Zehn Prozent Rabatt auf die Pasta, 20 Prozent auf den Kasten Sprudel – Supermärkte locken per Apps mit satten Angeboten – aber manche Kunden schauen in die Röhre.
Egal ob bei Lidl, Kaufland oder Rewe: Beim Einkaufen im Supermarkt locken satte Rabatte in den Regalen. Zehn Prozent auf die Pasta, 20 Prozent auf den Kasten Sprudel oder neun Prozent auf die Kartoffelchips. Wer allerdings genau hinsieht, bemerkt: Die Sonderangebote gelten nur für bestimmte Kunden. Nur wer die jeweilige Handy-App des Geschäfts nutzt, kommt in den Genuss. Der Rest zahlt den vollen Preis.
Gerade bei älteren Kundinnen und Kunden stoßen diese App-Rabatte auf Unverständnis. Schließlich nutzt laut einer Studie des Digitalverbands Bitkom ein Viertel der über 65-Jährigen überhaupt kein Handy oder Smartphone. Manche wollen sich die Apps der Supermärkte auch gar nicht herunterladen. Die Konsequenz: Sie sind von den Rabattaktionen ausgeschlossen. Ist das Altersdiskriminierung?
Werden manche Kunden im Supermarkt diskriminiert?
Hans Messner, 72 Jahre alt, ärgert sich jedenfalls über diese Praxis der Supermarktketten. „Ich bin der Meinung, diese Konzerne schließen diejenigen aus, die günstige Preise am meisten brauchen. Das sind Rentner und Geringverdiener, die kein Smartphone haben“, kritisiert der Ruheständler aus Trossingen bei Freiburg. Er selbst komme mit Smartphones klar. „Im Bekanntenkreis gibt es aber Leute, die mit den modernen Dingern nichts mehr anfangen können. Und diese Leute gibt es überall in Deutschland“, weiß Messner.
Punkten, Sparen, Genießen – so wirbt zum Beispiel Edeka für seine App. Jede Woche gebe es exklusive Coupons, die man einlösen könne. Supermarkt-Kunde Messner blickt in einen Edeka-Prospekt: Tiefkühlgemüse wird beispielsweise für 2,22 Euro angepriesen – mit App kostet es nur 1,99 Euro. Der Kasten Sprudel kostet regulär 4,49 Euro – nur App-Kunden zahlen 50 Cent weniger. „Ich finde, das ist eine Unverschämtheit. Die Lebensmittelanbieter schließen Bedürftige von ihren Sonderangeboten aus“, so Messner.
Handel verteidigt exklusive App-Angebote
Stefan Genth, der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE), verteidigt das Vorgehen der Supermarkt-Ketten. „Apps sind für viele Handelsunternehmen eine Möglichkeit, ihre Kundinnen und Kunden noch besser kennenzulernen und so noch genauer auf ihre Bedürfnisse einzugehen“, sagt Genth. Im Gegenzug würden dort häufig besondere Angebote gemacht. „Aber auch außerhalb der Apps gibt es nach wie vor gute und viele Sonderangebote“, versichert der HDE-Chef.
Wenn Menschen das technische Wissen fehle, um ein Smartphone zu bedienen, sei das kein handelsspezifisches Problem. „Denn in der heutigen Zeit bauen viele technische Lösungen wie beim Bahnfahren oder der Buchung von Eintrittskarten auf Smartphones auf“, sagt HDE-Chef Genth. Er meint: „Letztlich steht es heutzutage breiten Teilen der Bevölkerung frei, sich ein Smartphone anzuschaffen. Auch für Geringverdiener sind Smartphones kein unerreichbares Gut mehr.“
Beschwerden über Rabatt-Apps häufen sich
Doch in der Kundschaft keimt Unmut. „Wir bekommen einige Beschwerden darüber, dass die Kunden-Apps und ihre Vorteile wie günstigere Preise oder Rabatt-Coupons diskriminierend sind, nicht nur von älteren Menschen, sondern auch von denjenigen, die Ihre Daten nicht hergeben wollen“, berichtet Heike Silber, Leiterin der Abteilung Lebensmittel und Ernährung bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.
Auch die Verbraucherschützer sehen die Rabatt-Apps kritisch. Verboten sei das Vorgehen der Supermarktketten zwar nicht, erklärt Expertin Silber. „Anbieter dürfen ihre Rabatte grundsätzlich frei gestalten und daher auch für Kundenkarten- oder App-Inhaber unterschiedliche Preise festlegen“, sagt sie. Dennoch rät die Verbraucherschützerin Kunden, sich zu wehren: „Wer sich diskriminiert fühlt, sollte die Unternehmen anschreiben und den Unmut weitergeben.“
Supermarkt-Ketten wehren sich gegen Vorwürfe
Die Supermarktketten weißen solche Vorwürfe entschieden von sich. „Rewe diskriminiert mit dem digitalen Vorteilsprogramm Rewe Bonus weder ältere Menschen noch sozial benachteiligte Gruppen“, sagt Unternehmenssprecherin Kirsten Hensen. Sie verweist auf Zahlen des Marktforschungsinstituts GfK, wonach mehr als 60 Prozent der 60- bis 74-Jährigen bereits heute eine App eines Lebensmittelhändlers nutzt.
„Diese Zahlen belegen klar: Der Zugang zu digitalen Geräten und Anwendungen ist heute auch für ältere und sozial unterschiedlich aufgestellte Haushalte selbstverständlich“, betont die Sprecherin. Zudem seien in jedem Markt App-Experten ansprechbar, an die sich überforderte Kunden wenden können. Aber: „Wir können bis dato gerade bei Seniorinnen und Senioren feststellen, dass sie Rewe Bonus aufgeschlossen sind“, so die Sprecherin.
Auch Coupons zum Ausschneiden gibt es noch
Michelle Mueller, eine Sprecherin des Discounters Lidl, schlägt in eine ähnliche Kerbe. „Lidl Plus kommt bei unseren Kunden sehr gut an“, versichert sie. So sei die App in Deutschland bereits mehrere Millionen Mal heruntergeladen worden. App-Nutzern winken personalisierte Angebote wie Geburtstags- und Rabattsammlercoupons sowie exklusive Coupons, die auf das Kaufverhalten zugeschnitten sind.
Die Lidl-Sprecherin betont: Auch wer die App nicht runterladen will, geht nicht leer aus. „So nutzen wir zum Beispiel weiterhin flächendeckend den gedruckten Haushaltshandzettel, in dem sich für bestimmte Aktionen und Angebote auch Coupons zum Ausschneiden befinden können“, betont sie.
Auch Edeka setzt neben der App auf klassische Handzettel mit Rabattcoupons und Treueaktionen – „ganz ohne digitale Anwendungen“, wie ein Sprecher betont. „Auch wenn digitale Lösungen nicht von allen gleichermaßen genutzt werden, wissen wir, dass viele Verbraucherinnen und Verbraucher diese Programme sehr schätzen“, fügt er hinzu.
Verbraucherschützer warnen indes oft vor den App-Angeboten. Ob Kunden überhaupt etwas sparen, sei fraglich. „Untersuchungen zeigen, dass man mit den Apps nur sehr wenig spart“, sagt Heike Silber von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Ein Preisvergleich vor Ort zwischen den Produkten im Regal oder zwischen unterschiedlichen Lebensmittelhändlern führt oft zu mehr Ersparnis“, empfiehlt sie.
Zahlen mit den eigenen Daten
Doch genau darin liege die Tücke bei den digitalen Rabatten: „Dadurch, dass die Apps nur in einem speziellen Lebensmittelgeschäft gelten, verleiten sie dazu, dass man nur noch dort einkauft und keinen Preisvergleich mit anderen Lebensmittelgeschäften anstellt.“ Zudem führten Preisnachlässe dazu, genau das rabattierte Produkt zu kaufen – und nicht nachzuschauen, ob ähnliche Produkte vielleicht noch günstiger sind.
Die App-Kunden zahlen auf jeden Fall mit ihren Daten – die wiederum die Discounter nutzen können, um passgenaue Werbung zu platzieren. In der Regel bitten die Apps um eine Einwilligung, das Einkaufsverhalten auswerten zu dürfen, erläutert Verbraucherschützerin Silber. Das seien nicht nur Daten zu Geburtsdatum, Wohnanschrift, E-Mail-Adresse und Telefonnummer, sondern zum Beispiel auch, wann und wo man eingekauft hat. Die Expertin rät: Die Datenschutzeinwilligungen sorgfältig prüfen – und vor allem bei Updates nachschauen, ob die Einstellungen noch stimmen.