Alina Bronsky (links) bei der LesART im Gespräch mit Moderatorin Julia Schröder. Foto: Robin Rudel - Robin Rudel

Ihren neuen Roman „Der Zopf meiner Großmutter“ stellte die Wahl-Berlinerin Alina Bronsky bei den Esslinger Literaturtagen LesART vor. Der tragikomische Text brachte das Publikum immer wieder zum Lachen.

EsslingenAuf dem schmalen Grat zwischen Tragik und Komik balanciert die Autorin Alina Bronsky. In ihrem neuen Roman „Der Zopf meiner Großmutter“ (Kiepenheuer und Witsch, 20 Euro) zelebriert sie diese Kunst virtuos. Aus der Sicht des Enkels, des Jungen Maxim, erzählt die Autorin die Geschichte der ehemaligen Tänzerin Margo. Als Spätaussiedlerin kommt die resolute Russin mit ihrem Mann und dem verwaisten Enkelkind nach Deutschland. Weil sie ihren einzigen Lebenssinn darin sieht, andere zu kontrollieren, findet sie in der neuen Gesellschaft keinen Halt. Bei den Esslinger Literaturtagen LesART im Kaisersaal des Amtsgerichts stellte Bronsky ihr neues Buch vor.

„Man weiss nicht, ob man weinen oder lachen soll“, kommentierte Moderatorin Julia Schröder das ungewöhnliche Leseerlebnis. Die Zuhörer lachten nicht zu knapp, als die 1978 geborene Schriftstellerin die bizarren Geschichten des Enkels und seiner kontrollsüchtigen Oma vorlas. Zum Geburtstag bäckt sie dem Kind eine fantastische Buttercremetorte, steht dafür die ganze Nacht in der Küche. Als der Junge mal probieren will, fällt die Antwort enttäuschend aus. „Brauchst Deine Bauchspeicheldrüse nicht mehr? So ein Essen ist nur für normale Menschen. Du iss’ mal schön mit den Augen.“

Das ihr anvertraute Kind macht die alternde Frau künstlich krank, sie nennt Maxim sogar einen Krüppel. Das tut sie nur, damit sie selbst eine Aufgabe hat. Obwohl Bronsky von diesem Kindergeburtstag mitreißend leicht erzählt, schwingt zwischen den Zeilen doch immer der Schmerz des Kindes mit, das sich in einer neuen, ihm zunächst ganz fremden Welt zurechtfinden muss.

„Früher hat man nicht so auf das Seelenleben der Kinder geschaut“, sagt die vierfache Mutter. Doch gerade das sei ihr am wichtigsten. Im Alter von zwölf Jahren kam Bronsky in den 90er-Jahren mit ihrer Familie aus Russland nach Berlin. „Erst wussten wir gar nicht, ob wir bleiben werden“, schildert die Schriftstellerin ihre Unsicherheit, die ihr das Ankommen erschwerte. Geboren 1978 in Jekaterinburg in Russland, lebt Bronsky jetzt in der Großstadt Berlin. Schon als Kind habe sie den Umzug in eine ganz andere Kultur als großen Umbruch erlebt, erzählt die Künstlerin in dem sehr offenen, entspannten Gespräch mit der Literaturkritikerin Julia Schröder. „Der Konsum und der Überfluss“, das habe sie damals überwältigt. Viel von diesem Staunen des Kindes, das ganz plötzlich in eine neue Welt geworfen wird, schwingt in „Der Zopf meiner Großmutter“ mit. Reizvoll ist der Roman nicht zuletzt wegen der Erzählperspektive des kleinen Max. „Eigentlich bin ich ja kein Fan von kindlichen Erzählern“, verrät Bronsky. Doch um die Großmutter, eine hoch komplexe Frauenfigur, zu beschreiben, sei ihr der kleine Maxim als guter Beobachter erschienen, der „nah genug dran ist“. Dennoch wahre diese Perspektive genug Distanz, um die schwierige Psyche der Oma zu beschreiben. Vom bitterbösen Drachen, der mit Desinfektionsmittel durch die bescheidene Unterkunft im Aussiedlerwohnheim rennt, bleibt am Ende nicht viel übrig. Denn die ehemalige Tänzerin ist eine zutiefst verzweifelte Frau. Die herrische Alte scheitert sogar an dem Versuch, in der Schule auf ehrenamtlicher Basis „dicken Mädchen“ das Tanzen beizubringen. Die verächtliche Art, wie sie Menschen begegnet, halten nur ganz wenige aus.

2008 landete Alina Bronsky mit ihrem ersten Roman „Scherbenpark“ einen Bestseller. 2013 wurde der Roman in der Regie von Bettina Blümner verfilmt. Da beschreibt sie die Kämpfe junger Spätaussiedler in einer Hochhaussiedlung. In diesem sozialen Brennpunkt lebt die 17-jährige Sascha, deren Geschichte die Autorin schonungslos ehrlich, zugleich aber sehr sensibel nachzeichnet. Bronskys Sprache ist klar, direkt, aus dem Alltag gegriffen. Ihre Literatur spricht ein junges wie auch ein älteres Lesepublikum an. Über die Zeitthemen, die die 41-Jährige verhandelt, diskutieren Leserinnen und Leser aller Generationen kontrovers. Das macht den Reiz ihrer Arbeiten aus. Hat denn Alina Bronskys eigener Transformationsprozess, der Wechsel von der einen in die andere Kultur, ihr Schreiben geprägt? Da ist sich die Wahl-Berlinerin sicher. Denn sie habe stets beide Kulturen im Blick. Immer habe sie sich gefragt: „Was verbindet uns trotz der Unterschiede?“

Obwohl die Zuhörer im Verlauf der Lesung immer wieder befreit lachen, kippt der Roman nie ins rein Komische. Bronsky legt die sozialen Konflikte ebenso offen wie das Scheitern der Menschen, die ihre Heimat verloren haben. Dennoch will sich die Autorin auch in „Der Zopf meiner Großmutter“ die Leichtigkeit nicht nehmen lassen. Eingangs hat sie den Roman als „Liebesgeschichte“ beschrieben, „ich hoffe, dass das auch ein bisschen durchscheint“ – der Großvater immerhin befreit sich mit einer jüngeren Geliebten aus den Fesseln, wird selbst wieder Vater. Trotz aller traumatischen, traurigen Erlebnisse sieht Bronsky immer die vergnüglichen Seiten des Lebens: „Was ich nicht möchte, ist, dass jemand das Buch traurig zuschlägt.“

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