangabwärts trieb: gut erkennbar an den Rhätsandstein-Rutschungen, bei denen die Gesteinsplatten an dem Nordhang auf dem Knollenmergel-Untergrund talwärts gleiteten.

Am Ortseingang von Oberensingen führt der Weg rechter Hand den Berg hinauf, am Fernmeldemasten über einen Fußweg zur Schillerhöhe hinüber und von dort die Galgenbergstraße hinunter bis zur Nürtinger Neckarbrücke. Die Erkundung der Altstadt mit ihren zahlreichen Sehenswürdigkeiten, darunter das Hölderlinhaus und die ehemalige Lateinschule, kann sehr gut mit einem lohnenden Besuch im Stadtmuseum beginnen, das auch Führungen anbietet

Der Rundwanderweg selbst führt über die Steinach- und die Neckarbrücke zum Galgenbergpark, wo die Stadt dem im Juli verstorbenen Schriftsteller und Nürtinger Ehrenbürger Peter Härtling zu dessen 80. Geburtstag einen Stein mit dem Gedicht „Glück“ aufgestellt hat - Härtling war selbst ein begeisterter Wanderer durch Hölderlins Landschaft, was er auch in seinem Hölderlin-Roman bekundete.

Auf einem Fußweg oberhalb des Hallen- beziehungsweise Freibads gelangt man in den Schlehenweg und von dort über die Friedrich-Glück-Straße zur Villa Rustica mit ihren Überresten eines ehemaligen römischen Gutshofes.

Wenige Gehminuten weiter befindet man sich am Ende dieser kleinen „Nürtinger Schleife“ wieder am Ortseingang von Oberensingen. Diesmal geht’s die Mühlgasse hinunter, hinein in das schmucke Örtchen, in dem der bedeutende württembergische Renaissance-Baumeister Heinrich Schickhardt (1558-1635) seine Spuren hinterlassen hat. Ein anderer berühmter Baumeister, Ulrich Ensinger (um 1350-1419), der als Münsterbaumeister in Ulm ebenso wie in Straßburg in Erscheinung getreten war und in Esslingen die Leitung beim Bau des Turms der Frauenkirche innehatte, stammt mit einiger Wahrscheinlichkeit von hier.

Nach einem kurzen Stück an der Hauptstraße führt der Weg nach rechts zum Kelternberg. Dem Routenhinweis wiederum nach rechts in einen Hohlweg folgend, geht es durch Streuobstwiesen hinauf in ein Wohn- und Neubaugebiet. Die Ulrich-von-Ensingen-Straße verlässt man bereits nach wenigen Metern, um weiter bergan über den Gäns­ackerweg und die Siedlungsrandstraße die ausgeschilderte Abzweigung zur Oberensinger Höhe zu erreichen. Von dort hat man einen herrlichen Panoramablick auf den Albtrauf - schon Eduard Mörike (1804-1875), der selbst zeitweise in Nürtingen wohnte, war von dieser Aussicht angetan, wie in seinem „Stuttgarter Hutzelmännlein“ nachzulesen ist.

Von der Alten Linde ist es nicht mehr weit bis nach Hardt und damit bis zum Heimweg Richtung Denkendorf und Esslingen über den beschriebenen Jakobsweg. Für die Freunde moderner Kunst lohnt vorher aber allemal ein Besuch der Kunstsammlung Domnick - sowohl im Haus als auch im malerischen Park gibt es erlesene Werke zu bestaunen.

informative broschüre

Der Rundwanderweg „In Hölderlins Landschaft“ wurde von der Stadt Nürtingen in Zusammenarbeit mit dem Schwäbischen Albverein, dem Schwäbischen Heimatbund und dem Nürtinger Hölderlinverein konzipiert. Die Karte ist einer Begleitbroschüre entnommen, die bei der Nürtinger Touristik-Info erhältlich ist.

www.nuertingen.de

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