Schieflage: Benjamin Grüter als Iwanow samt seiner eigenen Video-Replik. Foto: Thomas Aurin - Thomas Aurin

Von der russischen Provinz des 19. Jahrhunderts in den deutschen Mittelstand der Gegenwart: Der britische Autor und Regisseur Robert Icke hat Tschechows „Iwanow“ aktualisiert.

StuttgartSmart sieht er aus, dieser Iwanow, der jetzt Nikolas „Nicki“ Hoffmann heißt: wie er so traurig in den Himmel guckt, dabei von der Videokamera eingefangen und an die Rückwand der Bühne gezoomt wird. Während die melancholische Songwriterstimme von Bill Callahan erklingt, der eine traurige Ballade von Dunkelheit und sterbenden Schatten singt. Ein bisschen wie im Film ist das. Immer zwischen den Akten werden im Stuttgarter Schauspielhaus solche gefühlsduseligen „Sequenzen“ eingebaut in Robert Ickes Inszenierung und sogenannte Überschreibung von Tschechows „Iwanow“. Vor dem zweiten Akt taumeln sogar bunte Luftballons von oben herunter und künden die Party bei den Lehmanns an, die im Original Lebedew heißen. Aber am Ende füllt sich der Heckmeck mit der Videokamera doch noch mit ein bisschen Sinn. Nachdem sich Iwanow die Pistole in den Mund gesteckt und sich erschossen hat, sieht man ihn aus der Vogelperspektive in einer Blutlache liegen. Die Familie seiner Braut in spe beugt sich über seinen toten Körper, schreit und heult, während Iwanow-Darsteller Benjamin Grüter sich erhebt und leise durch den Zuschauerraum den Saal verlässt. Ein trefflich inszeniertes Ende, das freilich allzu sehr an zahllose ähnlich in Bilder gefasste Sterbeszenen des Gefühlskinos erinnert.

Depressiver Anzugträger

Der britische Regisseur Robert Icke ist bekannt geworden durch Inszenierungen von Theaterklassikern mit aktualisierender Textbearbeitung – seine „Orestie“ etwa, die in der vergangenen Saison in Stuttgart Premiere hatte. Auch von „Iwanow“ ist am Ende wenig Originaltext übrig geblieben. Icke hat das Stück aus der russischen Provinz des 19. Jahrhunderts, aus dem Milieu des abgewirtschafteten Kleinadels in die gehobene Mittelschicht des heutigen Deutschland verlegt. Im Original ist Iwanow ein noch junger, aber ausgebrannter, schwermütiger, letztlich auch an Schuldgefühlen zugrunde gehender Intellektueller. Seine schwerkranke Frau, die von ihrer Familie verstoßen wurde, weil sie für ihren Gatten vom Judentum zum Christentum konvertierte, liebt er nicht mehr. Icke macht aus ihm einen depressiven, für irgendeine Firma arbeitenden Anzugträger, 42 Jahre alt. Therapien und Medikamente haben diesem Nicki nichts geholfen. Ihm geht’s „andauernd furchtbar“. Kopfschmerzen quälen ihn, er kann nicht schlafen, hat ständig ein „Klingeln im Ohr“, fühlt „weder Liebe noch Mitleid – nur ein völliges Vakuum“.

Klagen, die sich über zwei Stunden im Wiederholungshamsterrad drehen und ein bisschen nach Apothekenrundschau klingen. Und der graue, farblose Depressionsschleier findet sich in der schummrigen Beleuchtung wieder, die die Bühne eindüstert. Mit der Depression lässt sich eben alles erklären: von Iwanows Antriebslosigkeit über seine Einsamkeit bis zur erloschenen Liebe zu Ehefrau Anna, die zeitgerecht nicht an der Tuberkulose, sondern an Krebs erkrankt ist.

Hildegard Bechtler hat die Bühne des Schauspielhauses hübsch verwandelt: 1000 Liter Wasser sollen es sein, mit denen sie geflutet wurde. Mittendrin eine quadratische, sich drehende Holzinsel mit Stegen, die übers Wasser führen. Mit Mobiliar versehen dient die Insel später als hippes Anwesen am See. Aber wozu dieser Aufwand? Einmal geht Anna ins Wasser und kühlt sich das Gesicht. Ab und an schlappt Iwanow durchs Nass oder kauert sich ans Ufer. Kurzum: Das Wasser ist überflüssig.

Sein effektheischender Einsatz weckt den Verdacht der Ablenkung von der Inhaltslosigkeit, die ansonsten herrscht. Denn die Übertragung ins Heute bleibt viel zu ungenau: Einerseits herrscht Realismus, unrealistisch dagegen ist, dass die dargestellte Gesellschaft von medialen und digitalen Entwicklungen nichts zu wissen scheint. Ein paar Mal summt ein Handy, aber auf dem Röhrenfernseher leuchtet die gute alte Sendepause. Während der Party im Hause Lehmann wird zu Coldplays „Viva la vida“ getanzt, es wird gesoffen, sich beleidigt und über Immobilienblasen, Ehen als Investment und „einstürzende Villen“ parliert. Die Leere und Langeweile, unter der Tschechows Figuren leiden, müssten jedoch mit Spannung und bitterer Komik gefüllt werden, um interessant zu werden.

An der Oberfläche

Ickes Dialog-Überschreibungen bleiben an der Oberfläche: eine Mischung aus Alltagssprache, Sitcom und Daily-Soap. Ein Niveau, das beim Thema antisemitische Häme (die im Original wesentlich schärfer aufs Korn genommen wird) gar in die Schieflage gerät, weil der Hass auf vermeintliche Political correctness („Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“) das Publikum nur zum Lachen bringt. Auch darstellerisch bleibt vieles unterbelichtet. Da stören das „Scheiße“-Gebrüll und der übertriebene Aktionismus, bei dem auch mal eine Nase blutig geschlagen wird, noch am wenigsten. Benjamin Grüter spielt Iwanow alias Nicki jedenfalls viel zu eindimensional als unzugänglichen, egoistischen Jammerlappen. Nina Siewert bleibt als Lehmann-Tochter Sascha, die sich lolitahaft an Nicki heranmacht, im Pubertären stecken, während Paula Skorupa die Krankheit Annas fast nur in schlappen, müden Bewegungen zeigt.

Michael Stiller aber gelingt eine Glanzleistung: Sein Peter Lehmann steht stets unter dem Stress, es allen recht machen zu wollen, was sein Hin-und-her-Gewusel genauso offenbart wie sein rhythmisch in die Luft stechender, zitternder Zeigefinger. Am Ende zieht er sich stets unterwürfig zurück, und wenn er mal brüllend aus der Haut fährt, dann bekommt er gleich einen Schwächeanfall. Brillant ist auch Felix Strobels Verkörperung des jungen, oft nach Worten ringenden, in Anna schwer verliebten Arztes. Ebenso trägt Klaus Rodewalds heulsusiger, phlegmatischer Iwanow-Onkel noch viel Rest-Tschechow in der Seele. Retten aber kann das den Abend nicht. Man baut am Stuttgarter Staatsschauspiel jetzt eben auf leicht verdauliches Theater, das niemandem wehtut.

Die nächsten Vorstellungen: 1., 14. und 26. Dezember sowie 2. Januar.

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