So sah es um 1900 in der Wilhelmstraße aus. Rechts im Vordergrund das Gasthaus „Krone“. Foto: Stadtarchiv Ostfildern - Stadtarchiv Ostfildern

Vor 900 Jahren wurde Ostfilderns größter Stadtteil Nellingen erstmals urkundlich erwähnt. Dieses Jubiläum soll 2020 groß gefeiert werden.

OstfildernBeim Blick aus seinem Büro in der alten Propstei hat OB Christof Bolay eines der ältesten Zeugnisse Nellingens stets vor Augen: den um 1220 entstandenen romanischen Kirchturm von St. Blasius. Ostfilderns größter Stadtteil hat aber noch mindestens 100 Jahre mehr auf dem Buckel. Denn die erste schriftliche Überlieferung von „Nallingin“, wie Nellingen damals offiziell hieß, datiert aus dem Jahr 1120. Eine Papsturkunde bestätigte damals eine Schenkung des Ortsadeligen Anselm von Nellingen an das Benediktinerkloster St. Blasien im Schwarzwald. 900 Jahre – dieses Jubiläum soll dieses Jahr ausgiebig gefeiert werden. Mittelpunkt wird ein Festwochenende am 27./28. Juni sein, an dem auch ein Umzug durch den Ort stattfinden soll (siehe Infobox).

Bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges war die Geschichte Nellingens geprägt durch das Kloster St. Blasien. Zur Verwaltung seiner Güter in und um Nellingen errichtete es hier eine Propstei. Daran erinnert eben jener um 1220 errichtete Kirchturm im Klosterhof. Dass er bis heute steht, ist auch Glückssache, denn er überstand selbst die Zerstörungen des Städtekriegs im Jahr 1449 und den Bombenangriff 1944.

Lange Zeit hatte Nellingen eine regionale Bedeutung. Aus Unterlagen des Ostfilderner Stadtarchivs geht hervor, dass hier bis zum Jahr 1836 eine württembergische Stabskellerei und ein Kameralamt angesiedelt waren. Seit 1811 gehörte Nellingen zum Oberamt Esslingen.

Die Industrialisierung brachte große Veränderungen. Aus dem traditionellen Bauerndorf entwickelte sich nach und nach eine Wohngemeinde für Arbeiter. Jobs fanden diese in den Fabriken des Neckartals. Die Landwirtschaft betrieb man zunehmend nur noch im Nebenerwerb. All dies schlug sich natürlich auch auf die Politik nieder. Bis zur Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 galt Nellingen als „rotes“ Dorf.

Ein Meilenstein in der Entwicklung der Gemeinde war die Inbetriebnahme der Straßenbahn END im Jahr 1926. Diese Überlandbahn ersparte vielen Arbeitern den beschwerlichen Fußweg nach Esslingen und in andere Neckarorte. Doch dauerte diese Episode nur bis 1978. Das Auto verdrängte die Straßenbahn wieder. Heute, in Zeiten überquellender Straßen, wäre man froh über diese Verbindung. Vielleicht wird irgendwann das Rad wieder zurück gedreht. Denn eine Verlängerung der Stadtbahn von Nellingen bis nach Esslingen erscheint zumindest nicht mehr als unmöglich.

Nach dem Krieg herrschte in Nellingen wie andernorts große Wohnungsnot. Abhilfe schaffte man mit dem Bau der Parksiedlung, die ab 1957 auf Flächen des Hauses Württemberg entstand. Bis 1965 wuchs Nellingen auf 10 000 Einwohner. Auch sonst standen die Zeichen auf Wachstum. Ab 1967 entstand ein Schulzentrum mit zwei Gymnasien, einer Realschule und der Erich-Kästner-Schule als Grund- und Hauptschule. 1975 wurde im Zuge der landesweiten Verwaltungsreform die Reformstadt Ostfildern gegründet, ein Zusammenschluss aus den Gemeinden Nellingen, Ruit, Scharnhausen und Kemnat. Nellingen ist seither nicht nur der wichtigste Schulstandort in der Stadt, auch gesamtstädtische kulturelle Einrichtungen wie die Volkshochschule und die Musikschule fanden im 1989 eingeweihten Zentrum „An der Halle“ eine moderne Bleibe. Die Parksiedlung ist mittlerweile ein eigener Stadtteil, genauso wie der Scharnhauser Park. Mit 10 500 Einwohnern ist Nellingen nach wie vor der größte Stadtteil.

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