Das Aus für die Notfallpraxis in Kirchheim wollen Politiker nicht hinnehmen. Oberbürgermeister Pascal Bader setzt nun auf einen Schulterschluss mit der Politik und mit anderen betroffenen Kommunen in Baden-Württemberg.
Die angekündigte Schließung der Notfallpraxis in Kirchheim stößt auf heftige Proteste. Bei einem Pressegespräch am Montag in Stuttgart gab die Kassenärztliche Vereinigung (KVBW) ihre Pläne bekannt. 18 Standorte sind insgesamt in Baden-Württemberg betroffen. In einem Brief forderte der Kreisverband des Gemeindetags den Gesundheitsminister des Landes, Manfred Lucha (Grüne), eindringlich auf, gegen die Pläne von politischer Seite einzuschreiten: „Es darf nicht sein, dass gut funktionierende Strukturen zerschlagen werden und die medizinische Versorgung der Menschen verschlechtert wird.“
Als Grund für die drastischen Einschnitte gibt die KVBW den Ärztemangel an. Im dicht besiedelten Kreis Esslingen müsse die Infrastruktur erhalten werden, fordern die Kommunalpolitiker. „Wir, die Vertreter aller Kommunen im Landkreis Esslingen, sind in großer Sorge um die Sicherstellung der ärztlichen Notfallversorgung in unserer Region“, schreibt der Kreisverbandsvorsitzende des Gemeindetags, Ralf Barth, in dem gemeinsamen Schreiben an den Minister. Der Denkendorfer Verwaltungschef und seine Kollegen sehen „die Versorgungssicherheit aller Bürger im Landkreis massiv beeinträchtigt.“
Dass auch die Notfallpraxis im Kirchheimer Krankenhaus geschlossen werden soll, hält auch Oberbürgermeister Pascal Bader „für den völlig falschen Weg“. Er fuhr am Montag mit einer Gruppe aus Kirchheim zu der landesweiten Demonstration in Stuttgart. Dort protestierte er mit rund 400 Menschen gegen die Pläne, die nun für viele Kommunen Wirklichkeit werden sollen. Verärgert war der Kirchheimer Rathauschef, „dass die Pressemitteilung mit dem offiziellen Aus bereits am Vormittag veröffentlicht wurde.“ Er hätte sich gewünscht, dass die Landtagsabgeordneten das Thema zunächst im Sozialausschuss diskutieren, der am Mittwoch auf dem Plan steht. „Über Fraktionsgrenzen hinweg sprechen sich alle für den Erhalt der Notfallpraxen aus“, verweist Bader auf die Gespräche mit Landespolitikern, die er geführt habe. Zur Demonstration reisten die Vertreter einiger Kommunen sogar mit Bussen an. Landkreise mit einer ländlicheren Struktur, in denen die Orte weiter auseinanderliegen, treffe die Streichung noch härter. Im Kreis Esslingen gibt es neben dem Standort in der Medius-Klinik Kirchheim Notfallpraxen im Nürtinger Krankenhaus, an der Filderklinik und im Klinikum Esslingen. Dass auf diese wie auf die Notaufnahmen „eine Mehrbelastung zukommt“, ist für die Sprecher der Krankenhäuser klar.
Landen mehr Fälle in der Notaufnahme?
Wie beurteilt Bader die Auswirkungen für die Menschen in Kirchheim und Umgebung? „Die Wege werden weiter.“ Die Rechnung der KVBW, dass 95 Prozent der Menschen auch weiterhin eine Notfallpraxis in 30 Minuten erreichen könnten, kann er nicht nachvollziehen. Unter den Demonstranten, die sich mit der S-Bahn auf den Weg zu der Kundgebung gemacht hatten, waren nach Baders Worten frühere Mitarbeiter der Notaufnahme des Kirchheimer Krankenhauses. „Sie befürchten, dass mehr Fälle dort landen.“
Für den Kirchheimer Oberbürgermeister ist das Thema nicht vom Tisch. Bei der Demonstration in Stuttgart hat er Kontakte mit den Kollegen der anderen betroffenen Standorte geknüpft. „Wir werden uns beraten und dann gemeinsam überlegen, wie wir weiter verfahren.“ Dabei setzt Pascal Bader zunächst „auf politische Initiativen“.
Scharfe Kritik an der Schließung des Standorts Kirchheim hatte es von dem Landtagsabgeordneten und Fraktionschef der Grünen, Andreas Schwarz, gegeben. Er sieht darin „einen Schlag ins Gesicht der Ärztinnen und Ärzte“. Andreas Kenner (SPD) spricht von „einem Unding“. „Glücklicherweise gibt es keinen vollkommenen Kahlschlag“, sagt Dennis Birnstock (FDP). Es könne nicht angehen, dass die drittgrößte Stadt im Landkreis ohne Notfallpraxis bleibe. „Die CDU-Fraktion bedauert, dass im Vorfeld einer derart weitreichenden Entscheidung, die die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung direkt betrifft, keine intensivere Kommunikation mit den politischen Entscheidungsträgern auf lokaler Ebene stattgefunden hat“, sagt Nathalie Pfau-Weller. Die Kirchheimer Landtagsabgeordnete der CDU hätte sich „eine frühzeitigere und umfassendere Einbindung der Kommunen sowie der betroffenen Bevölkerung gewünscht“.
Um Verständnis werben dagegen Vereinigungen der Ärzte. Der fächerübergreifende Ärzteverband MEDI Baden-Württemberg unterstützt eine Neustrukturierung. Immer mehr niedergelassene Ärztinnen und Ärzte verabschiedeten sich in den Ruhestand, sodass der Nachwuchs fehle. Ein Sprecher des Verbands appelliert an die Patienten, genau zu hinterfragen, ob tatsächlich der Arzt sofort kontaktiert werden muss.