Sicher treten: Radler auf dem abgesperrten Streifen entlang der Maille. Foto: Dietrich - Dietrich

Eine Kraftfahrzeugspur hat der ADFC am Samstag für kurze Zeit in einen Radstreifen verwandelt. Damit wollte der Club anregen, die Infrastrukur für Radler auszubauen.

EsslingenSo macht Radfahren Spaß: Auf einem 50 Meter langen roten Teppich sind am Samstagnachmittag Erwachsene und Kinder gemütlich auf- und abgefahren, auch mit außergewöhnlichen Fahrrädern. Sie fühlten sich dabei sicher, obwohl sie auf der Ringstraße unterwegs waren: Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) hatte gemeinsam mit der Stadt Esslingen eine Kraftfahrzeugspur provisorisch zum geschützten Radstreifen gemacht. Insgesamt war die abgesperrte Strecke etwa 100 Meter lang, für den Radverkehr sind diese 100 Meter sonst eine unangenehme Lücke im Streckennetz.

„Die völlig unterdimensionierte Fahrrad-Infrastruktur ist schuld, dass der Radverkehr nicht – wie politisch gewünscht – deutlich anwächst“, sagte Joachim Schleicher, ADFC-Ansprechpartner für Esslingen. Er blickt sehnsüchtig in die Niederlande: Dort liege der Anteil des Fahrrads am Gesamtverkehr bei 30 Prozent, in Esslingen aktuell nur bei sieben Prozent. „Lob fürs Rad reicht nicht, es braucht radikal mehr Platz“, sagte Schleicher.

Die Aktion wurde vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) und vom Bündnis „Esslingen aufs Rad“ unterstützt. Die Stadt Esslingen half der Aktion mit einer vorbildlichen Baustellenabsperrung. Bisher gebe es im Maillepark immer wieder Konflikte zwischen Fahrradfahrern und Fußgängern, sagte Schleicher. Er will den Radlern eine Alternative bieten, mit der sie die Maille sicher umfahren können. „Radfahrer haben derzeit keine legale Möglichkeit, von der Neckarstraße in die östliche Altstadt zu fahren. Sie müssen absteigen und über Gehwege oder Fußgängerampeln schieben.“ Aus Sicht der ADFC-Aktiven gibt es noch andere Stellen in Esslingen, an denen der Radverkehr dringend mehr Platz braucht. Mehr Platz fürs Fahrrad, das fordert der ADFC derzeit bundesweit in einer Kampagne zu seinem 40-jährigen Bestehen.

„Der Autofahrer würde fast nichts verlieren, der Radfahrer ganz viel gewinnen, der Maillebesucher auch“, so Eberhard Grille, Vorstand Verkehrspolitik beim ADFC-Kreisverband. Er bedauert, dass Verbesserungen für die Radler in Esslingen bisher an fehlenden Planungskapazitäten gescheitert sind. „Das Budget wurde nicht ausgeschöpft. Die Stadt sollte sich überlegen, ob sie bestimmte Planungen nicht fremdvergibt.“ Er hofft, dass Radler künftig im Neckarpark, am ehemaligen Stellwerk der Bahn, fahren können: „Aus meiner Sicht führt kein Weg daran vorbei, es ist der kürzeste Weg für Pendler.“

Für den VCD-Kreisvorsitzenden Dirk Rupp hat die Aktion gezeigt: „Der Platz ist da, die Abbiegespur kann der Autoverkehr leicht freigeben.“ Die Spur helfe, die Lücke im Radnetz zwischen Fahrradstraße und Wehrneckar zu schließen. Auch Schleicher kritisiert diese Lücke, es gebe nur einen „minimalistischen Schutzstreifen auf der Ringstraße“. Radfahren in Esslingen sei Stress, das habe das miserable Abschneiden der Stadt beim aktuellen Radklimatest des ADFC gezeigt. Sie habe in ihrer Größenordnung in Baden-Württemberg den vorletzten Platz belegt. 440 Esslinger hatten an der bundesweiten Befragung teilgenommen.

„81 Prozent der Befragten ist es wichtig, an einer Straße getrennt vom Autoverkehr unterwegs zu sein“, sagte Schleicher. Mit geschützten Radstreifen, von den Autos mit Trennelementen wie etwa durch Poller abgetrennt, ließen sich in kurzer Zeit und mit begrenztem Aufwand mehr Menschen jeden Alters auf Rad bringen. Dies habe sich unter anderem in Chicago, New York und Washington gezeigt. In Berlin wurde 2018 der erste solche Radstreifen in Deutschland eröffnet. „Auch in Esslingen sind geschützte Radfahrstreifen sinnvoll möglich“, sagte Schleicher.

Die dauerhafte Abtrennung der Spur würde eine direkte Verbindung in die Ritterstraße schaffen, so Petra Schulz vom VCD. Doch das ist für sie nur der erste Schritt. „Eine Umgestaltung der Maille-Kreuzung ist längst überfällig.“ So könnten Radfahrer weiter zur Hochschule gelangen.

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