Bäckermeister Bernd Mohr mit einer erfolgreichen Eigenkreation, dem Walnussbrot. Foto: Dietrich - Dietrich

Bäckermeister Mohr hat in der langen Geschichte seines Betriebs schon einiges erlebt. Jetzt schließt die Bäckerei in der Küferstraße. Am Samstag können Kunden noch einmal das gute Walnussbrot kaufen.

EsslingenIm Jahr 1932 hat mein Vater Hugo Mohr das Haus in der Küferstraße gekauft“, sagt Bäckermeister Bernd Mohr. Sein Vater kam damals von Stuttgart und hatte schon dort eine Bäckerei. Am 1. September 1958 begann der Sohn mit der Lehre beim Vater. Als es dann vor fast 50 Jahren an die Übergabe an den Sohn ging, bestimmte der Vater die Regeln. „Ich kannte meine Frau Rosemarie nicht einmal ein Jahr“, sagt Bernd Mohr. Die Hochzeit war für den Mai 1969 geplant. Ein Paar habe bei so einer Geschäftsübernahme verheiratet zu sein, befand der Vater, so wurde die Hochzeit einige Monate vorgezogen. Nun ist Bernd Mohr seit einigen Tagen 75 Jahre alt, seine Frau Rosemarie sitzt derzeit nach einem Oberschenkelhalsbruch im Rollstuhl. Deshalb hat die Bäckerei Mohr am heutigen Samstag, 15. September, das letzte Mal geöffnet.

Zu den geschäftlichen Hochzeiten hatten die Mohrs drei Leute im Laden und vier in der angrenzenden Backstube beschäftigt. Genauer: Rosemarie Mohr beschäftigte drei Leute im Laden und Bernd Mohr vier in der Backstube. Denn ihre Zuständigkeiten hatten beide klar geregelt und abgegrenzt. So kam es, was die Bestellungen angeht, immer wieder zu klaren Ansagen. Eine davon gab es im Urlaub in Südtirol, als Rosemarie Mohr ein leckeres Walnussbrot schmeckte. So etwas wollte sie zuhause auch verkaufen. „Du bist Bäckermeister, du kriegst das hin.“ „Also habe ich solange probiert, bis es ihr geschmeckt hat, das war gar nicht so einfach.“ Der Lohn der Mühe: Den Kunden schmeckte es auch, das Brot blieb bis zum Schluss im Sortiment. Ein anderes Mal beauftragte die Frau ihren Mann im September, zwei neue Sorten Weihnachtsgebäck zu entwickeln. Im Café Geiger, das alte Esslinger noch kennen, hatte sie die Hägenmark-Hörnle gekostet: „So etwas will ich auch.“ Ihr Mann kreierte seine eigene Version, nun flehen Kunden bei ihm um das Rezept. „Das habe ich nur im Kopf.“ 35 bis 40 Sorten Weihnachtsgebäck hatten die Mohrs im Angebot, die Kunden kamen dafür von weit her. Für Bernd Mohr hieß das jedes Jahr, fünf Wochen lang bis abends 23 Uhr zu backen – wobei die Arbeit oft morgens um halb zwei Uhr anfing, pünktlich um 6.30 Uhr wollte das Heim in Kennenburg seine frischen Brötchen haben.

„Als ich in die Lehre ging, gab es drei Brotsorten“, erinnert sich Bernd Mohr. „Wenn ich meinem Vater gesagt hätte, ich backe Körnerbrot, hätte der gesagt, der Hafer gehört den Gäulen.“ Das hat sich längst geändert, als weitere Eigenkreation kam das genetzte Dinkel-Vollkornbrot dazu. Gab es auch Flops? „Ja, natürlich. Ich war begeistert, meine Frau auch, aber die Kunden nicht. Das weiß man nach 14 Tagen, wenn das jemand einmal kauft und nicht wieder.“ Was die Kundschaft angeht, hat Bernd Mohr viel Erfahrung. „Bei Regen sind weniger Leute unterwegs, nach dem Urlaub sparen die Leute beim Essen. Wenn der Daimler das Weihnachtsgeld ausbezahlt hat, dann brummt es.“ Gebacken wurde in einer Backstube, die Bernd Mohr zuletzt nur noch mit Sondergenehmigung betreiben durfte. „Die EU fordert eine Deckenhöhe von drei Metern, ich habe nur 2,70 Meter.“ Dem Bäckermeister ist klar, dass das Geschäft für einen neuen Bäcker zu klein ist, es lohnt sich nicht. Für die Maschinen gibt es Interessenten, auch für Entwicklungsländer: „Da kann man noch etwas reparieren, ohne Computer.“ Was in das Geschäft reinkommt, weiß er noch nicht: „Das hängt davon ab, wie viel ich reinstecken muss und wie hoch die Miete ist.“

Was er in 50 Jahren mit seinen Mitarbeitern erlebt habe, darüber könne er einen Bestseller schreiben, sagt Bernd Mohr. „Anfangs haben noch manche bei uns gewohnt, bei freier Kost und Logis, so war es bei den Bäckern üblich.“ Es gab bis zu drei Azubis gleichzeitig. „Wenn einer morgens um vier Uhr anrief, er sei krank, kamen die anderen beiden womöglich aus Angst vor Mehrarbeit hinterher. Dann bin ich alleine dagestanden, dann hat es pressiert.“ Pressiert hat es teils auch aus einem anderen Grund: „Ich war 40 Jahre bei der Feuerwehr, ich hatte es ja nicht weit. Manchmal ging es vom Einsatz direkt in die Backstube.“

Und nun? „Ich muss alles auf Vordermann bringen, für meine Frau kommen nochmals eine Klinik und die Reha. Nun kann ich endlich meine Tochter in Erlangen besuchen.“

Am Samstag, 13. Oktober, organisieren die zwei Kinder und vier Enkel für die Mohrs und ihre Kunden vormittags eine Abschiedsparty. Für diese, verspricht Bernd Mohr, wird er letztmals zwei seiner Klassiker backen: Springerle und Hägenmark-Hörnle. Wer weiß, vielleicht rückt er ja doch noch das Rezept heraus.

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