Ein Bad eines Gästezimmers im Schloss in Neuenhagen. Der mittelalterliche Renaissancebau zählt zu den ältesten herrschaftlichen Gebäuden Brandenburgs. Foto: ZB - ZB

Auch wer nicht zum alten Adel gehört oder Millionär ist, kann ein Schloss besitzen. Das beweisen zwei Zugereiste in der Nähe von Bad Freienwalde. Ihr Weg hat allerdings wenig Märchenhaftes.

Bad Freienwalde Schloss Neuenhagen steht auf einem Schild neben der Kirche des gleichnamigen Ortsteiles von Bad Freienwalde (Märkisch-Oderland). Gäbe es diesen Hinweis nicht, der Besucher würde das Bauwerk übersehen. Denn von außen hat das aus dem 16. Jahrhundert stammende Gemäuer wenig Prunkvolles. „Die Schönheit des Hauses erschließt sich erst von innen. Das ist schlichte Renaissance und kein protziger Barock“, erklärt Schlossbesitzerin Christina Bohin und öffnet die große zweiflügelige Eingangstür.

Warmes Sonnenlicht fällt durch die Fenster. Der Hausflur beeindruckt mit einem Tonnengewölbe. Eine dreiläufige Treppe führt seitlich in die Räume der oberen Etage. Spätestens bei diesem Anblick bekommt das Ambiente etwas Märchenhaftes. „Als ich das vor acht Jahren sah, wusste ich, ich habe mein Haus gefunden“, erzählt die aus dem bayrischen Regensburg stammende Kunst-Fotografin. Drei Jahre lang hatten sie und ihr Mann Andreas Unterberger zuvor nach dem passenden Zuhause gesucht, für Bohin letztlich die Erfüllung eines Kindheitstraumes, wie sie sagt. „Ich wollte was Altes, wo ich im Dreck wühlen und meine Ideen verwirklichen kann.“ Beides haben die neuen Schlossbesitzer in den vergangenen Jahren zur Genüge getan: Entkernt, Putz abgeschlagen, Fenster erneuert, Holzbohlen geschliffen, originale Bausubstanz freigelegt. Staub und Dreck schienen kein Ende zu nehmen, doch das „Haus“ dankte es seinen neuen Besitzern durch zahlreiche Geheimnisse, die es hinter Asbestschichten und unter DDR-Linoleum preisgab. Mittelalterliche Aborte, verborgene Fenster kamen hinter zugemauerten Nischen zum Vorschein, versteckte Wandschränke und Zugänge zu den Kellergewölben. „Leider gibt es keinerlei Unterlagen mehr, aus denen wir entnehmen könnten, wie das Schloss einmal ausgesehen hat“, bedauert der gebürtige Österreicher Unterberger.

Mauerwerksuntersuchungen von Restauratoren deuten darauf hin, dass das Anwesen ab 1550 von der Adelsfamilie von Uchtenhagen erbaut worden sein muss und einst von einem Wassergraben umgeben war. Die Besitzer starben aus, das Schloss wurde zum Verwaltungssitz der staatlichen Domäne Neuenhagen. Das geschichtsträchtige Gemäuer – eine Übergangsform zwischen mittelalterlicher Adelsburg und schlossartigem Herrenhaus – hatte im Laufe der Jahrhunderte schon eine Weile leer gestanden, als Bohin und Unterberger es für 40 000 Euro von der Stadt Bad Freienwalde kauften. „Ein Glücksfall, auch wie sorgsam sie mit der historischen Bausubstanz umgehen“, sagt Regionalhistoriker Reinhard Schmook.

Stuck und Relief unter alter Farbe

In der Schlosskapelle beispielsweise hatten Bauforscher unter mehr als 20 Farbschichten filigrane Stuckarbeiten und ein winziges Sonnenrelief entdeckt. Das Neuenhagener Haus sei der einzige erhaltene Renaissance-Bau zu beiden Seiten der Oder und damit ein sogenanntes Alleinstellungsmerkmal. „Alle anderen Schlösser dieser Art sind entweder abgerissen oder barock überformt worden“, so Schmook. Die neuen Schlossbesitzer seien nicht reich und schafften es trotzdem, das alte Anwesen mit neuem Leben zu erfüllen, lobt er. „Man sucht sich so ein Haus aus, um daran zu wachsen“, formuliert es die Hausherrin. Dazu gehöre es auch, an seine Grenzen zu stoßen.

Er habe in den vergangenen Jahren gelernt, Abstand von der selbst auferlegten Perfektion zu nehmen, sagt Unterberger. „Dieses Haus mit seinen krummen und schiefen Wänden verändert die Perspektive.“ Von Beginn an wollten die Künstlerin und der Kaufmann ein offenes Haus, suchten die Begegnung mit anderen. Bei immerhin 1000 Quadratmetern Nutzfläche ist das auch kein Problem. Anfang 2014 öffnete das Paar ein kleines Schlosscafé, später folgten im gemütlichen Kamin-Salon Lesungen und Konzerte. In der Schlosskapelle finden inzwischen Trauungen statt. Drei großzügige Gästezimmer sind inzwischen fast fertig, eine standesgemäßen Suite ist noch Baustelle.

Mehrere Hunderttausend Euro flossen bisher in die Wiederbelebung von Schloss Neuenhagen, nur ein Bruchteil davon waren Fördermittel. Was die neuen Schlossbesitzer immer wieder erstaunt: Leute bringen ihnen altes Inventar oder auch Türklinken vorbei. Nachbarn aus dem 800-Seelen-Dorf fassen mit an, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. „Fertig ist man mit so einem Haus nie“, sagt Unterberger. Wo die neuen Schlossbesitzer die Fundamente des einstigen Torhäuschens freigelegt haben, wollen sie wieder ein Tor errichten. „Es geht uns dabei nicht darum, uns abzuschotten. Sie sollen vielmehr durch das Tor treten und den Alltag hinter sich lassen“, erklärt Bohin.

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