Aus seinem Roman „Königskinder“ las der Schweizer Autor Alex Capus. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Zur LesART stellte Alex Capus seinen Roman „Königskinder“ vor. Die Besonderheit: Das Buch erzählt zwei Geschichten, die in unterschiedlichen Zeiten spielen.

EsslingenDie erste LesART-Veranstaltung mit Alex Capus war sofort ausverkauft. Weil der Schweizer Autor ein Herz für seine Leser hat, erklärte er sich spontan bereit, zweimal hintereinander zu lesen. So kamen doppelt so viele Fans in den Genuss, den ausgefuchsten Erzähler, der mit beeindruckender Lust am Fabulieren schreibt, live zu erleben. Alex Capus ist seinen Figuren zärtlich zugetan. Brillant baut er Spannung auf, um sie mit einem charmanten Augenzwinkern nach einer gefühlten Ewigkeit endlich wieder aufzulösen. Souverän und mühelos verknüpft er die beiden Erzählstränge seines neuen Romans „Königskinder“ (Hanser-Verlag, 21 Euro): die amüsante Rahmenhandlung in der Gegenwart und die poetisch-romantische Liebesgeschichte zwischen einem Schweizer Kuhhirten und einem treuen Bauernmädchen Ende des 18. Jahrhunderts.

Während er frühere Lesungen ganz ohne Buch bestritt, las er aus „Königskinder“ einige gut ausgewählte Passagen vor und ergänzte Überleitungen, Erläuterungen und Abschweifungen in freier Rede. „‘Königskinder‘ ist eine Geschichte, in der schon jemand jemandem eine Geschichte erzählt. Wenn ich Ihnen nun auch noch diese Geschichte erzählen würde, in der jemand jemandem eine Geschichte erzählt, dann wäre das eine erzählerische Umdrehung zu viel“, begründete er diese Entscheidung vorab.

Er beginnt im Hier und Jetzt, mit Max und Tina, die Capus-Fans bereits aus „Das Leben ist gut“ kennen: Sämtliche Wetterwarnungen in den Wind schlagend fährt das Ehepaar den Jaun-Pass zwischen Greyerzerland und Berner Oberland hinauf, wird prompt auf der Passhöhe von einem Wintereinbruch überrascht, bleibt im Straßengraben liegen und muss die Nacht im Auto verbringen. Im Sticheln und Streiten haben es Max und Tina in 26 Ehejahren zur Meisterschaft gebracht: Ratzfatz geht es über „Welcome“-Fußmatten und gehäkelte Smartphone-Hüllen zum eigentlichen Stein des Anstoßes: Scheibenwischer bei Schneefall – da lässt sich prima ein Fass aufmachen, um so richtig ans Eingemachte ranzukommen. „Über die kleinen Dinge zankten sie sich unablässig, aber in den großen Dingen verstanden sie sich blind“, schreibt Capus über die beiden, die sich die Wartezeit verkürzen, indem Max seiner Frau eine Geschichte erzählt, die sich zweihundert Jahre zuvor auf dem Pass zugetragen haben soll.

Auf diese zweite Geschichte stieß Capus per Zufall: Das über 200 Jahre alte Volkslied vom „Pauvre Jacques“ besingt mit der unglaublichen Liebesgeschichte von Jakob und Marie eine wahre Begebenheit. Capus, der Geschichte, Philosophie und Ethnologie studiert hat, ist bekannt dafür, dass er seine Stoffe sehr genau recherchiert, beim Schreiben dann aber mit der Fantasie des Schriftstellers zu Werke geht und Fakten und Fiktion meisterhaft miteinander verknüpft. Was gefunden und was erfunden ist, lässt sich später nicht mehr genau auseinanderhalten. „Wobei es gar nicht so wichtig ist, ob eine Geschichte wahr ist oder nicht. Wichtig ist, dass sie stimmt“, lässt er den erzählenden Max einmal sagen. Dieser Jakob, 1760 als Sohn eines Alphirten geboren, lebte „in einer sehr festgefügten Zeit: Alles schien unverrückbar festgeschrieben zu sein, für immer und ewig“, schildert Capus. Aus Jakob wird ebenfalls ein Alphirte. Jedes Jahr beim Viehabtrieb winkt er Marie, der Tochter des Bauern, schüchtern zu, und sie winkt zurück. Als Jakob 19 Jahre alt ist, trifft die beiden die Liebe „in dieser einen Sekunde.“ Natürlich folgt die Ernüchterung – „Augenblicke wie dieser verweilen nie“, weiß Capus –, denn der Bauer denkt nicht daran, seine Tochter einem „Alpentrampel und Barfußbengel“ zur Frau zu geben. Zur Strafe wird Jakob erst in den Militärdienst und später an den französischen Hof geschickt. „Acht Jahre lang konnten die beiden nur aneinander denken. Whatsapp, Skype oder E-Mail gab es nicht, sie konnten nicht telefonieren, sie konnten nicht einmal Briefe schreiben, denn sie konnten weder lesen noch schreiben. Aber sie hielten einander die Treue, ohne zu wissen, ob der andere überhaupt noch lebt“, berichtete Capus, den so viel Vertrauen, Beharrlichkeit, Loyalität und Treue angerührt haben.

Die Liebe als Anker in unsicheren und schwierigen Zeiten. Alex Capus zog Parallelen von Jakob und Maries Leben am Vorabend der Französischen Revolution zur Gegenwart: „Die meisten Menschen ahnen heute, dass es nicht immer so weitergehen wird, und dass wir in einer Zeitenwende leben. Große Veränderungen stehen uns bevor.“ Bei aller Leichtigkeit schlug Alex Capus an diesem Abend im Kutschersaal der Esslinger Stadtbücherei immer wieder auch dunkle, nachdenkliche Töne an.

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