Figuren-Dropping mit Musikanten: Sandra Gerling (vorne) spielt die Lulu, aber um Rollendarstellung geht es hier nicht. Foto: Thomas Aurin Quelle: Unbekannt

Von Martin Mezger

Stuttgart - Lulu nimmt Platz. Natürlich auf den Oberschenkeln einiger Zuschauerherren in der vorderen Reihe. Muss sie so machen. Weil sie Lulu ist. Sie macht es scheu, widerstrebend. Dann streicht sie beklommen am geschlossenen Vorhang entlang und verschwindet. Ein stummer Prolog, damit eines mal gleich klar ist: Das ist nicht die Femme Fatale Frank Wedekinds, diese literarische Männerprojektion eines sexuellen Naturwesens, das in außerliterarischen, nämlich durchaus realistischen Männerprojektionen tödliche Gestalt und damit gesellschaftliche Gewalt gewinnt. Männerbestände lichtend beschreibt Wedekinds Lulu eine Art sozio-sexuelle Sinuskurve: Sie stammt aus mythischem Gossen-Dunkel, steigt auf der Leiter der Partnerwechsel in die Höhen der bürgerlichen Welt, fällt zurück ins Elend der Prostitution und einem Triebmörder zum Opfer. Sie ist die Männerphantasie, die sich selbst durchkreuzt: durch Zerstörung aller Imaginationen des Weiblichen. Sie reißt die ihr Verfallenen in den Abgrund der eigenen, gesellschaftlich verordneten Identitätslosigkeit. Dadurch übt sie subversive Macht aus.

Lulu im MeToo-Zeitalter?

Die Lulu in der Spielstätte Nord des Stuttgarter Staatsschauspiels ist machtlos und identifizierbar: eine missbrauchte, traumatisierte junge Frau. „Lulu verkörpert einfach alle Frauen, die sich je mit der gequirlten Scheiße und Heuchelei dieser Welt herumschlagen mussten“, sagt Martyn Jacques, Frontmann der britischen Art-Pop-Band Tiger Lillies. Lulu im MeToo-Zeitalter? Da könnte was draus werden. Wird aber nichts draus.

Schauspielintendant Armin Petras hat die „Lulu“-Version der Tiger Lillies inszeniert, einen englischsprachigen Liederzyklus mit freier Wedekind-Anmutung, im typischen Stil der Band eine Kreuzung aus Monty Python und Sex Pistols unter besonderer Berücksichtigung des 20er-Jahre-Kabaretts, verrührt mit englischem Humorsinn fürs Makabre und Sinistre. Die Tiger Lillies haben mit diesen Mitteln unter anderem den „Struwwelpeter“, die Story von Franz Biberkopf aus Döblins „Berlin Alexanderplatz“ und das Attentat 1914 in Sarajewo „vertont“. Aus ihrer „Lulu“ macht Petras eine Geburt der Musik aus dem Geist der Wedekind’schen „Monstretragödie“. Soll heißen: Vergessen wir alles Sprechtheater samt seiner Dramaturgie, alle Fragen nach Plausibilität, Sinn und Deutung. Hier wird gerockt und trompetet, geklimpert und auf Ölfässer getrommelt, geträllert und geschwoft. Man macht Chorus Lines und Choreografien und den mechanisch getriebenen Höllenstrafenmusikanten (zum Song „Gates of Hell“). Und wenn der Regisseur nicht weiter weiß, läuft eben Ravels „Bolero“ heiß: diese stets kreisende und crescendierende Melodie, vom Trommelrhythmus in die Fortissimo-Ejakulation des Klang-Orgasmus getrieben. Passt halt so klischeeverdammt gut. Post coitum ist dann alles ganz triste. Lulu, die vorher schon Blut gekotzt hat, kippt um. Klar, wir sind am Ende der Moritat, wo Jack the Ripper sein Mördermesser zückt (bei Wedekind). Hier aber intoniert ein hosenloser Pianist den Abgesang, den Lulu - umschatteten Blicks aus schwarzen Augenhöhlen - ihrem Daddy widmet, „cause my daddy, he treats me so ... well“. Versteht sich, das Gegenteil ist gemeint. Ja, es wird allerlei abgearbeitet in den Songs der Tiger Lillies: vom Drama der Impotenz bis zum Trauma der in die Ecke gedrängten lesbischen Frau Gräfin Geschwitz (hier „Gäschwitz“ - anspielend auf Geschwätz? - geschrieben). Und eben auch das Inzest- und väterliche Missbrauchsthema, in den wenigen Sprechpassagen konkretisiert durch Fremdtexte: der Erzählung vom Suizid einer missbrauchten Frau und das Grimm’sche „Allerleirauh“-Märchen vom König, der seine Tochter heiraten will. Sandra Gerling, Haupt-Lulu neben zwei Teilzeit-Lulus, trägt es vor mit rotzigem Charme - und kann damit ihre famose darstellerische Kunst zeigen, die sonst im Rocky-Horror-Show-Korsett untergeht.

Seid ihr alle da?

Und irgendwie sind zwar auch Wedekinds Lulu-Versehrte alle da, vom Verleger Dr. Schön (André Willmund) über den Maler Schwarz (Paul Grill) bis zum Musiker Alva (Ferdinand Lehmann). Selbst ein androgyner Ripper-Jack (Caroline Junghanns) spukt schwarz behängt herum. Aber sie sind nicht zu greifen, bleiben mangels Text bloßes Figuren-Dropping in der Nummernrevue, durch die sich Petras bis zum schieren Nonsens assoziiert. Dass Paul Grills Maler sich in Lulu-verzücktem Action- und Body-Painting farbbeschmiert gegen die Leinwand werfen darf, macht noch Sinn oder wenigstens Sinnlichkeit. Dass er mit Caroline Junghanns Geschlechterkampf-Akrobatik vorturnt, hat obendrein sportliches Format. Ansonsten setzt es Macho-Karikaturen: Männer als hechelnde Hunde oder als Sonntagsjäger mit Holzflinte und Jonglierkeulen, Sparwitze erzählend und Battle-Rapper Kool Savas covernd („Alle Fotzen ohne Hirn lutschen meinen Schwanz“). Dem folgt eine Wolpertinger-Parade, und fragen wir uns bloß nicht, was das soll. Auch eines anderen Rätsels Lösung bleibt aus nach dem kollektiv wiederholten Satzanfang „Liebe ist...“, der in die Trivialala-Sphäre der „Bild“-Zeitung-Cartoons weist - oder der schnöden Erbaulichkeit des Sakro-Pop-Songs („Liebe ist nicht nur ein Wort“). Schließt deshalb eine Kirchenwand mit Leuchtkreuz und Fresko, wo der Teufel einem Bischof die Bibel hält, den Bühnenraum von Julian Marbach ab? Äh ja, da war doch mal was mit Kirche und sexuellem Missbrauch.

In solch schweifender Beliebigkeit hangelt sich das Ganze am Stück über die Runden: ein Pop-up-Arrangement konfuser szenischer Einzelbelichtungen, das die Darsteller zu lebenden neben den toten Requisiten erklärt (eine ganze Batterie von Grabkerzen darf auch nicht fehlen). Bei allem Respekt vor Profi-Musiker Miles Perkin und dem zu Multi-Instrumentalisten verwandelten Ensembles (selbst Gerlings Lulu bläst zuguterletzt eine melancholisch grunzende Tuba): Die Orgie des Unscharfen, Undeutlichen, aufgedreht Nichtssagenden wanzt sich an das heran, was der Schauspielintendant für „Kult“ halten mag. Und dafür begeht Petras’ Missbrauchs-Varieté unter dem Allerwelts-Alibi der Performance mutwillige Sabotage an der theatralischen Kommunikation.

Die weiteren Vorstellungen (morgen sowie 2., 8., 23. Dezember, 6. und 23. Januar) sind ausverkauft. Eventuelle Restkarten gibt es an der Abendkasse.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: