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Andrea Karimé ist zwischen der deutschen und der libanesischen Kultur aufgewachsen. Ihr Buch über ein Flüchtlingskind wurde vom NRW ausgezeichnet.

EsslingenAls Bettina Langenheim, die bei der LesART fürs Kinder- und Jugendprogramm zuständig ist, im Frühjahr entschied, Andrea Karimé zum diesjährigen Literaturfestival einzuladen, konnte sie noch nicht wissen, dass Karimés Buch „King kommt noch“ (Peter Hammer Verlag, 9.90 Euro, für Kinder ab sieben Jahren) in der kommenden Woche mit dem NRW-Kinderbuchpreis 2018 ausgezeichnet werden würde. Aber ebenso wie die Jury war auch das Esslinger Publikum begeistert von der Geschichte, die die Schriftstellerin nun in mehreren Lesungen an Schulen und öffentlich im Kutschersaal der Stadtbücherei erzählte: von einem geflüchteten Jungen und seiner Familie, die in einem fremden Land Fuß fassen müssen, realistisch-ernsthaft und magisch-poetisch zugleich erzählt.

Sie bellt, knurrt und jault

Andrea Karimé ist zwischen deutscher und libanesischer Kultur und Sprache aufgewachsen, sie studierte Kunst- und Medienerziehung, hat als Lehrerin gearbeitet und ließ sich zur Geschichtenerzählerin ausbilden. Mit großer Leidenschaft gestaltet sie ihre Lesungen: Sie bellt, knurrt und jault wie der vermisste Hund, sie lässt den Wind heulen, und sie ist eine Meisterin im Spannungsaufbau: „Hört Ihr die Geschichten, die hier im Kutschersaal von den Wänden, zwischen den Steinen und aus den Ritzen flüstern?“, fragt sie verschwörerisch.

Sie zeigt die Zeichnungen, mit denen Jens Rassmus Kings Geschichte warmherzig, liebevoll und kindgerecht illustriert hat. Sie liest immer nur kurze Passagen und entwickelt dann gemeinsam mit ihrem jungen Publikum, wie es weitergehen könnte. Sie ermuntert die Kinder dazu, Fragen zu stellen und hört sehr genau zu. Sie nimmt jeden Einwand ernst und reagiert spontan. Jeder kriegt für seinen Beitrag ein Lob oder ein anerkennendes Wort: „Nicht schlecht, was Ihr Euch für Gedanken macht“, so zaubert sie ein Lächeln auf die Kindergesichter.

Der kleine Ich-Erzähler, ein Junge, ist erst vor drei Tagen in diesem neuen Land angekommen. Die überaus aufmerksam zuhörenden Kinder können aus ein paar kleinen Mosaiksteinchen die Vorgeschichte zusammenbauen: Im Heimatland der Familie ist Krieg, die Flucht über die Berge und übers Meer war lang, teuer und gefährlich. Mit Papa, Mama und dem neu geborenen Baby teilt der Junge sich ein Zimmer. Sein Hund King musste im Heimatland zurückbleiben. Um ihren Sohn zu trösten, verspricht die Mama: „King kommt noch.“ Das macht dem Jungen so viel Hoffnung, dass er beginnt, sich auf das fremde, neue Land einzulassen, wo es so viel dunkler ist als im alten Land, wo es komisch schmeckendes Brot gibt, wo man Yoga und Joghurt leicht verwechselt, wo die Straßen sauber, glänzend und leise sind. Und wo neben der großen Autostraße noch zwei kleine Straßen für Menschen, Kinder und Hunde sind.

„Das sind doch Gehwege“, lachen die Kinder im Publikum. Im neuen Land wissen Papa und Mama nicht mehr viel, und der Junge kann nicht mehr lesen, weil eine andere Sprache gesprochen und mit anderen Buchstaben geschrieben wird. Der Junge baut ein Papiertelefon, hält Zwiesprache mit dem schmerzlich vermissten Spielgefährten und flüstert seine Botschaften für King in den Wind. Er geht los, um die Nachbarschaft und die Menschen in diesem neuen Land zu erkunden. Und irgendwann geschieht ein Wunder – im blauen Licht einer Zauber-Taschenlampe.

Magischer Moment

Ob dieser magische Moment nun tatsächlich stattgefunden hat oder nur im Kopf des Jungen geschehen ist, ist für die Kinder im Publikum egal. Sie haben so viele tolle Ideen für traurige, glückliche, lustige und schöne Wendungen, wie die Geschichte ausgehen könnte, dass Andrea Karimé nicht nur das Herz aufgeht, sondern dass sie gleich noch eine Fortsetzung schreiben könnte. Sie setzt auf die verzaubernde Wirkung von Literatur: „Mein Buch wird von Erwachsenen oft ganz anders gelesen als von Kindern“, hat sie erfahren. „Kinder haben so viel Fantasie, in ihren Köpfen passiert ganz viel, hoffentlich können sie sich das möglichst lange bewahren“, wünscht sie sich zum Schluss.

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