In der Stuttgarter Mercedesstrasse liegt ein verletzter Mann, der von der Polizei betreut wird. Der Mann war auf dem Weg zu einer Demonstration gegen die Corona-Auflagen von mehreren Tätern überfallen und zusammengeschlagen worden. Foto: dpa/Andreas Rosar

Mehrere Männer wollen auf eine Demo gehen. Sie werden angegriffen. Es dauert nur ein paar Momente, dann liegen sie auf dem Boden, teils lebensgefährlich verletzt. Wie kam es zur Attacke?

Stuttgart - Dass es bei diesem Prozess um mehr geht als um einen brutalen Angriff am Rande einer Demo, um mehr als „nur“ um Körperverletzung und versuchten Totschlag, das spürt man schon vor dem Gerichtsgebäude.

Vor dem Oberlandesgericht Stuttgart haben sich am frühen Montagmorgen Dutzende Vermummte versammelt, sie tragen schwarze Jacken und Kapuzenpullis, vermummen sich mit Schals und Corona-Masken. „Gegen Nazis“ steht auf einem knallrotem Banner, darauf eine Faust, die ein Hakenkreuz zerschlägt. Ein paar Meter weiter stehen ein paar Vertreter der rechtspopulistischen gewerkschaftsähnlichen Organisation „Zentrum Automobil“. Die Lage ist angespannt. Dazwischen ein älterer, etwa verwirrt wirkender Herr, der sich als Papst verkleidet hat und schreit: „Gottlose Querdenker sind Querschläger, Amen“. Es geht hier um politische Gewalt.

Geschädigten vom „Zentrum Automobil“

Zwei junge Männer sitzen in Stuttgart auf der Anklagebank, weil sie gemeinsam mit anderen am 16. Mai 2020 drei Männer brutal angegriffen haben sollen. Einem Angeklagten wird gefährliche Körperverletzung vorgeworfen, dem anderen gar versuchter Totschlag, weil er den Tod seines Opfers zumindest billigend in Kauf genommen haben soll - das Opfer lag im Koma, schwebte zeitweise in Lebensgefahr.

Es sind beängstigende Szenen, die da am Montag von der Anklage geschildert werden. Die Geschädigten vom „Zentrum Automobil“ trafen sich demnach am Stuttgarter Mercedes-Benz-Museum, um gemeinsam zum Gelände des Cannstatter Wasens zu laufen. Sie wollten gegen die Corona-Regeln demonstrieren, die „Querdenken“-Bewegung war damals im Aufwind, Tausende nahmen teil.

Plötzlich biegen 20 bis 40 Vermummte um die Ecke, wie die Staatsanwaltschaft berichtet. Sie tragen Sturmmasken und Schals, sind demnach mit Schlagringen und Flaschen bewaffnet. Sie rennen auf die Geschädigten zu, prügeln sie zu Boden. Pfefferspray wird versprüht, Schläge und Tritte gegen den Kopf ausgeteilt. Dann verschwinden die Vermummten wieder. Alles geht ganz schnell.

Prozess musste wegen Corona-Ausbruch verschoben werden

Die Angreifer seien als Gruppe vorgegangen, um die Identifikation Einzelner zu erschweren und um Dritte einzuschüchtern, sagt die Staatsanwältin. Was genau passiert ist, lässt sich am Dienstag auch nur schwer rekonstruieren. Ein 46-Jähriger aus Esslingen sagt aus, der ebenfalls verprügelt und verletzt wurde. Der Mann trägt ein blaues T-Shirt mit einem Wolf und einem Mond darauf. Er spricht immer wieder von den „linken Antifaschisten“, die seien „im Stechschritt formiert“ auf ihn zugekommen. „Da war mir klar, das geht nicht ohne Blut aus.“ Er sei weggerannt, aber sie hätten ihn erwischt, ihn gegen den Kopf geschlagen, Pfefferspray habe man ihm in die Augen gesprüht. „Das war ein gezielter Angriff“, ist er überzeugt. Er gibt der „IG-Metall-Riege“ die Schuld, die steckten mit der Antifa unter einer Decke, hätten den Angreifern ihre Kontakte gegeben.

Die beiden Angeklagten weisen die Vorwürfe zurück, wollen aber sonst keine Angaben machen. Der eine sitzt noch in Haft. Er macht ein „Victory-Zeichen“ mit der Hand und lächelt, als er in den Saal geführt wird. Der andere ist nach einem halben Jahr in Untersuchungshaft wieder auf freiem Fuß. Die Männer werden der linken Szene zugerechnet. Eigentlich sollte der Prozess bereits vor einer Woche beginnen, wegen eines Corona-Ausbruchs in der JVA Stuttgart konnte der Angeklagte nicht erscheinen.

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