Foto: „Das hat etwas Archaisches“: Bei - „Das hat etwas Archaisches“: Bei schönem Wetter proben die Esslinger Alphörner im Freien direkt neben den Feldern des Sulzgrieser Eglisenhofs.

Eigentlich ist das Alphorn eher in den Bergen zuhause. Acht überaus musikalische Herren, die sich „Die Esslinger Alphörner“ nennen, frönen auch hierzulande ihrer Leidenschaft für jenes Naturinstrument, das nicht nur durch die beeindruckende Länge seines konisch geformten Rohrs, sondern auch durch eine durchdringende Klangfülle und weiche, warme Töne begeistert.

EsslingenAlle 14 Tage erklingen beim Sulzgrieser Eglisenhof ungewohnte Töne: Dann proben dort – bei schönem Wetter im Freien direkt neben den Feldern, bei schlechter Witterung im großen Raum über dem Hofladen – die Esslinger Alphörner. Acht überaus musikalische Herren frönen ihrer Leidenschaft für das Alphorn, jenes Naturinstrument, das nicht nur durch die beeindruckende Länge seines konisch geformten Rohrs, sondern auch durch eine durchdringende Klangfülle und weiche, warme Töne begeistert. Dieter Clauss, Chef auf dem Eglisenhof, wo die Bläser ihr Proben-Domizil haben, liebt das Alphornspiel: „Dabei kann ich wunderbar abschalten.“

Woher das Alphorn ursprünglich kommt, ist nicht genau bekannt: „Horninstrumente sind auf allen Kontinenten, in verschiedenen Regionen und Zeiten, aus verschiedenen Materialien und in unterschiedlichen Formen erfunden worden“, erzählt Uwe Eberspächer. Hirten und Senner haben es wegen der weithin hörbaren Töne zur Verständigung über große Distanzen verwendet, was dem Alphorn die scherzhafte Bezeichnung „Handy der Hirten“ eingetragen hat. Die Instrumente der Esslinger Musiker bestehen aus Bergfichtenholz, sind überraschend leicht und lassen sich gut transportieren, da sie aus drei Teilen bestehen und über Metallhülsen zusammengesteckt und mit einem Mundstück versehen werden. Exakt 3,68 Meter lang sind sie. Und weil die Länge eines Alphorns die Tonart bestimmt, in der es spielbar ist, kann der Alphornkundige daraus schließen, dass die Instrumente der Gruppe in F gestimmt sind. Während sich bei anderen Blasinstrumenten der Ton durch Klappen, Ventile oder Löcher verändern lässt, funktioniert das beim Alphorn nur über die Lippen und das Atemvermögen des Bläsers. Wegen der Anblas-Technik über das Mundstück wird das Alphorn, das meistens aus Holz, seltener aus Carbon oder Acrylglas gefertigt wird, übrigens zu den Blechblasinstrumenten gezählt.

Ein geübter Bläser kann seinem Alphorn 15 oder 16 verschiedene solche Naturtöne entlocken. Für Eckhart Fischer macht genau das den Reiz dieses Instruments aus: „Ich habe in meinem Leben genug Töne gespielt“, ulkt der Jazzmusiker und Geschäftsführer des Tonkünstlerverbandes Baden-Württemberg. „Diese Reduktion auf 15 oder 16 Töne, auf die Naturtonreihe, das ist für mich die totale Entspannung. Das hat etwas Archaisches. Das spürt man anders.“ Bei der Naturtonreihe haben die Töne nicht den gleichen Abstand zueinander, sie liegen nach oben immer näher beieinander, was es immer schwieriger macht, sie exakt zu treffen. Spezialisten wie Nikolaus Eder aus der Esslinger Gruppe schaffen aber trotzdem beachtliche vier Oktaven.

Als Ziel für die nähere Zukunft haben sich die Esslinger Alphörner vorgenommen, ihre Instrumente auch mal mit einem nicht in F gestimmten Alphorn zu kombinieren. „Ich habe mir ein Koppelstück bestellt, um mein Alphorn zu verlängern und damit dessen Stimmung zu verändern“, erzählt Benny Korff. Das bedeutet dann jedoch, dass für sämtliche Stücke neue Noten geschrieben werden müssten. „Und das bedeutet, dass wir sehr viel üben müssen, bis das wirklich gut klingt“, betont er. Die Mitglieder der Esslinger Alphörner sind ambitionierte Musiker, die auch in anderen Kapellen, Orchestern und Bands spielen. Ihre Leidenschaft jedoch gehört dem Alphorn. Udo Böh­merle erzählt, dass er schon als Junge auf der hohlen Teppichstange im Garten geblasen hat: „Immerhin drei Töne konnte ich da spielen.“ Für Rainer Steib ging mit 21 Jahren ein Traum in Erfüllung, als der versierte Tuba- und Posaunenspieler im Allgäu-Urlaub mit den Einheimischen Alphorn spielen durfte. Und er machte seine Sache so gut, dass er sogar ein Instrument kaufen durfte: „Das ist eigentlich Allgäuer Brauchtum und nichts für Auswärtige.“

Unter der künstlerischen Leitung von Uwe Eberspächer und Eckhart Fischer spielt die Gruppe, die es seit fast 30 Jahren gibt, mehrstimmige Ensemblestücke der traditionellen und zeitgenössischen Alphorn-Literatur. Aber die Herren haben auch Eigenkompositionen im Repertoire und Stücke, die Eckhart Fischer eigens für das Alphorn umschreibt. Im vereinseigenen Notenheft, das sie zwei- bis dreimal im Jahr herausbringen, finden sich Klaus Doldingers „Tatort“-Erkennungsmelodie, das „Star Wars“-Thema oder der Titelsong aus der amerikanischen Fernsehserie „Dallas“. Und beim Esslinger Glockenkonzert haben sie im Dialog mit Blechbläsern auf der Stadtkirche den selbst komponierten „Turmwecker“ vom Dicken Turm herunter geblasen, um Esslingens Wahrzeichen aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken. Und weil das Alphorn im Freien besonders gut klingt, spielen sie nicht nur bei der Brunnenwanderung und beim Weinwandertag in Esslingen, sondern haben jüngst auf Baden-Badens Hausberg Merkur ein Konzert gegeben. Und bei einer Fortbildung in Ochsenhausen haben sie kürzlich auf dem größten bespielbaren Alphorn der Welt musiziert.

Am 29. November um 16 Uhr spielen die Esslinger Alphörner bei „Willkommen Advent!“ auf dem Eglisenhof der Familie Clauss, am 11. Dezember um 18 Uhr sind sie auf dem Esslinger Weihnachtsmarkt zu hören, am 20. Dezember geben sie um 16 Uhr ein Konzert beim Wäldenbronner Kreisverkehr an der Bärenapotheke, und am 31. Dezember um 15 Uhr blasen sie zu Silvester am Kernenturm.

Wer sich für die Aktivitäten der Esslinger Alphörner interessiert, ist bei Facebook unter esslinger.alphoerner immer auf dem neuesten Stand. Wer gerne selbst mitspielen möchte oder Interesse an weiteren Informationen hat, wendet sich per Mail unter klaus.bindner@gmx.de an den Vereinsvorsitzenden Klaus Bindner.

Hier klingen Alphörner

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