Keine besonders rosigen Aussichten für Bundestrainer Alfred Gislason: Der Taktik-Tüftler muss bei der WM viel improvisieren. Foto: imago/Sven Simon

Nach den WM-Absagen fünf bis sieben muss sich Handball-Bundestrainer Alfred Gislason neue Konzepte überlegen – vor allem für die Abwehr. Auf die Kandidaten aus Württemberg kann der Taktik-Tüftler bei den Titelkämpfen in Ägypten zählen.

Stuttgart - Andreas Michelmann ist ein grundsätzlich positiv denkender Mensch. Also übte sich der Präsident des Deutschen Handballbundes (DHB) nach der Absageflut von Nationalspielern in Zweckoptimismus. Er zog für die Weltmeisterschaft in Ägypten (13. bis 31. Januar 2021) Parallelen zum goldenen Wintermärchen vor knapp fünf Jahren in Polen: „Wir hatten eine EM 2016, da haben wir auch ohne vier und am Ende sogar fünf Topspieler gespielt und konnten dann befreit aufspielen“, sagte der 61-Jährige.

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Doch diesmal trifft es die DHB-Auswahl noch um einiges härter. Das komplette Abwehrkonzept ging durch die Corona-bedingten Absagen flöten. Der eingespielte Innenblock mit den Kielern Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler steht nicht zur Verfügung, genauso wenig die baumlange Alternative fürs Deckungszentrum, Finn Lemke. Und auch im Angriff kristallisierte sich jetzt schon der rechte Rückraum als ganz besondere Problemzone heraus. Für diese Position fehlt das Linkshänder-Trio Steffen Weinhold (wegen Corona), Fabian Wiede und Franz Semper (beide Verletzungen). Hinzu kommt noch der Ausfall von Spielmacher Tim Suton (Kreuzbandriss).

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Damit verliert der Kader mächtig an Qualität, und der sportliche Wert der WM an sich leidet. Alfred Gislasons Improvisationskünste sind gefragt: Sein erweiterter WM-Kader ist von ursprünglich 35 auf 28 Spieler geschrumpft. Aus dieser Auswahl muss er am kommenden Montag die 20 Spieler benennen, mit denen er zur WM reist. Nach außen gibt sich der Taktik-Tüftler gelassen: „ Jeder Verlust ist auch eine Chance“, sagte der 61-Jährige. Auch DHB-Sportvorstand Axel Kromer zeigte sich trotz der personellen Nackenschläge zuversichtlich: „Wir haben eine sehr breite Spitze. Jeder ist irgendwo zu ersetzen, nur eben nicht auf dem gleichen Niveau und mit anderen Qualitäten.“

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Weitere – zumindest Corona-bedingte – Absagen von Nationalspielern sind aktuell nicht mehr zu erwarten. Entsprechende Signale liegen dem DHB vor. Das bestätigt auch die Aussage von Marcel Schiller gegenüber unserer Zeitung: „Natürlich macht man sich viele Gedanken, ob die WM sein muss oder nicht. Aber ich werde auf jeden Fall spielen, wenn ich nominiert werde. Ich will unseren Sport und unser Land repräsentieren“, erklärte der Linksaußen von Frisch Auf Göppingen.

Schiller, Heymann und Bitter wollen spielen

Auch sein Teamkollege Sebastian Heymann möchte am Ball sein: „Das Nationalteam ist für unsere Sportart einfach extrem wichtig und hat die mit Abstand größte Strahlkraft.“ Wie Schiller und Heymann hat auch Johannes Bitter vom TVB Stuttgart Verständnis für die Absagen von Nationalspielern, der Torwart selbst hat entschieden, am Start zu sein: „Wenn ich gesund bleibe, bin ich bei der WM dabei“, so der 38-Jährige.

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Die einzigen Vorbereitungspartien für die Titelkämpfe wären die beiden Qualifikationsspiele für die EM 2022 gegen Österreich am 6. und 10. Januar 2021. Der DHB hat an die Europäische Handball-Föderation (EHF) appelliert, diese zu verlegen, um die Gefahr einer Infizierung mit dem Coronavirus für alle Beteiligten zu minimieren – „im Interesse der Sicherheit für die Spieler“ (Michelmann). Für den DHB-Chef wäre es dringend geboten, das Nationalteam vor dem WM-Turnier für eine Woche zu isolieren. „Die sieben Tage braucht eine Mannschaft, damit die Spieler sicher in die Bubble reingehen können“, mahnte Michelmann.

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