Anja Klinkhardt legt bei den Proben mit den MixTeens großen Wert auf Details. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Als Profi leitet Anja Klinkhardt die jungen Chöre des Männergesangvereins Neuhausen. Die Sopranistin hat 13 Jahre lang selbst am Tiroler Landestheater Opern gesungen.

Neuhausen Mit viel Gefühl proben die jungen Sängerinnen und Sänger aus Neuhausen Alan Walkers Erfolgstitel „Faded“. Den zärtlichen Popsong haben sich die Jungen und Mädchen selbst ausgesucht. „Wir studieren Musik ein, die den Elf- bis 15-Jährigen gefällt“, bringt Chorleiterin Anja Klinkhardt ihr Konzept auf den Punkt. Selbst singen, was man auf dem MP3-Player hört: Das sei eine Herausforderung. Seit Herbst betreut die Sopranistin und Chorleiterin die MixTeens und die MixVoices. Der zweifachen Mutter, die 13 Jahre lang am Tiroler Landestheater als Opernsängerin engagiert war, macht es Freude, junge Menschen für die Musik zu begeistern.

Das gelingt der Künstlerin in den Proben wunderbar: Schwungvoll begleitet sie die jungen Leute am Klavier. Dann steht sie auf, gibt mit den Absätzen ihrer Schuhe den Takt vor. Klinkhardt ist von ihrer Musik beseelt. Sie fordert die Kinder und Jugendlichen, ohne sie zu überfordern. Jeder und jede spielt mit den Möglichkeiten der Stimme. In den Proben springt der Funke über. Auch Wolfgang, der heute als einziger Junge dabei ist, fühlt sich in der Gruppe wohl. „Weil sie in diesem Alter kurz vor dem Stimmbruch stehen, ist es schwieriger, Jungen für den Chorgesang zu begeistern“, sagt die erfahrene Leiterin. Klinkhardt wünscht sich, nun auch beim MGV in Neuhausen noch mehr Jugendliche zum Mitmachen zu bewegen.

Mit ihrem Mann Leif Klinkhardt, der am Stage Apollo Theater in Stuttgart-Möhringen als musikalischer Leiter engagiert ist, zog die studierte Sängerin und Schulmusikerin nach Nürtingen. Zur gleichen Zeit suchten Peter und Tanja Klapper, die den Popchor MixDur leiten, eine passende Nachfolge für die jungen Chöre. „Die Anfrage kam zur rechten Zeit“, freut sich die Sopranistin. In Hildesheim, wo sie in den vergangenen fünf Jahren mit ihrer Familie lebte, war sie auch als Chorleiterin tätig – zum Beispiel beim Saaletal-Popchor. Obwohl Anja Klinkhardt von der Klassik kommt, hat sie in Norddeutschland viel mit Chören gearbeitet, die ein modernes Repertoire pflegen.

Wie gestaltet sie da die Auswahl? „Erst mal richte ich mich nach den Wünschen der Gruppe.“ Aber da sie selbst von der Klassik komme, mache sie die Chorsänger auch mit der ernsten Musik vertraut. Das tue sie aber in kleinen Schritten – und nur dann, wenn das auf Interesse stoße. „Da kommt es ganz stark aufs individuelle Können an, ich will niemand übefordern.“ Dass sie nun auch für die Stimmbildung der Elf- bis 18-Jährigen zuständig ist, gefällt Klinkhardt sehr gut. Ganz wichtig sei es, die Atmung richtig zu dosieren. „Zu viel Luft schadet der Gesundheit“, weiß sie als Profi. Wie man sich da schützen kann, vermittelt sie ihren Laien liebevoll.

Ihre Söhne Alexander und Leo sind sechs und elf Jahre alt. Morgens, wenn die zwei in der Schule pauken, unterrichtet Klinkhardt in ihrem Wohnort Nürtingen auch einige Gesangsschüler. „Es wäre schön, wenn ich hier in der Region noch einen Erwachsenen-Chor übernehmen könnte“, sagt die studierte Schulmusikerin. Sie habe sich aber bewusst dafür entschieden, ihrer Familie mehr Zeit zu widmen. „Im straff getakteten Alltag eines Theaters geht das nicht“, bedauert sie. „Zumal ja auch mein Mann in dieser Branche arbeitet.“ Dass sie 13 Jahre lang mit der bekannten Kammersängerin Brigitte Fassbaender als Intendantin am Landestheater Tirol arbeiten durfte, hat sie als ein großes Geschenk erlebt. Die große Künstlerin wurde 2017 für ihr Lebenswerk mit dem ECHO-Preis ausgezeichnet.

Dass sie von ihr fest engagiert wurde, machte die junge Opernsängerin Anja Klinkhardt glücklich. „Ich durfte viele wunderschöne Rollen singen“, schwärmt die Sopranistin von ihrer Karriere in Tirol. Da denkt sie vor allem an die Susanna in Mozarts „Hochzeit des Figaro“ – ein Part, der ihr besonders am Herzen lag. Sehr gut gefallen ihr die Werke von Richard Strauss – die Theaterchefin Fassbaender leitete jahrelang das Festival in Garmisch-Partenkirchen, das dem großen Komponisten gewidmet ist. Anja Klinkhardt ist eine Künstlerin, die intensiv an sich und an den Sängerinnen und Sängern feilt. Das ist in den Proben deutlich zu spüren. Ihre Kritik formuliert sie aber stets freundlich und konstruktiv. Statt trocken zu dozieren, reißt sie die Kinder und Jugendlichen mit ihrer erfrischenden Art einfach mit.

Da habe sie von Fassbaender sehr viel gelernt: „Wenn wir das wollten, hat sie uns immer gecoacht.“ Die berühmte Mezzosopranistin, die sich später ganz auf die Opern- und Theaterregie konzentrierte, hat an den Opernhäusern in Berlin, Wien, Salzburg, Verona, London, San Francisco und New York gastiert. Nicht nur auf ihren Gesang, auch das darstellende Spiel perfektionierte die Künstlerin. Ihre Rollen zu durchdringen und nach den Beweggründen der Figuren zu fragen, das hat auch Anja Klinkhardt gereizt. Gerne erinnert sie sich auch an die Tiroler Landschaft.

„Jetzt sind wir am Fuße der Schwäbischen Alb angekommen, die ist auch sehr schön.“ Die Schwaben gälten vielen als verschlossen und etwas schwierig. „Ich habe hier aber nur nette, offene Menschen kennengelernt“, findet die Frau, deren Zungenschlag unverkennbar norddeutsch ist. Fasziniert ist Klinkhardt von der Vielfalt der Chorlandschaft, die sie hier in Süddeutschland vorfindet. „Man spürt deutlich, dass Chorgesang hier eine lange gewachsene Tradition hat.“

Neue Gesichter sind bei den Proben der jungen Chöre von MixDur jederzeit willkommen. Geübt wird immer montags ab 18 Uhr im evangelischen Gemeindehaus in Neuhausen, Dietrich-Bonhoeffer-Straße 7 – dann beginnen die MixTeens von 11 bis 15 Jahren, um 18.45 Uhr sind Einzelproben und um 19.30 Uhr singen die MixVoices.

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