Rechter Läufer des VfB Stuttgart in den 60er-Jahren: Rudi Entenmann. Foto: Baumann

Der VfB Stuttgart gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Bundesliga. Rudi Entenmann stand bei der Bundesliga-Premiere 1963 beim FC Schalke 04 in der Startelf. Wir haben mit ihm gesprochen.

Meisterschaften, Abstiege, spektakuläre Siege, Rettungen in letzter Minute: Die Bundesliga-Geschichte des VfB Stuttgart ist reich an emotionalen Höhepunkten. Das erste Kapitel wurde 1963 geschrieben – in einem ganz besonders ereignisreichen Jahr. Erst gastierte Pelé mit dem FC Santos in Stuttgart, dann erhielt das Neckarstadion eine Flutlichtanlage. Und schließlich gehörte der VfB zu den Gründungsmitgliedern der Bundesliga. Das erste Spiel fand am 24. August beim FC Schalke 04 statt. „Es waren“, sagt Rudi Entenmann, „bewegte und bewegende Zeiten.“ Er weiß, wovon er spricht.

Entenmann gehörte vor genau 60 Jahren auf Schalke zur Startelf des VfB, nach der 0:2-Niederlage bezeichnete die „Bundesliga-Chronik“ den rechten Läufer der Gäste als „besten Akteur auf dem Platz“. Ihn selbst hat das nicht groß gekümmert, etwas anderes ist ihm viel wichtiger gewesen: „Wir hatten damals eine richtig starke Mannschaft.“

Im Tor stand der legendäre Günter Sawitzki, Hans Eisele und Günter Seibold bildeten im Normalfall zusammen mit der Läufer-Reihe Eberhard Pfisterer (links), Klaus-Dieter Sieloff (Mitte) und Rudi Entenmann (rechts) die Hintermannschaft, die ohne Zweifel zu den Besten der Bundesliga gehörte. Vorne wirbelten unter anderem die aus Italien zurückgekehrten Erwin Waldner und Rolf Geiger. „Im Angriff waren wir ziemlich unberechenbar“, erinnert sich Rudi Entenmann, „wir haben zwar nicht übermäßig viele Tore erzielt, aber meistens noch weniger bekommen.“ Vom Bundesliga-Debüt auf Schalke mal abgesehen.

Ungewohnte Atmosphäre in der Glückauf-Kampfbahn

Am Tag vor dem Spiel waren die Stuttgarter in den Ruhrpott gereist – und völlig überrascht worden. „Wetter, Häuser, Straßen: alles ist grau in grau gewesen. Und überall qualmten Schornsteine“, sagt Rudi Entenmann (83), „nirgendwo gab es einen grünen Fleck, so etwas hatten wir noch nie gesehen. Sogar die Aschenbahn im Stadion war grau und schwarz.“ Und auch die Atmosphäre eine ganz spezielle.

Die 30 000 Zuschauer in der Glückauf-Kampfbahn sorgten für eine beeindruckende Stimmung. Dass die Masse von Polizisten mit Hunden bewacht wurde, schockierte das VfB-Team. „Die Leute haben getobt, das waren wir aus dem Neckarstadion nicht gewohnt“, erklärt Rudi Entenmann, „mit dieser neuen Situation mussten wir erst mal zurechtkommen.“

Prompt lagen die Schalker mit ihrem Publikumsliebling Stan Libuda nach Toren von Willi Koslowski (37.) und Waldemar Gerhardt (42.) zur Pause 2:0 in Führung. Danach versuchte der VfB alles, um das Spiel zu drehen, scheiterte aber auch an seiner schlechten Chancenverwertung. „Schalke war damals ein großer Name im deutschen Fußball, doch wir waren haushoch überlegen und hatten klar die besseren Möglichkeiten“, erinnert sich Rudi Entenmann, „leider haben wir keine Tore gemacht.“ Eine Woche später hat es besser geklappt.

Zweitbeste Abwehr der Bundesliga

Am 31. August 1963 feierten der rechte Läufer und seine VfB-Kollegen eine gelungene Heimpremiere in der neuen Bundesliga, 40 000 Fans bejubelten im Neckarstadion einen ungefährdeten 2:0-Erfolg gegen Hertha BSC. Die Tore erzielten die beiden Starstürmer Rolf Geiger (8.) und Erwin Waldner (30.). Am Ende der Saison wurde der 1. FC Köln erster Bundesliga-Meister, der VfB belegte punktgleich mit dem Vierten Borussia Dortmund Rang fünf. Nach 30 Spieltagen hatte nur der Zweitplatzierte Meidericher SV weniger Gegentore (36) kassiert als die Stuttgarter (40). „Auf unsere Abwehr“, sagt Rudi Entenmann, „war Verlass.“

Trotzdem hatte der zweimalige Meister (1950, 1952) und Pokalsieger (1954, 1958) vor dem Start der Bundesliga lange zittern müssen – um die Qualifikation. In der Oberliga Süd rutschte der VfB in der Saison 1962/63 zwischendurch auf Rang 14 ab, es sah so aus, als würde das Team von Trainer Kurt Baluses den Sprung in die neue Eliteklasse des Fußballs verpassen. Am Ende schafften es die Stuttgarter durch einen 4:2-Sieg am letzten Spieltag beim VfR Mannheim noch auf Rang sechs. Die Tore erzielten Gerhard Wanner (2), Lothar Weise und Dieter Höller, für die Mannheimer traf Hans Arnold doppelt – er wechselte danach zum VfB, der letztlich aufgrund der Zwölf-Jahres-Wertung und des sechsten Platzes zum Abschluss statt der Kickers aus Offenbach doch noch zu den Gründungsmitgliedern der Bundesliga gehörte. „Das war ganz schön eng damals“, sagt Rudi Entenmann, „jeder bei uns hat sich wahnsinnig gefreut, dass wir es doch noch geschafft haben.“

Probleme nach einer Meniskusverletzung

Im neuen Fußball-Oberhaus zählte der VfB zu den Clubs, die es sich nicht leisten konnten oder wollten, nur auf Vollprofis zu setzen. Rudi Entenmann zum Beispiel arbeitete nebenher halbtags als Schreiner. Wenn ihn seine Erinnerung nicht trügt, verdiente er damals monatlich 400 Mark beim VfB, dazu kam eine Prämie von 50 Mark pro Punkt. „Vom Fußball allein konnten wir nicht leben“, sagt Rudi Entenmann, dessen drei Jahre jüngerer Bruder Willi als Spieler und Trainer beim VfB ebenfalls Geschichte schrieb. Trotzdem lehnte Rudi Entenmann ab, als er eine Offerte des FC Bayern erhielt: „Ich war VfB-ler durch und durch. Aber das Angebot aus München war natürlich in den Vertragsgesprächen mit dem Club kein Nachteil.“

Insgesamt hat der lauf- und konditionsstarke Kicker 123 Spiele für die Stuttgarter bestritten, nach einer Meniskusverletzung im Dezember 1966 kam er allerdings nicht mehr an seine Bestleistungen heran. Nach der Karriere arbeitete Entenmann, der mit seiner Frau in einem schönen Eigenheim in Besigheim wohnt, 34 Jahre lang als Sport- und Werklehrer an der dortigen Friedrich-Schelling-Schule. Mit seinem Leben? Ist er rundum zufrieden. „Es waren spannende Zeiten damals beim VfB“, sagt Rudi Entenmann, „einen Großteil von dem, was ich erreicht habe, verdanke ich diesem Verein.“